07.01.2023 – Dessau – Antirassistische Demonstration: „18 Jahre Kampf für die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh! Oury Jalloh – Das war Mord!“
Am 07.01.2023 in Dessau-Roßlau rund 2.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen rassistische und tödliche Polizeigewalt zu protestieren. Mit der Demonstration erinnerten die Teilnehmer*innen an den 36-jährigen Oury Jalloh, der vor achtzehn Jahren im Polizeirevier von Dessau-Roßlau verstorben ist. Die genauen Umstände von seinem Tod sind bis zum heutigen Tag ungeklärt. Der aus Sierra Leone stammende Asylbewerber ist in einer Polizeizelle ums Leben gekommen, nachdem er wegen eines falschen Belästigungsverdachts festgenommen worden war. Vor seinem Tod war er an Händen und Füßen auf einer feuerfesten Matratze fixiert gewesen. Sein Körper wies nicht nur schwere Verbrennungen auf, sondern auch Knochenbrüche der Nase, des Schädels und einer Rippe.
Die Demonstrant*innen erinnerten auch den 16-Jährigen Mouhamed Lamine Dramé, der im vergangenen Jahr im Dortmunder Stadtteil Nordstadt bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde. Der Protest richtete sich ebenfalls gegen Institutionellen Rassismus, Kriminalisierung der antifaschistischen Bewegung sowie rechte Netzwerke in der Justiz, bei der Polizei und beim Militär. Lautstark forderten die Demonstrant*innen die konsequentere Aufklärung rassistischer Vorfälle in den Reihen der Polizei und die Entnazifizierung der mit rechtsradikalen Netzwerken durchsetztem Sicherheitsbehörden, die menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten und die Auflösung der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, Frontex.
Zu der Demonstration unter dem Motto „18 Jahre Kampf für die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh!“ hatte die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ aufgerufen. Sie fordern unter anderem die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die damals diensthabenden Polizist*innen sowie die vollständige Aufklärung zum Tode von Oury Jalloh. Erst im November 2021 hatte ein britischer Brandsachverständiger ein neues Gutachten vorgestellt. Darin kam er zu dem Ergebnis, dass Jalloh von Polizist*innen angezündet worden sein müsse und zuvor "höchstwahrscheinlich" mit einer brennbaren Flüssigkeit wie Benzin übergossen wurde.
Die Staatsanwaltschaft Halle hatte vor fünf Jahren die Ermittlungen im Fall eingestellt, da eine weitere Aufklärung nicht zu erwarten sei. Kurze Zeit später hatte die damalige Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg angewiesen, die Ermittlungen an sich zu ziehen. Doch seitdem ist nichts mehr weiter geschehen, denn die zuständigen Oberstaatsanwälte hatte ein Jahr später die Einstellung aller Ermittlungen verfügt, parallel erklärte die Bundesanwaltschaft mehrfach ihre Nichtzuständigkeit und auch das Oberlandesgericht Naumburg hatte später das Klageerzwingungsverfahren abgewiesen.
Dementsprechend wütend kritisiert die Initiative das behördliche Nicht-Verhalten und forderten ein Ende der Verschleppungs- und Vertuschungspolitik, die Offenlegung aller Untersuchungsergebnisse, die Wiederaufnahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft sowie die Verurteilung der Verantwortlichen. Die Demonstration verlief friedlich und ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Rund 2.000 sind am 07. Januar 2023 in Dessau-Roßlau auf die Straße gegangen, um gegen rassistische und tödliche Polizeigewalt zu demonstrieren. Anlass für die Demonstration war der 18. Todestag des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle. Der Protest richtete sich auch gegen die Kriminalisierung der antifaschistischen Bewegung, rechte Netzwerke in der Justiz, bei der Polizei und beim Militär, der gesellschaftliche Rechtsruck, rassistische und antisemitische Chatgruppen in der Polizei, die autoritäre Formierung von Staat und Gesellschaft, rassistische Gewalt und institutioneller Rassismus.
