05. Sept. 2016, Dessau
„Wir lassen die Erbsünde und die Selbstgeißelung in unserem Land, hinter uns.“

Ethnopluralismus und Geschichts-Neuschreibung: die AfD will die Zukunft gestalten

„Gegen Asylchaos und Terrorismus“ hat die „Alternative für Deutschland“ für den 05. September 2016 in Dessau-Roßlau zur Demonstration aufgerufen. Ursprünglich für 500 Teilnehmende angemeldet, folgten dem Aufruf des Dessau-Roßlauer Kreisverbands gerade mal 105 Personen, darunter mehrere Landtagsabgeordnete der Partei. Auf dem Marsch zwischen August-Bebel-Platz und Zerbster Straße trug ein Teilnehmer ein Messer bei sich. Während der Abschluss-Kundgebung vor dem Rathaus wurde die Polizei gegen den Mann tätig.

„Die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel und ihren Vasallen“ können „wir nicht mehr länger dulden“, eröffnet Andreas Mrosek die Abschlusskundgebung vor dem Rathaus. Mit zu erwartend schlichter Effekthascherei versucht der Landtagsabgeordnete die Zuhörenden bei der Stange zu halten. Mittlerweile ist das bedeutend schwieriger als noch vor der Landtagswahl im März. Mrosek zeichnet für die Anwesenden plumpe ablehnende Stimmungsbilder, wie zum Beispiel: „Nicht jeder Asylbewerber ist ein Terrorist. … Aber fast jeder Terrorist ist ein Asylbewerber.“ Gäbe es keine Terroristen, die sich unter Geflüchteten tarnen, müsste sich die AfD eine andere Brücke bauen, um gegen flüchtende Menschen zu hetzen. Offizielle Zahlen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) hält der AfD-Politiker für „Augenwischerei“. Ordentlich „Buh“-Rufe gegen die Landesregierung provoziert er, wenn er Kosten für die Unterbringung von Asylbewerber mit der Finanzierung zur Kinderförderung gegenüberstellt. „Gewaltig widersprechen“ will Mrosek der These, die „Ansiedelung von Asylbewerbern“ könne „dem demografischen Wandel entgegen wirken“. Wenn es um geflüchtete Menschen geht, hat der AfDler immer wieder den Verweis auf terroristische Anschläge als Nachsatz parat.

„Freunde, geschätzte Patrioten, werte Mut- und Wut-Bürger“, begrüßt Landesvorsitzender und „Fraktionsführer der AfD-Fraktion“, Andre Poggenburg die überschaubare Meute vor der Bühne. „Die totale Grenzöffnung für Deutschland und Europa“ habe „Noch-Kanzlerin“ Merkel vor einem Jahr verkündet. Das sei Anlass für diese Demonstration und dazu hat Poggenburg reichlich Missfallen zu abzuladen. Statt über „Flüchtlinge“ bevorzugt der AfD-Landesvorsitzende über „Masseneinwanderung“ und der angeblichen „Flutung“ und „Plünderung unseres Sozialsystems und unserer Identität“ zu reden. „Die AfD“, so Poggenburg, sei „die tatsächliche Partei der sozialen Gerechtigkeit“. Ferner sei man „die einzig wahrnehmbare Partei, die tatsächlich die Gleichstellung von Mann und Frau fordert“, schwadroniert der „Fraktionsführer“ weiter – und zwar „ohne irgendwelche Quotenregelungen“ sowie „ohne eine Unterdrückung durch eine Islamisierung“. Da waren sie wieder, die Feindbilder: Gender Mainstreaming und Islam. Weiter tönt der AfDler gegen angebliche „Menschen- und Gesellschaftsexperimente“: Man wolle eben keinen „Gender-Wahn“, „Frühsexualisierung“, „Inklusionsexperimente“ und „Multi-Kulti um jeden Preis“. „Die AfD will, dass wir in Deutschland wieder ganz gesunden Patriotismus und Nationalstolz leben können“, bringt Poggenburg die Kernbotschaft auf den Punkt: „Wir wollen einfach ganz normal stolz Deutsche sein.“

Poggenburg will die deutsche Geschichte neuschreiben: „Wir lassen die Erbsünde, die uns immer wieder anheimfällt, und die Selbstgeißelung in unserem Land, hinter uns. Es muss eine neue Sicht, eine neue Geschichte geben.“ Denn „Deutschland kann nicht nur immer Zahler in Europa sein“, so Poggenburg. „Die deutsche Seele krankt, aber sie wird im Kampfe heilen“, schwadroniert er weiter, bevor er einen Einblick in die Parlamentsarbeit geben möchte. Der „Fraktionsführer“ beklagt, dass im Landtag keine andere Fraktion für AfD-Anträge stimmen wolle – auch wenn es deren eigene Themen seien, die die AfD nur aufgreife. Stattdessen gäbe es Gegenrede im Parlament. Das hält Poggenburg für „vollkommen unglaubwürdig“. Zwischendurch mal wieder den AfD-Schlachtruf „Merkel muss weg!“ anstimmen, sichert dann zumindest, dass die Anwesenden wieder aufmerksam sind. Akzeptierter „Deutscher“ sei laut Poggenburg, wer sich „in unser deutsches Volk vorbildlich integriert, assimiliert“ habe. Man wolle nicht als „völkisch und nationalistisch“ gelten, hat er vorher noch gesagt. Aber Migrant/innen seien nur dann willkommen, wenn sie sich so sehr angepasst hätten, dass sie Poggenburgs Abschlussparole „Deutschland den Deutschen“ auch akzeptieren könnten.

