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"Aida"- Bühnenmodell | by Zeichenhaft
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"Aida"- Bühnenmodell

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1. Akt, 2. Bild: Im Tempel des "Vulkan".

 

Das den Hintergrund ausfüllende Gesicht gehört zur Grabfigur des HEM-IUNU, die sich im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum (1911 als Pelizaeus-Museum eröffnet) befindet und von herausragender Bedeutung ist.

 

Prinz und Wesir HEM-IUNU war der Lieblingsneffe König Cheops und dessen Stellvertreter.

Auf dem Sockel seiner Statue wird er als dessen "leiblicher Sohn" bezeichnet, was jedoch als erhöhende Umschreibung zu verstehen ist.

Neben einer Reihe von wichtigen Staatsämtern hatte er auch das des Obersten Bauleiters der Königlichen Großprojekte inne, von denen das bedeutendste der Bau der Cheopspyramide war.

 

Die Kalksteinfigur mit Spuren einstiger Bemalung ist eine lebensgroße Sitzstatue, die durch ihre charaktervolle Erscheinung sofort beeindruckt.

Was unmittelbar ins Auge fällt, sind die gebogene "Adlernase" und der durchdringende Blick - sowie eine ausgesprochene Beleibtheit, mit teils weiblich anmutenden Rundungen, insbesondere der Brust.

Diese Wohlgenährtheit galt aber nicht als unvorteilhaft, sondern war, im Gegenteil, ein Ausweis für Wohlstand und Ansehen.

 

HEM-IUNU ist die einzige bekannte Skulptur ihrer Art in der ägyptischen Grabmalkust und stammt aus der Zeit um 2580 v.Chr.

Die Einzigartigkeit dieser zum Typus der Sitzstatuen zählenden Plastik bezieht sich darauf, dass die wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Person, die weder ein Mitglied der Königsfamilie noch eine Gottheit verkörpert und ohne Attribute wie Pharaokrone oder Tierkopf als schlichte Privatperson vor dem Betrachter sitzt, nicht nur ungewöhnlich, sondern bislang ohne Beispiel ist und auf eine herausragende gesellschaftliche Position schließen lässt.

 

HEM-IUNU wurde mit vermutlich von Grabräubern abgeschlagenem Kopf von dem Wiener Archäologen Hermann Junkers entdeckt und am 19. März 1912 aus dem steinigen Sand des Beamtengräberfeldes auf dem Plateau von Giza (am Fuß der großen Pyramiden) geborgen.

Nach Verzögerungen durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges fand die Figur ihren Weg nach Hildesheim, wo sie seither das Glanzstück der ägpytischen Sammlung ist, die der mit Junkers befreundete Wilhelm Pelizaeus (Kaufmann, Bankier und leidenschaftlicher Sammler ägyptischer Kunst) für sein Museum zusammengetragen hat.

 

Anlässlich seines 100-sten Jubiläums setzte das Theater für Niedersachsen, TfN Hildesheim, im Dezember 2010 Giuseppe Verdis "Aida" auf den Spielplan - eine Oper, die man sich mit ihrem Hang zu Arenen und Sportstadien nicht so recht auf einer kleinen Bühne vorstellen kann.

Doch die handlungsentscheidenden Momente finden abseits des Triumphmarsches statt und sind kammerspielartig, sogar Einpersonen-Szenen - man denke nur an Radames' "Celeste Aida" (neben dem Triumphmarsch das bekannteste Stück aus dieser Oper), an Aidas einsame Nilarie oder an Amneris' verzweifelten Ausbruch vor den Stufen des Gerichts, in dem Radames, an dessen unerwiderter Liebe sie zerbricht, zum Tod durch Einmauern verurteilt wird.

 

"Aida" funktioniert auch in intimerem Rahmen, wenngleich die Tendenz ihres Dekors zum Monumentalen ebensowenig zu leugnen ist, wie ihre Aura des Magischen und ihr

Bereits das zweite Bild, der Tempel des Vulkan, ist von dieser übernatürlichen Atmosphäre druchdrungen - die rituelle Einkleidung Radames zum Besieger der Feinde Ägyptens unter den Augen der Götter strebt nach mystischer Überhöhung und der Schreittanz der Tempeljungfrauen ist eine hinreißende Vertonung Verdis von entsprechenden Reliefs und Wandmalereien.