Zu der Demonstration unter dem Motto „18 Jahre Kampf für die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh!“ hatte die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ aufgerufen. Die Initiative ist ein Zusammenschluss von Freiwilligen, die seit Jahren versuchen, die Hintergründe des Todes von Oury Jalloh aufzuklären und vor Gericht zu beweisen, dass er während seiner Gewahrsam von Polizist*innen angezündet wurde. Polizeibeamt*innen hatten den Mann aus Sierra Leone, der unter Alkohol- und Drogeneinfluss stand, in der Innenstadt aufgegriffen und in Gewahrsam genommen. Sie fesselten den 36-Jährigen an Händen und Füßen und fixierten ihn auf einer feuerfesten Matratze - in einem gefliesten, sonst völlig leeren Raum. Gegen 12 Uhr mittags brach in der Zelle Feuer aus. Oury Jalloh verbrannte qualvoll - von seinem Körper und der Matratze blieben nur verkohlte Reste übrig.
Trotzdem sind die Umstände, die zum Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh führten, bis zum heutigen Tag nicht geklärt. Trotz zweier Prozesse, an deren Ende im Dezember 2012 die Verurteilung eines Dienstgruppenleiters der Polizei zu einer Geldstrafe in Höhe von 10 800 Euro wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung stand. Der Polizist hätte - so das Gericht - dafür sorgen müssen, dass der unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehende Jalloh in der Zelle besser überwacht wird. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, die jahrelang in dem Fall ermittelt, war lange fest davon überzeugt, dass sich Jalloh selbst angezündet hatte
Doch Hinterbliebene sowie die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ hatten erhebliche Zweifel an dieser Version. Sie stellten eigene Nachforschungen an - und deckten dabei erhebliche Ungereimtheiten in den offiziellen Ermittlungen auf. So kam unter anderem heraus, dass an dem Feuerzeug, mit dem sich Oury Jalloh angeblich angezündet haben soll, fand sich kein genetisches Material des Opfers, dafür DNA eines Nichtafrikaners, zudem Faserreste, die nicht zum Tatort passten. Erst nach einer Brandversuchsreihe, die ein irischer Gutachter im Jahr 2013 im Auftrag der Initiative ausführte, kam heraus, Um ein Brandbild wie in der Zelle in Dessau zu erzeugen, braucht es einen Brandbeschleuniger. Die Eltern des Toten stellten daraufhin Strafanzeige wegen Mordes gegen Unbekannt. Zwar sah die die Staatsanwaltschaft Klärungsbedarf, dennoch wurden im Oktober des vergangenen Jahres die Ermittlungen zunächst endgültig eingestellt.
Laut einem radiologischen Gutachten vom 18. Oktober 2019, die anhand von Computertomographie-Aufnahmen aus dem Jahr 2005 entstanden sind, wiesen die menschlichen Überreste von Jalloh auch Knochenbrüche der Nase, des Schädels sowie einer Rippe auf. Laut dem Gutachten müssten diese Verletzungen wahrscheinlich zwischen seiner Festnahme und dem Tod wenige Stunden später zugefügt worden sein. Dieses Gutachten wurde bis heute nicht berücksichtigt.
Im Dezember 2017 wies die damalige Ministerin für Justiz und Gleichstellung in Sachsen-Anhalt, Anne-Marie Keding (CDU), die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg an, die Ermittlungen an sich zu ziehen. Grund dafür waren öffentlich gewordene Einschätzungen des früheren leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, der mittlerweile eine Vertuschungstat für möglich hält. Bittmann, bislang ein Verfechter der Selbsttötungs-Theorie, geht in einem Schreiben vom April 2017 von einem begründeten Mordverdacht aus. Er hält es für wahrscheinlich, dass Oury Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot war und mit Brandbeschleuniger besprüht und angezündet worden sei. Der frühere Oberstaatsanwalt Bittmann benennt in dem Brief sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten.
Doch seit einigen Jahren ist nichts mehr weiter passiert. Im Gegenteil, nachdem die Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft Halle übertragen wurden, waren sich die zuständigen Staatsanwält*innen schon nach wenigen Monaten sicher, dass es „keinerlei Anhaltspunkte“ für die Beteiligung Dritter am Tod von Oury Jalloh gegeben hat. Parallel hatte die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ am 7. Dezember 2017 eine ausführlich begründete Strafanzeige gegen einen der mutmaßlichen Täter aus dem Revier beim Generalbundesanwalt gestellt.
