2. Juni 2012 Hamburg Neonaziaufmarsch und Proteste
Neonazis hatten für gestern einen Aufmarsch im Stadtgebiet von Hamburg angemeldet. Dieser sollte ursprünglich von der S-Bahn Haltestelle "Wandsbeker Chaussee", nordwärts einer vier Kilometer langen Route, entlang gehen.

Gegendemonstrant_innen hatten jedoch bereits große Teile der Wegstrecke blockiert, bevor der überwiegende Teil der Neonazis überhaupt erst an ihrem Startpunkt eingetroffen war. Zunächst schien es deshalb lange Zeit so, als ob die beiden führenden Köpfe der Veranstaltung, Christian Worch und Thomas Wulff, mit nur ein paar Untergebenen unter sich bleiben würden. Dann kamen jedoch per S-Bahn ungefähr 50 Neonazis aus dem Raum Berlin und Brandenburg dazu. Außerdem wurden ungefähr 200-300 Versammlungsteilnehmer_innen mit Bussen der Hamburger Verkehrsbetriebe antransportiert. Dazu kamen dann noch weitere 50 Nachzügler_innen, die extrem verspätet eintrafen.
Die Versammlung hatte nun eine Personenstärke von 400-500 Veranstaltungsteilnehmer_innen, deutlich weniger als die prognostizierten 1.000.
Dafür aber extrem gewaltbereit, bereits beim Verlassen der Busse griffen so einige Neonazis Journalist_innen an.

Nach dem Antritt in Appellform begann schließlich um 14.00 Uhr die Auftaktkundgebung mit einer Rede des NPD Funktionärs Thomas Wulff. Er sah den so genannten "Tag der deutschen Zukunft", so dass Motto der Veranstaltung, als Signal gegen eine angebliche Überfremdung. Diese Überfremdung sieht er vor allem im biologistischen Sinne als Problem, da es für ihn offenbar unvorstellbar ist, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Kinder haben können. "Multikulti", so das in der Rede verwendete Metapher dafür, ist in seinen Augen "Völkermord", und wird deshalb von ihm strikt abgelehnt.

Ebenfalls Sorgen um den Fortbestand "Deutschlands", bzw. um die "Deutschen", welche "Deutscher Zunge und Abstammung" sind, machte sich der NPD Funktionär Wolfram Nahrath. Der ehemalige Vorsitzende der verbotenen "Wiking Jugend" schwärmte in seinem Redebeitrag von angeblich 7.000 Jahren deutscher Geschichte bzw. "Volkwerdung", die durch eine angebliche Verschwörung einer bestimmten Gruppe von Menschen gefährdet sei. Diese "wollen uns die biologische Substanz entziehen", so Nahrath und forderte die Abkehr von "der multikulturellen Gesellschaft" und die Rückkehr zum "Volksstaat" (Rassestaat). In diesem Sinne sieht er sich und die "Völker Europas" in einem "Lebenskampf", wobei "Deutschland", seiner Meinung nach, eine Vorreiterolle zu erfüllen habe. Es heiße ja nicht umsonst: "am deutschen Wesen soll die ganze Welt genesen", so Nahrath.

Anschließend nahmen die Neonazis Marschaufstellung. Nahezu alle Straßen um die Kundgebung waren allerdings durch Sitzblockaden von mehreren tausend Gegendemonstrant_innen gesperrt. Vereinzelt wurden Barrikaden errichtet und angezündet. Der Aufmarsch hätte also von der Polizei durchaus für beendet erklärt werden können. Stattdessen wurde nur die Route geändert.
Unter dem Beifall der Neonazis räumte die Polizei mehrfach Sitzblockaden. Gegen eine Blockade am Peterskampweg Ecke Marienthaler Straße wurden auch Wasserwerfer eingesetzt. Hier verhielten sich die Gegendemonstrant_innen auch am beharrlichsten, wurden jedoch durch Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken letztendlich doch von der Neonaziroute verdrängt.

Bis zum Endpunkt des Aufmarsches der Neonazis, an der S-Bahn Haltestelle Hasselbrook, kam es auch immer wieder zu gewalttätigen Schlagabtauschen. In der Hasselbrooker Straße griffen Neonazis aus ihrem Aufzug heraus Gegendemonstrant_innen an. Wenig später flogen Böller, Flaschen und Steine gegen die Neonazis.

Der nächste "Tag der deutschen Zukunft" soll 2013, laut den abschließenden Worten von Neonazikader Dieter Riefling, in der "KdF Stadt" Wolfsburg stattfinden.
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