Aber vor allem denkt man dabei an Radames und Aidas großes Liebes-Schlussduett in der Grabkammer, zu Klängen wie aus einer anderen Welt, bzw. in diese hinüberleitend - gleichsam ein gesungener Blick in den ägyptischen Götterhimmel - "Ich sehe wundervolle Dinge!", wozu noch später.

Wenn es einen italienischen "Tristan" gäbe - hier wäre er nicht mehr weit.

Ist es pure Einbildung, zwischen Isoldes Schlussgesang und diesem Duett irgendeine, wenn auch ferne klangweltlich-melodiöse Verwandschaft herauszuhören...?

 

Zunächst hatte Verdi nichts Monumentales im Sinn, wollte die tragische Liebesgeschichte ganz ins Zentrum rücken - der Triumphmarsch kam später dazu.

Wie aus dem Nichts (so unvermittelt wie die Anfangsszene beginnt) stimmen die hohen, geteilten Violinen in der Ouvertüre einen unprätentiösen Erzählton an...um sich rasch in gleichsam pyramidalen Stufen in Gewaltiges, Großes Andeutendes zu steigern...eine epische Geschichte in extremen Kontrasten und satten Farben aus vergangener Zeit.

Eine Geschichte aus welcher Zeit? Von "lange her", aus heutiger oder aus gar keiner bestimmten Zeit?

"Opernstories sind Gleichnisse", wie mir ein Regisseur einmal sagte, "die von zeitgeschichtliche Anbindungen meistens unabhängig sind".

Die "Aida"-Geschichte würde vor vielen historischen Hintergründen (am besten allerdings vor einem königlich oder anderweitig hierarchischen, mit starken Staatsgefüge - dies sei eingrenzenderweise gesagt) funktionieren, da sie viele menschiche Grundmotive enthält wie Liebe, Eifersucht, Hoffnung, Verzweiflung, Streben nach Macht oder persönlichem Glück, die sich nicht verändern und die Menschen damals wie heute in ihrer Lebensbahn hin- und herwerfen.

 

"Aida" ruft, ohne behaupten zu wollen, dass man sie in ägyptischem Gewand darstellen muss, wie kaum eine andere Oper sofort zahlreiche vertraute Zeichen und Symbole ins Bewusstsein.

Die Form einer Pyramide, um nur ein Beispiel zu nennen, ist von so starker Einprägsamkeit, dass man sie, einmal gesehen, schwerlich vergessen kann. Dass sie außerdem das perfekte Symbol der hierarchischen Gesellschaftsform darstellt, muss kaum extra erwähnt werden.

Und Tutanchamuns Goldmaske, die von Palmen umstandenen Tempel am Nil, die unterschiedlichen Säulentypen, Götterstatuen oder Hieroglyphen (z.B. das "Udjat"-Auge oder der "Ankh"-Schlüssel) sind einem, auch wenn man noch nie im Land der Pharaonen war, mit einer Selbstverständlichkeit vertraut, über die man sich eigentlich wundern muss.

 

Dies gilt nicht für die Musik der alten Ägypter, über die man mangels überlieferter Notentexte (ob man derlei überhaupt kannte, ist ungewiss) kaum etwas weiß, wenngleich auf Wandmalereien Musikinstrumente wie Flöten, Harfen und Tamburine zu erkennen sind. Wahrscheinlich hat man sich auch damals Bewährtes gemerkt, variiert und improvisiert.

Dass der Tanz dabei eine große Rolle spielte, rituell, wie zur Unterhaltung, geht aus diesen Darstellungen eindeutig hervor.

Das natürliche Bedürfnis des Menschen nach Klang, Rhythmus und Melodie (wodurch Stimmungen und Gefühle erzeugt werden) scheint uralt zu sein.

Ob Verdi konkret darauf eingegangen wäre - wer weiß?

Wenn man sich die Musik zum dritten Bild ("Gemach bei Amneris", 2. Akt, 1. Bild) - ob man die Einteilung der Oper in sieben Bilder oder in vier Akte bevorzugt, muss jeder für sich entscheiden - eingebürgert hat sich mehr das Akt-System, da niemand beim "Nilakt" vom "fünften Bild" sprechen würde - anhört und dabei an Fresken mit harfespielenden Sklavinnen denkt, könnte man sich das durchaus vorstellen.