Noch am selben Tag wurde die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg vom Justizministerium von Sachsen-Anhalt mit der Bearbeitung des Falles beauftragt. Entgegen der vorliegenden Faktenlage, ordnete die zuständigen Oberstaatsanwälte im Oktober 2018 die Einstellung aller Ermittlungen. Währenddessen hatte die Bundesanwaltschaft wiederholt ihre Nichtzuständigkeit erklärt, da sie kein rassistisches Mordmotiv erkennen wolle. Auch das Klageerzwingungsverfahren wurde ein Jahr später, im Oktober 2019, durch das Oberlandesgericht Naumburg abgewiesen. Eine Verfassungsbeschwerde gegen diese Einstellung liegt seit mittlerweile über drei Jahren beim Bundesverfassungsgericht, eine Entscheidung steht bis zum heutigen Tage aus.
Im November 2021 hatte der britische Brandsachverständigen Iain Peck ein neues Brandgutachten vorgestellt. Der Brite kam darin zu dem Ergebnis, dass der an Händen und Füßen gefesselte Oury Jalloh von Polizeibeamt*innen angezündet worden sein muss und zuvor „höchstwahrscheinlich“ mit einer brennbaren Flüssigkeit wie Benzin übergossen wurde. Für das Gutachten baute der Sachverständige die Zelle 5 im Keller des Polizeireviers Dessau originalgetreu nach.
Für eine Videodokumentation wurde die vierte Wand der ansonsten komplett gefliesten Zelle aus feuerfestem Glas errichtet. Mit einem Dummy aus Schweinestücken und Schweinehaut in den Körpermaßen von Jalloh stellte der Brandgutachter die Abläufe an diesem 7. Januar 2005 in Echtzeit nach. Die offizielle Behördenversion, wonach sich der damals 36-jährige Jalloh an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze fixiert selbst angezündet haben soll, hält er deshalb für unwahrscheinlich.
Dementsprechend lautstark kritisierten die Initiative das behördliche Nicht-Verhalten und forderten ein Ende der Verschleppungs- und Vertuschungspolitik, die Offenlegung aller Untersuchungsergebnisse, die Wiederaufnahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft sowie die Verurteilung aller Verantwortlichen. Gemeinsam mit der Familie von Oury Jalloh stellte die Initiative im November 2021 außerdem eine Anzeige wegen Strafvereitelung im Amt gegen die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt.
Nach mehreren Rede- und Musikbeiträge, bei dem unter anderem der Sänger und bekennende Antifaschist Mal Élevé auftrat, setzte sich der Demonstrationszug gegen 15.45 Uhr in Bewegung. Die Demonstration führte zunächst zum Sitz der Staatsanwaltschaft, später zum Landgericht, am Stadtpark sowie Rathaus vorbei. Dort stoppte die Demonstration für Zwischenkundgebungen, bei dem mehrere Redebeiträge verlesen wurde. Am Stadtpark gedachten die Teilnehmer*innen auch an Alberto Adriano, der im Juni 2000 von Neonazis zu Tode geprügelt wurde.
Ebenfalls in einem Redebeitrag thematisiert wurde der Tod des 16-Jährigen Mouhamed Lamine Dramé. Der Geflüchtete aus dem Senegal wurde am 8. August in der St. Elisabeth Jugendhilfe an der St. Antonius Kirche im Dortmunder Stadtteil Nordstadt bei einem Polizeieinsatz erschossen. Der Jugendliche befand sich in einer akuten psychischen Ausnahmesituation und seine Betreuungspersonen verständigten - aus der Sorge heraus das sich das Leben nehmen würde - die Polizei. Diese rückten mit insgesamt 12 Beamt*innen an und gingen zunächst mit Pfefferspray gegen Mouhamed vor und setzten kurze Zeit später zwei Taser und eine Maschinenpistole ein. Vier Schüsse verletzten ihn so schwer, das er kurze Zeit später in einem nahegelegenen Krankenhaus verstarb.
Vor der Polizeirevier in der Wolfgangstraße, in dem Oury Jalloh vor achtzehn Jahren qualvoll zu Tode kam, endete die Demonstration mit einer Abschlusskundgebung. Die Demonstration verlief friedlich und ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Quellenangaben / Aufrufe:
• initiativeouryjalloh.wordpress.com/2022/11/10/aufruf-zur-...
