11. April 2015, Halberstadt
„Deutscher Geist“ zwischen NS-Glorifizierung und Rechtschreibschwäche

Anlässlich der Bombardierung Halberstadts am 08. April 1945 mobilisierte der Kreisverband Harz der Partei DIE RECHTE in die Harzstadt. 110 Personen folgten dem Aufruf, „Halberstadt zur Festung gegen den Ungeist unserer Zeit zu machen“. Die Organisatoren um Anmelder Ulf Ringleb erhofften sich ursprünglich laut Versammlungsbehörde bis zu 500 Teilnehmende. Das beabsichtigte „ehrenhafte und würdevolle“ Gedenken scheiterte allerdings schon bei der korrekten Rechtschreibung auf dem angefertigten Kranz, den die Neonazis mitführten.

Marcel Kretschmer, stellv. Kreisvorsitzender von DIE RECHTE Harz, leitete das Thema der Veranstaltung ein und musste zugestehen, dass man selbst gar nicht genau wisse, wie viele Menschen bei der Bombardierung ums Leben kamen. Vom benachbarten akustischen Protest weitestgehend übertönt, kämpfte sich Matthias Langer vom Bautzener Kreisverband der Partei DIE RECHTE durch einen mehrseitigen Text zum so benannten „Bombenholocaust“.

Johannes Welge, Vorsitzender von DIE RECHTE Hildesheim, geißelte einen angeblichen „Vernichtungswillen der alliierten Möderbande“, deren Opferzahlen heute heruntergerechnet würden. Der „deutsche Geist“ solle bis zur „Unkenntlichkeit verstümmelt“ werden. „Die Umerziehung hat große Teile unseres Volkes vergessen lassen, wer wir sind, … es hat sie vergessen lassen, welches Blut durch ihre Adern fließt“, meinte der Niedersachse. Kleidung und Tätowierung der Teilnehmenden sprachen eine deutliche Sprache, welchen „Geist“ der Redner meinte. Darunter fanden sich allerlei Kriegs- und NS-Bezüge, auch Sig-Runen und SS-Totenkopf werden zur Schau getragen.

Alexander Lindemann, der als Kopf der „Europäischen Aktion“ (EA) in Nordhausen gilt, resümierte nochmal gebetsmühlenartig zur Bombardierung der Stadt. Statt den Blick auf den Ausbruch des Weltkrieges und die Verbrechen der Nationalsozialisten zu richten, scheint für ihn das Verbrechen da zu beginnen, wo Alliierte in den Krieg gegen Deutschland eintraten. Die EA ist eine Vereinigung von Holocaustleugnern. Lauscht man den Ausführungen des Vertreters Lindemann zum aktuellen Geschehen in Europa und der Welt könnte man meinen, es stünde ein Friedensengel am Mikrofon.

„Der geplante und vollstreckte Massenmord der alliierten Terrorbomber“ war auch für Michael Zeise aus Thüringen Thema seiner Rede. Vom „Schuldkult“, „Volkstod“, „Bevölkerungsaustausch“ und „Überfremdung“ schwadronierte Zeise und meinte, „wir sind die letzte Generation“, die dem noch entgegenstehen kann: „Wir sind die Generation, die sich wehrt!“ Bei der miserablen Akustik auf dem Halberstädter Fischmarkt erübrigt sich die Überlegung, ob man als PassantIn den Rednern zuhören möchte. Nach einigen Minuten ist der schrammelige Lärm aus dem Lautsprecherwagen von Enrico Marx auch endlich vorüber.

An der Ruine der „Franzosenkirche“, die im April `45 zerstört wurde, standen abermals GegendemonstrantInnen. Dass Neonazis dort ein Gedenkzeremoniell mit Fackeln und Schweigeminute abhielten und den mitgetragenen Kranz ablegten, konnten sie auch mit lautstarkem Protest nicht verhindern. Insgesamt gab es mehrere kleine Sitzblockanden auf der Route der Neonazis. Sodass diese kleine Umwege in Kauf nehmen mussten. Lautstarker Protest – teils in distanzloser Nähe – übertönte zumindest an einigen Stellen die Reden und NS-Folklore. Der Kranz inklusive Rechtschreibfehler blieb scheinbar nicht lange an der Kirchenruine liegen. Marcel Kretschmer kündigte den GegendemonstrantInnen aber an: „Wir kommen wieder!“

Am selben Tag hat in Sachsen-Anhalt der Bundesvorstand der Partei DIE RECHTE getagt und der Landesverband der NPD hat in Tangerhütte seinen Landesparteitag abgehalten. Bei beiden Parteien standen nach Eigenangaben die Vorbereitung zur Teilnahme an der Landtagswahl 2016 auf der Tagesordnung.
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