Die Vokalisen der Tempelpriesterin (Sacerdotessa) im zweiten Bild des ersten Aktes (bzw. dem dritten Bild), um ein Beispiel herauszugreifen, sind von träumerischer Intensität. Man glaubt, betäubende Düfte einzuatmen...hyptnotisch, trance-artig könnte man es nennen - aber Verdi hat es erfunden, sich hineinphantasiert in das Halbdunkel des Vulkan-Tempels (ebenfalls ein Phantasieprodukt).

 

"Aida" erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Fundiertheit ihrer "phantastischen Archäologie", weit davon entfernt - und doch flirtet sie stark mit dieser.

Der Wunsch nach einer ägyptischen Nationaloper und die bedeutenden Erkenntnisse und Fortschritte in der Ägyptologie durch Ausgrabungen, Entzifferungen, enzyklopädische Beschreibungen und deren Verbreitung waren jedenfalls prägende Faktoren bei der Entstehung der Oper.

 

Bemerkenswert ist schon der Name AIDA an sich - er ist perfekt gewählt. Seine große Einprägsamkeit durch seine Kürze und sprachenübergreifende Verwendbarkeit, ist das eine. Wenn man zudem beiseite lässt, dass er eher orientalisch klingt als ägyptisch, auch arabisch oder sogar äthiopisch, wo es z.B. den Mädchennamen Aiyana (oder Ayana) gibt, was aparterweise "Schöne Blume" bedeutet, stellt man fest, dass der Buchstabe A an eine Pyramide erinnert.

Was "Aida" als Name bedeuten könnte, ist jedermanns persönlicher Phantasie überlassen - übrigens auch eine seiner Eigenschaften, dass er diese anregt. Wie wäre es z.B. mit "Windhauch in der Wüste"...?

Auch ist er vorwärts und rückwärts gelesen fast spiegelgleich - Symmetrie findet sich oft in monumentaler, offizieller Architekur, in einer Pyramide schon gar.

Wenn man im Französischen noch die beiden Akzent-Pünktchen (Tremata) auf das "i" setzt, um es zu verlängern, wirken die Buchstaben fast ein wenig wie Hieroglyphen...A Ï D A.

 

Man kann wohl sagen, dass "Aida" in musikalischer Hinsicht, von den Ballettstücken, die andeutungsweise exotisch-fremdländisch klingen, vielleicht abgesehen, keine ägyptische, sondern eine italienische - eine Verdioper ist.

Manche Stellen in den Tanzeinlagen des Triumphmarsches klingen geometrisch, aufbauend in die Höhe strebend und lassen erahnen, dass Verdi sich für die Darstellungen von Tempeln und Portalen sehr interessiert hat - gut vorstellbar, dass er sich in die minutiösen, farbigen Illustrationen der Bild-Enzyklopädie "Description de L'Egypte" (auf die im Weiteren noch eingegangen wird) vertieft hat.

Vielleicht ein etwas weit hergeholter Einschub, aber dennoch: Die Verwandlungsmusiken in Richard Wagners "Parsifal" lassen ebenfalls eine Ahnung davon entstehen, dass gewaltige Kuben sich wie von selbst aufeinandertürmen und in der Phantasie des Zuhörers zur Gralsburg zusammfügen. (funktioniert am besten mit geschlossenen Augen!).

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es sich bei "Aida" um ein Auftragswerk handelte, bestellt vom ägyptischen Vizekönig Ismael Pasha, angeregt durch das Großereignis "Eröffnung des Suezkanals" in dessen Feierlichkeiten man die Aufführung dieser "Ägyptischen Nationaloper" integrieren wollte, was aus dem Grunde nicht möglich war, dass die in Paris hergestellten Kulissen wegen des Deutsch-Französischen Krieges dort feststeckten.

 

Der Mythos dieser Oper hängt stark mit ihrer Aufführungs-, vielleicht könnte man auch sagen "Ausstattungs-Geschichte" zusammen, bei der die Arena von Verona seit 1913, als Verdis einhundertster Geburtstag dort zelebriert wurde, immer eine stilprägende Rolle spielte, zumindest in der ägyptisierenden Richtung, wozu die Dimensionen einer Arena geradzu auffordern.

Eine Wechselwirkung mit Stummfilmen aus jener Zeit, mit äußerst monumentalen Sujets wie einstürzenden Tempeln, Vulkanausbrüchen, Massenszenen und Wagenrennen, etc., ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen.