• www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-01/oury-jallo...
• www.zdf.de/nachrichten/panorama/dessau-oury-jalloh-asylbe...
• www.tagesspiegel.de/politik/neues-gutachten-starkt-zweife...
• www.rosalux.de/news/id/46204
• www.tagesspiegel.de/politik/oury-jalloh-erlitt-vor-feuert...
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PM Cheung Photography
www.pm-cheung.com
Stand: November 2022
Die Demonstrant*innen erinnerten auch den 16-Jährigen Mouhamed Lamine Dramé, der im vergangenen Jahr im Dortmunder Stadtteil Nordstadt bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde. Der Protest richtete sich ebenfalls gegen Institutionellen Rassismus, Kriminalisierung der antifaschistischen Bewegung sowie rechte Netzwerke in der Justiz, bei der Polizei und beim Militär. Lautstark forderten die Demonstrant*innen die konsequentere Aufklärung rassistischer Vorfälle in den Reihen der Polizei und die Entnazifizierung der mit rechtsradikalen Netzwerken durchsetztem Sicherheitsbehörden, die menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten und die Auflösung der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, Frontex.
Zu der Demonstration unter dem Motto „18 Jahre Kampf für die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh!“ hatte die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ aufgerufen. Sie fordern unter anderem die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die damals diensthabenden Polizist*innen sowie die vollständige Aufklärung zum Tode von Oury Jalloh. Erst im November 2021 hatte ein britischer Brandsachverständiger ein neues Gutachten vorgestellt. Darin kam er zu dem Ergebnis, dass Jalloh von Polizist*innen angezündet worden sein müsse und zuvor "höchstwahrscheinlich" mit einer brennbaren Flüssigkeit wie Benzin übergossen wurde.
Die Staatsanwaltschaft Halle hatte vor fünf Jahren die Ermittlungen im Fall eingestellt, da eine weitere Aufklärung nicht zu erwarten sei. Kurze Zeit später hatte die damalige Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg angewiesen, die Ermittlungen an sich zu ziehen. Doch seitdem ist nichts mehr weiter geschehen, denn die zuständigen Oberstaatsanwälte hatte ein Jahr später die Einstellung aller Ermittlungen verfügt, parallel erklärte die Bundesanwaltschaft mehrfach ihre Nichtzuständigkeit und auch das Oberlandesgericht Naumburg hatte später das Klageerzwingungsverfahren abgewiesen.
Dementsprechend wütend kritisiert die Initiative das behördliche Nicht-Verhalten und forderten ein Ende der Verschleppungs- und Vertuschungspolitik, die Offenlegung aller Untersuchungsergebnisse, die Wiederaufnahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft sowie die Verurteilung der Verantwortlichen. Die Demonstration verlief friedlich und ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Rund 2.000 sind am 07. Januar 2023 in Dessau-Roßlau auf die Straße gegangen, um gegen rassistische und tödliche Polizeigewalt zu demonstrieren. Anlass für die Demonstration war der 18. Todestag des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle. Der Protest richtete sich auch gegen die Kriminalisierung der antifaschistischen Bewegung, rechte Netzwerke in der Justiz, bei der Polizei und beim Militär, der gesellschaftliche Rechtsruck, rassistische und antisemitische Chatgruppen in der Polizei, die autoritäre Formierung von Staat und Gesellschaft, rassistische Gewalt und institutioneller Rassismus.
Zu der Demonstration unter dem Motto „18 Jahre Kampf für die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh!“ hatte die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ aufgerufen. Die Initiative ist ein Zusammenschluss von Freiwilligen, die seit Jahren versuchen, die Hintergründe des Todes von Oury Jalloh aufzuklären und vor Gericht zu beweisen, dass er während seiner Gewahrsam von Polizist*innen angezündet wurde. Polizeibeamt*innen hatten den Mann aus Sierra Leone, der unter Alkohol- und Drogeneinfluss stand, in der Innenstadt aufgegriffen und in Gewahrsam genommen. Sie fesselten den 36-Jährigen an Händen und Füßen und fixierten ihn auf einer feuerfesten Matratze - in einem gefliesten, sonst völlig leeren Raum. Gegen 12 Uhr mittags brach in der Zelle Feuer aus. Oury Jalloh verbrannte qualvoll - von seinem Körper und der Matratze blieben nur verkohlte Reste übrig.