Paul Hampel, AfD-Landesvorsitzender in Niedersachsen, monologisiert etwa 40 Minuten lang. Er wähnt sich angesichts der Entwicklungen der AfD in einer „Partei, die die Zukunft Deutschlands gestalten will“. In überschwänglicher Illusion will Hampel mit jedem auf diesem Marktplatz wetten und meint: „In den nächsten fünf Jahren werden sie erleben, dass die Christlich Demokratische Union von der politischen Bildfläche in Deutschland verschwindet.“ Die AfD sei, seiner Meinung nach, dann „die natürliche Nachfolge-Partei“. Hampel – nach eigenem Bekunden Reserveoffizier der deutsche Marine – will seine Partei als ideologiefrei und faktenbasiert – als „Partei des gesunden Menschenverstandes“ – verstanden wissen. Bundeskanzlerin Merkel habe „den Anspruch auf die Führung, den Anspruch auf die Kanzlerschaft verwirkt“. Die drei ‚magischen Worte‘ um den gemeinen AfD-Wähler zu euphorisieren schallen mal wieder über den Marktplatz: „Merkel muss weg!“ Sie solle „abgewählt werden, am besten noch, sie tritt freiwillig zurück“.

Vor dem angrenzenden türkischen Restaurant sind während der Rede Demonstrationsteilnehmer in eine Auseinandersetzung verwickelt. Die Polizei muss einschreiten.

Armin-Paul Hampel proklamiert für sich, in seinem „beruflichen Leben als Journalist“ 150, vielleicht 200 Flüchtlingslager in den vergangenen 30 bis 35 Jahren besucht zu haben. „Wir brauchen uns nicht vorwerfen oder vorwerfen zu lassen, wir würden nicht hilfsbereit sein“, resümiert er, wenn es um internationale Krisen geht. Menschen „aus einem anderen Kultur- und Religionskreis“ seien seiner Annahme nach nicht in der Lage, sich hier in Deutschland zu integrieren, in der Form, wie es die AfD einzig akzeptieren wolle: „Weil die Unterschiede kultureller, religiöser, aber auch bildungsmäßiger Art so groß sind, dass es für die meisten von ihnen zu schwer wird.“ Die AfD giert nach Homogenität und Abschottung – aber sprachlich gut verpackt: Man müsse Menschen überzeugen, dass es keinen Sinn mehr mache, sich auf den Weg nach Europa zu machen und andererseits die Schiffe von Frontex nicht vor Lampedusa, sondern vor der Lybischen Küste patrouillieren lassen, um Flüchtlingsboote gleich dort zurückweisen zu können. Schlepper sollten hingegen in Europa zum „Steine kloppen“ verurteilt werden. Beim Stichwort Kolonialismus auf dem afrikanischen Kontinent meint Hampel, hätten die meisten Staaten Wiedergutmachung zu leisten – jedoch: „Wir Deutschen haben damit am allerwenigsten zu tun.“

Die „globale Weltgesellschaft, wo alle nicht mehr wissen, wo sie herkommen, welche Wurzeln sie haben“, sei für Hampel die „langweiligste“ Gesellschaftsvorstellung. „Wir wollen eine Welt, die kulturell bunt ist. Aber wir wollen sie in ihren Ländern, da wo sie hingehört. Und wir wollen sie nicht in Deutschland. Da wollen wir unsere Identität, unsere Kultur, unser Leben, unsere Vielfalt haben“, bringt Hampel die ethnopluralistisch geprägte Abneigung der AfD gegen gesellschaftliche Vielfalt und individuelle Freiheit klar zum Ausdruck. Die AfD wolle „das Deutschland der Zukunft bauen. Nicht so wie die versifften rot-grünen 68iger Generationen, die alles in diesem Land niedergemacht hat, was mal Werte hatte. Nein, wir wollen konservativ und frei sein. Wir wollen daran glauben, woran unsere Väter geglaubt haben und unsere Urgroßväter“, so Hampel. Nach seinen Worten sollen die Kinder und Kindeskinder noch etwas haben, was sie mit Stolz gegen andere verteidigen können. „Wir sind nicht dazu da, in die Vergangenheit zu blicken“, man wolle „in die Zukunft marschieren mit der Alternative für Deutschland.“
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