Die Uraufführung am 24. Dezember, 1871, fand im Opernhaus von Kairo statt, einem heute nicht mehr existierenden Theater mittlerer Größe von weniger als tausend Plätzen.

Schon diese Aufführung wurde mit außergewöhnlichem Aufwand betrieben, inkl. "archäologischer Wunder" und technischer Raffinessen - welche erst in letzter Minute fertig wurden.

Für den sofortigen Erfolg des Stückes war die Ausstattung sicher nicht ausschlaggebend, aber sie mag durchaus durchaus dazu beigetragen haben.

Nach Exotisch-Magischem verlangte das damalige Publikum besonders, in Zeiten von grossen Hallen und Glaspalästen der Weltausstellungen.

Als Gegenbeispiel mag die erste Ablehnung der "Traviata" (Uraufführung 1853 im Teatro La Fenice in Venedig) gelten, der (in diesem Fall wirklich hauptsächlich) darauf zurückzuführen war, dass dem Premierenpublikum das Visuelle (aktuell realistische Kostüme und Räume) in Verbindung mit dem für damalige Verhältnisse gewagten Sujet missfiel, bzw. zu nahe trat (Eine solche Geschichte"gehörte" sich nicht, war ein Affront und musste ausgebuht werden!) - erst (oder bereits, wie man es nimmt) ein Jahr später und in Kostümen im Stil Ludwigs XIV stellte sich der Erfolg ein.

 

Die Hang der "Aida" zum Monumentalen liegt, wie schon angedeutet, im ägyptischen Dekor und das ist nicht verwunderlich - eine Pyramide, vielleicht als naheliegendstes Beispiel, die gleichzeitig in die Breite wie in die Höhe strebt und auch an Rätseln und Geheimnissen groß ist, musste einfach früher oder später auf der Opernbühne landen.

Eigentlich hat Mozart mit der "Zauberflöte" schon eine "Pyramidenoper" geschrieben, wenngleich zu seiner Zeit deren Inneres noch kaum erforscht war.

Man hielt sie für Stätten uralter Mythen und geheimer priesterlicher Riten. Dass sie in erster Linie gigantische Grabmäler der gottähnlich verehrten Phraonen waren, galt es noch zu entdecken, was seinen Anfang mit der Auffindung des "Steins von Rosetta" nahm. Dieser "Dreisprachenstein" in Hieroglyphen, Demotisch und Altgriechisch ermöglichte den Wissenschaftlern die Entzifferung der ägyptischen Schriftzeichen, gleichsam einem steinernen Passwort am Tor zur Welt der Pharaonen.

Vor diesem Hintergrund stellt die von Napoleon in Auftrag gegebene monumentale Bild-Enzyklopädie "Description de l'Egypte" ("Beschreibung Ägyptens", 1802), mit daraus resultierender "Ägyptomanie", einen Höhepunkt dar.

Der am 4. November 1922 von Howard Carter vor der noch nicht ganz geöffneten, von einer Kerze schwach beleuchteten Grabkammer Tutanchamuns ausgesprochene Satz: "Ich sehe wundervolle Dinge!" ist ein weiterer - nach cirka dreitausenddreihundert Jahren...!

Dieses maßlose Erstaunen findet seinen Ausdruck auch in dem Weltraumklassiker "2001" von Stanley Kubrick in den geheimnisvollen letzten Worten des Austronauten: "My god - it's full of stars!", womit ein vielleicht etwas gewagter Kreis von den Stummfilm-Arenakulissen zum heutigen Cinemascope-Kino geschlossen wird - Oper als Großes Kino, als Film...

nein, doch nicht ganz - die wahre Darbietungsform der Oper ist und bleibt live!

 

Außerdem, um zu Mozart zurückzukehren, existiert von diesem ein Opernfragment (bzw. ein Gemeinschaftswerk mehrerer Komponisten), das den Titel "Der Stein des Weisen" trägt und verschiedentlich als Vorläufer der "Zauberflöte" gedeutet worden ist, in welcher das Herzstück der ägyptischen Mythologie, der Isis-und Osiris-Kult, ebenfalls eine zentrale Rolle spielt.