Trotzdem sind die Umstände, die zum Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh führten, bis zum heutigen Tag nicht geklärt. Trotz zweier Prozesse, an deren Ende im Dezember 2012 die Verurteilung eines Dienstgruppenleiters der Polizei zu einer Geldstrafe in Höhe von 10 800 Euro wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung stand. Der Polizist hätte - so das Gericht - dafür sorgen müssen, dass der unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehende Jalloh in der Zelle besser überwacht wird. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, die jahrelang in dem Fall ermittelt, war lange fest davon überzeugt, dass sich Jalloh selbst angezündet hatte
Doch Hinterbliebene sowie die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ hatten erhebliche Zweifel an dieser Version. Sie stellten eigene Nachforschungen an - und deckten dabei erhebliche Ungereimtheiten in den offiziellen Ermittlungen auf. So kam unter anderem heraus, dass an dem Feuerzeug, mit dem sich Oury Jalloh angeblich angezündet haben soll, fand sich kein genetisches Material des Opfers, dafür DNA eines Nichtafrikaners, zudem Faserreste, die nicht zum Tatort passten. Erst nach einer Brandversuchsreihe, die ein irischer Gutachter im Jahr 2013 im Auftrag der Initiative ausführte, kam heraus, Um ein Brandbild wie in der Zelle in Dessau zu erzeugen, braucht es einen Brandbeschleuniger. Die Eltern des Toten stellten daraufhin Strafanzeige wegen Mordes gegen Unbekannt. Zwar sah die die Staatsanwaltschaft Klärungsbedarf, dennoch wurden im Oktober des vergangenen Jahres die Ermittlungen zunächst endgültig eingestellt.
Laut einem radiologischen Gutachten vom 18. Oktober 2019, die anhand von Computertomographie-Aufnahmen aus dem Jahr 2005 entstanden sind, wiesen die menschlichen Überreste von Jalloh auch Knochenbrüche der Nase, des Schädels sowie einer Rippe auf. Laut dem Gutachten müssten diese Verletzungen wahrscheinlich zwischen seiner Festnahme und dem Tod wenige Stunden später zugefügt worden sein. Dieses Gutachten wurde bis heute nicht berücksichtigt.
Im Dezember 2017 wies die damalige Ministerin für Justiz und Gleichstellung in Sachsen-Anhalt, Anne-Marie Keding (CDU), die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg an, die Ermittlungen an sich zu ziehen. Grund dafür waren öffentlich gewordene Einschätzungen des früheren leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, der mittlerweile eine Vertuschungstat für möglich hält. Bittmann, bislang ein Verfechter der Selbsttötungs-Theorie, geht in einem Schreiben vom April 2017 von einem begründeten Mordverdacht aus. Er hält es für wahrscheinlich, dass Oury Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot war und mit Brandbeschleuniger besprüht und angezündet worden sei. Der frühere Oberstaatsanwalt Bittmann benennt in dem Brief sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten.
Doch seit einigen Jahren ist nichts mehr weiter passiert. Im Gegenteil, nachdem die Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft Halle übertragen wurden, waren sich die zuständigen Staatsanwält*innen schon nach wenigen Monaten sicher, dass es „keinerlei Anhaltspunkte“ für die Beteiligung Dritter am Tod von Oury Jalloh gegeben hat. Parallel hatte die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ am 7. Dezember 2017 eine ausführlich begründete Strafanzeige gegen einen der mutmaßlichen Täter aus dem Revier beim Generalbundesanwalt gestellt.
Noch am selben Tag wurde die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg vom Justizministerium von Sachsen-Anhalt mit der Bearbeitung des Falles beauftragt. Entgegen der vorliegenden Faktenlage, ordnete die zuständigen Oberstaatsanwälte im Oktober 2018 die Einstellung aller Ermittlungen. Währenddessen hatte die Bundesanwaltschaft wiederholt ihre Nichtzuständigkeit erklärt, da sie kein rassistisches Mordmotiv erkennen wolle. Auch das Klageerzwingungsverfahren wurde ein Jahr später, im Oktober 2019, durch das Oberlandesgericht Naumburg abgewiesen. Eine Verfassungsbeschwerde gegen diese Einstellung liegt seit mittlerweile über drei Jahren beim Bundesverfassungsgericht, eine Entscheidung steht bis zum heutigen Tage aus.