Vielleicht könnte man Sarastro als Pharao und die Königin der Nacht als die ägyptische Totengöttin Nut besetzen? Letztere wurde von den Ägyptern als Göttin der Nacht (verschiedentlich auch eindeutig "Königin der Nacht"), des Nachthimmels, uä. stilisiert, wobei leicht erkennbar ist, dass "Nut" das Stammwort für "Nacht" in vielen Sprachen ist.

 

Wie bereits erwähnt, schwebte Verdi möglicherweise zunächst eine lyrische Liebesgeschichte, gleichsam einer verblichenen Wandmalerei in einer Grabkammer vor. Vielleicht. Dass sich monumentale Strenge (nicht nur im Dekor) eines Stücks, das im Land der Pharaonen spielt, nicht vermeiden lässt, war ihm sicher von Beginn an klar.

Der Triumphmarsch, man kann ihn mögen oder nicht, gehört zu "Aida" - in die Mitte, vor der Pause, und ist eines der markantesten Musikstücke der Opernliteratur.

Man kann ihn auch als eine Art musikalisches Ausrufezeichen hören, einen feierlichen "Tusch" auf die Eröffnung des Suezkanals, den Stolz Ägyptens und Brückenschlag vom Reich der Pharaonen in die Neuzeit, aus dessen Anlass die Oper in Auftrag gegeben wurde.

Dass "Aida" musikalisch aber viel mehr zu bieten hat, auch an sehr leisen, hohen, fast sphärischen Tönen, dringt bereits bei den ersten Takten des Vorspiels ins Ohr.

Ein Bild, das sich vielleicht aufdrängen mag, ist das eines Flußes, der sich vom Rinnsal seiner Quelle zu einem Strom verbreitert, jedoch nicht episch komponiert, sondern kurzgefasst und vorwärtsdrängenden, in mächtigen Aufschwüngen auf den Höhepunkt (der Spitze der Pyramide) zustrebend - um dann, ohne jeden Übergang, bei Öffnen des Vorhangs in den ruhigen, ernsten Gesprächtston der Anfangszene mit Ramfis und Radames zu wechseln.

"...Si, corre voce...", "...Ja, es geht die Kunde..." (oder wie man das übersetzen möchte) dürfte damals sehr modern gewirkt haben und ist auch heute noch ein starker Anfang. Der Zuschauer wird nach kurzem Wechselbad der Gefühle im Vorspiel unvermittelt in die Handlung, in eine Unterhaltung hineingestoßen. Was Ramfis' "Ja" vorausging - anzunehmenderweise ein Satz von Radames - bleibt offen und der Fantasie des Zuschauers überlassen - ein raffinierter Kunstgriff! Doch bleibt wenig Zeit, ihm nachzusinnen...nach "Celeste Aida" erscheinen Amneris Umrisse in der Portalöffnung...

Ihr Auftritt markiert das Ende des kurzen Prologs und den Beginn der Handlung dieser Geschichte, in der alles was passiert, dramatische Folgen hat.

Daher ist der Triumphmarsch, eigentlich ein (Schau-) Bild für sich, so ungemeint geschickt platziert - er ist quasi ein verzögerndes Gegengewicht zum Rest der Handlung, die atemlos, zwingend dem Ende entegenhetzt.

 

Der Frage nach unvermeidlicher oder gesuchter Monumentalität des Bildes ist anzufügen, dass Verdi bei den Vorbereitungen zur Mailänder Premiere, die kurze Zeit nach der Kairoer Uraufführung stattfand, das allzu üppige Gepränge im Triumphmarsch kritisierte und nicht mehr, sondern weniger Tänzerinnen wünschte, sehr zum Missfallen des Choreographen Hippolyte Monplaisir.

 

Dass Aida in Wirklichkeit selbst eine Prinzessin ist, hat in der Publikumswahrnehmung nie eine große Rolle gespielt - "Aida" ist das Stück mit dem Feldherrn und der Sklavin. Diese soziale Fallhöhe erschüttert und macht die Geschichte zusätzlich interessant und außergewöhnlich.

Lediglich im Nilakt wird der innere Konflikt ihrer Doppelidentität sichtbar und sogar handlungsentscheidend. Unter äußerem Druck, quasi durch die "moralische Keule" ihres Vaters, der ihr mit den Ahnen in drastischer Weise zusetzt und sie mit der Ausmalung von deren Rache fast zu Tode ängstigt, gibt sie nach und verrät ihren Geliebten, was ihr nachher dermaßen leid tut, dass sie sich in die Grabkammer schleicht, in der er eingemauert ist, um mit ihm gemeinsam den Tod zu finden.

 

Ebenfalls ein Umstand von vergleichsweise geringem Gewicht ist ihre Dunkelhäutigkeit - ein Seitenblick auf Otello zeigt, dass genau diese dort ein, wenn nicht der Hauptaktor der Handlung ist., zumindest der Ausgangslage für diese.

Jedenfalls ist "Aida" eine weitere Verdioper, in der eine Liebesbeziehung im Zentrum steht, die gesellschaftlich "nicht geht". Ein Handlungsmuster in seinem Werk, bei dem die geschlechtliche Aufteilung in etwa ausgeglichen ist - mal ist der Mann die unpassende, gesellschaftlich "schwächere" Hälfte (siehe Ernani, Troubadour, Macht des Schicksals, Otello), mal ist es die Frau (siehe Luisa Miller, Rigoletto, Traviata, Aida) - dadurch wird er/ sie aber nicht weniger attraktiv, ganz im Gegenteil!

Die sozial hochgestellte Frau, die mit einem Korsaren oder Banditen durchbrennt, der Sohn aus gutbürgerlichen Verhältnissen, der sich mit einer Dame aus der Halbwelt einlässt oder eben ein Feldherr, der heimlich eine Sklavin liebt und dafür mit seinem Leben bezahlt - romantisch, tragisch und erschütternd! Das ist es, was ein Publikum sehen möchte, denn das ist erlebnisintensiver und aufregender als die Darstellung von Harmonie am häuslichen Herd - Binsenweisheiten!

Zur Beschreibung solcher Gegenstände ist die Musik, vielleicht die beste Schilderin der Gefühle, hervorragend geeignet - hohe Geigen und Harfen für das Himmlische und Erlösende, Paukenwirbel für Momente grellster Verzweiflung, Entsetzen, dramatische Aktschlüsse und Eklats aller Arten...und dazwischen alle erdenklichen Abstufungen und Übergänge - Zwischen-Töne, vielleicht treffender ausgedrückt.

Das ist etwas profan auf die "Zutaten" angespielt - das "Wie" jedoch ist komplexer und liegt auf einer höheren Ebene, geheimnisvoll verborgen - so, dass man es auch über hunderfünfzig Jahre später noch nicht vergessen, noch nicht satt hat und in immer neuen Besetzungen und Deutungen hören und sehen will.

 

Was in Shakespeares "Romeo und Julia" die Feindschaft zwischen zwei ansonsten ebenbürtigen Familien ist, wird in Verdis Opern durch den Klassenunterschied ersetzt - auf der Opernbühne des 19. Jahrhunderts eine Art Lieblings- und Reizthema. Interessanterweise zu einer Zeit, als das exklusive Hoftheater längst der Vergangenheit angehörte und das Opernpublikum ein bürgerliches geworden war, das Eintritt bezahlen musste - Theater ist, ebenfalls im Gegensatz zur höfischen Bühne, zu einem mehr oder weniger kommerziellen Unternehmen geworden.

Ging es früher einzig und allein darum, den Fürsten zu amüsieren, waren es nun das zahlende (bürgerliche) Publikum, sowie die Presse, die über den Erfolg oder Misserfolg eines Stückes entschieden.

Zumindest was eine Uraufführung und die anschließenden Wiederholungen betraf...die späteren Zeiten kamen aber manchmal, wie man weiß, zu ganz anderen Ergebnissen

Für "Aida" gilt das nicht - sie war von anfang an ein Erfolg und hörte nie auf, einer zu sein.

 

Vielleicht ist es diese Mischung aus überwältigenden Massenszenen, Auseinandersetzungen am Rande von Wahnsinn und Hysterie, sowie einsam-verträumten Monologen auf leerer Bühne, die dieses sich wie im spitzen Schatten einer Pyramide abspielende Stück so unwiderstehlich macht.

Den Namen A I D A umgibt eine magische Aura, der jeden, selbst wer noch nie eine Oper gesehen hat, an etwas Erhabenes denken lässt - vielleicht an Pyramiden und Götterstatuen, Säulentempel und Paläste, an Palmenhaine, die Wüste...und den Nil.

 

 

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Uploaded on February 9, 2015