Im November 2021 hatte der britische Brandsachverständigen Iain Peck ein neues Brandgutachten vorgestellt. Der Brite kam darin zu dem Ergebnis, dass der an Händen und Füßen gefesselte Oury Jalloh von Polizeibeamt*innen angezündet worden sein muss und zuvor „höchstwahrscheinlich“ mit einer brennbaren Flüssigkeit wie Benzin übergossen wurde. Für das Gutachten baute der Sachverständige die Zelle 5 im Keller des Polizeireviers Dessau originalgetreu nach.
Für eine Videodokumentation wurde die vierte Wand der ansonsten komplett gefliesten Zelle aus feuerfestem Glas errichtet. Mit einem Dummy aus Schweinestücken und Schweinehaut in den Körpermaßen von Jalloh stellte der Brandgutachter die Abläufe an diesem 7. Januar 2005 in Echtzeit nach. Die offizielle Behördenversion, wonach sich der damals 36-jährige Jalloh an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze fixiert selbst angezündet haben soll, hält er deshalb für unwahrscheinlich.
Dementsprechend lautstark kritisierten die Initiative das behördliche Nicht-Verhalten und forderten ein Ende der Verschleppungs- und Vertuschungspolitik, die Offenlegung aller Untersuchungsergebnisse, die Wiederaufnahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft sowie die Verurteilung aller Verantwortlichen. Gemeinsam mit der Familie von Oury Jalloh stellte die Initiative im November 2021 außerdem eine Anzeige wegen Strafvereitelung im Amt gegen die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt.
Nach mehreren Rede- und Musikbeiträge, bei dem unter anderem der Sänger und bekennende Antifaschist Mal Élevé auftrat, setzte sich der Demonstrationszug gegen 15.45 Uhr in Bewegung. Die Demonstration führte zunächst zum Sitz der Staatsanwaltschaft, später zum Landgericht, am Stadtpark sowie Rathaus vorbei. Dort stoppte die Demonstration für Zwischenkundgebungen, bei dem mehrere Redebeiträge verlesen wurde. Am Stadtpark gedachten die Teilnehmer*innen auch an Alberto Adriano, der im Juni 2000 von Neonazis zu Tode geprügelt wurde.
Ebenfalls in einem Redebeitrag thematisiert wurde der Tod des 16-Jährigen Mouhamed Lamine Dramé. Der Geflüchtete aus dem Senegal wurde am 8. August in der St. Elisabeth Jugendhilfe an der St. Antonius Kirche im Dortmunder Stadtteil Nordstadt bei einem Polizeieinsatz erschossen. Der Jugendliche befand sich in einer akuten psychischen Ausnahmesituation und seine Betreuungspersonen verständigten - aus der Sorge heraus das sich das Leben nehmen würde - die Polizei. Diese rückten mit insgesamt 12 Beamt*innen an und gingen zunächst mit Pfefferspray gegen Mouhamed vor und setzten kurze Zeit später zwei Taser und eine Maschinenpistole ein. Vier Schüsse verletzten ihn so schwer, das er kurze Zeit später in einem nahegelegenen Krankenhaus verstarb.
Vor der Polizeirevier in der Wolfgangstraße, in dem Oury Jalloh vor achtzehn Jahren qualvoll zu Tode kam, endete die Demonstration mit einer Abschlusskundgebung. Die Demonstration verlief friedlich und ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Quellenangaben / Aufrufe:
• initiativeouryjalloh.wordpress.com/2022/11/10/aufruf-zur-...
• www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-01/oury-jallo...
• www.zdf.de/nachrichten/panorama/dessau-oury-jalloh-asylbe...
• www.tagesspiegel.de/politik/neues-gutachten-starkt-zweife...
• www.rosalux.de/news/id/46204
• www.tagesspiegel.de/politik/oury-jalloh-erlitt-vor-feuert...
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Stand: November 2022
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