Schönberger Passionsspiele 13.04.2019
Passio 2019: Zwischenbilanz zu den Passionsspielen / "Das war kein Theater, das war Verkündigung"
„Wir sind richtig süchtig nach den Spielen"

St.Vith.

Lediglich für die Zusatzveranstaltung am Mittwochabend gibt es noch einige Restkarten. Am Karfreitag hebt sich zum elften und letzten Mal der Vorhang im St.Vither Triangel. Die Schönberger Passionsspiele, die über mittlerweile drei Jahre gewachsen und gereift sind, werden dann auch in diesem Jahr weit über 5000 Besucher aus nah und fern in ihren Bann gezogen haben.

von Lothar Klinges

Am Karfreitag herrscht im Kultur-, Konferenz- und Messezentrum ein letztes Mal das sogenannte Passio-Fieber: Sandalen werden geschnürt, Gewänder gewickelt und Tücher festgesteckt, Schleier auf dem Haarschopf befestigt, Darsteller geschminkt, Rüstungen angelegt und Helme aufgesetzt.

Wohl keiner konnte sich bisher der Ausstrahlung dieser großen Gemeinschaftsleistung mit äußerst sensibler Umsetzung entziehen. Nüchterne Worte können kaum das gefühlsstarke und für nicht wenige auch gläubige Empfinden der Zuschauer beschreiben, insbesondere bei der „dritten Dimension“, wie Bischof em. Aloys Jousten die persönliche Zeit der Zuschauer nach der Aufführung einmal beschrieb.

Beim Passionsspiel sind zwar Laien am Werk, aber ihre Darstellung auf zwei Zeitebenen von der Resignation zur Hoffnung bzw. von der Begeisterung zur Kreuzigung im Leben Jesu ist alles andere als laienhaft.

Zwar liegt das biblische Geschehen mehr als 2000 Jahre zurück, doch ist die Botschaft aktueller denn je, wie es Zuschauer immer wieder mit Blick auf die aktuelle Ebene auf dem Jakobsweg (Camino) bemerken.

Den Zuschauern bietet sich seit Mitte März eine zweieinhalbstündige lebendig-authentische „Inszenierung" mit u. a. dem letzten Abendmahl und der ergreifenden Ölbergszene auf der historischen Ebene. Freude und Schmerz, Erschütterung und Leid, Zweifel und Hoffnung waren auf allen Ebenen bei den Akteuren zu spüren. Die Darsteller(innen) verkörpern die „Passio“ mit Leib und Seele, große und kleine Mitwirkende legen ihr „Alltagsgewand" ab – sie schlüpfen nicht nur in ihre Rollen, sie werden eins mit den Charakteren und tragen so zum einzigartigen Gelingen eines Spieles bei, das mit ausdrucksstarken und bewegenden Momenten in Verbindung mit Musik und Hintergrundbildern die Zuschauer um 2000 Jahre zurück versetzt und sie doch immer wieder in das heutige Leben zurückholt.
Die bisherigen neun Aufführungstermine haben allen Akteuren auf, vor und hinter der Bühne viel abverlangt. „Meine Frau und ich sind richtig süchtig nach den Spielen", meinte der 62-jährige Gerhard Schröder aus Rocherath, der die Rolle des Kaiphas spielt, während seine Frau Monika Rader die Rolle der Johanna darstellt. "Wir haben sehr lange geübt, beherrschen unsere Rolle bis in alle Kleinigkeiten hinein und möchten sie dann auch spielen.", erzählt der pensionierte Postangestellte. "Nach der letzten Aufführung wird das große Loch kommen. Es wird uns etwas fehlen." Auf die Frage, wie er sich in seiner doch unangenehmen Rolle gefühlt habe, meinte er, dass "Kaiphas" zwar der "Ursprung der Kreuzigung" gewesen sei, er aber sehr gut zwischen dieser Rolle und seiner persönlichen Meinung unterscheiden könne. "Im Laufe der Aufführungen sind wir immer sicherer und stärker geworden. Viele von uns Schauspielern sind im Glauben an Gott und im Glauben an sich selber gewachsen."
Nachdem am vorigen Wochenende der Lütticher Bischof Jean-Pierre Delville an den Passionsspielen in St.Vith teilgenommen hat, war am Samstagabend der Aachener Weih-Bischof Karl Borsch zu Gast im Triangel. "Das war kein Theater, das war Verkündigung", betonte der 60-jährige gebürtige Krefelder, der vor 15 Jahren zum Bischof geweiht wurde. "Ich habe mich in diesen Tagen auf die Liturgie der Karwoche vorbereitet und habe das Geschehen der heiligen Woche gleichsam hautnah miterleben können. Dafür möchte ich allen Akteuren von Herzen danken." Aus St.Vith nimmt er die Erfahrung mit, dass die Botschaft von Tod und Auferstehung von Menschen, die keine Schauspielerprofis sind, auf einer Weise auf die Bühne gebracht wurde, die ihn tief beeindruckt hat. "Gerade aus der modernen Ebene nehme ich mit, dass der Tod und das schmerzliche Loslassen, das wir alle erleben, nicht das letzte Wort haben, sondern das Leben."
Alfons Velz (67), der seit 2012 zusammen mit Robert Schmetz (64) aus Kelmis ein harmonisches Regie-Duo bildet, ist überwältigt von "dem großen Zuspruch, der sich bis zum Ende der Aufführungen abzeichnet." Die Zuschauer sind aktiv aufmerksam, mit dem Herzen ganz dabei, so wohlwollend und entgegenkommend. Das sei "einfach fantastisch, denn davon leben wir". Die Echos sowohl nach den Aufführungen im Foyer des Triangels als auch im Gästebuch seien positiv. "Die Menschen haben insbesondere verstanden, dass die Botschaft Jesu, der Leidensweg Jesu sehr wohl etwas mit ihrem Leben zu tun hat, denn jeder trägt sein eigenes Kreuz. Nur in Gemeinschaft und im gegenseitigen Tragen des Kreuzes können wir das Leben bestehen. Das ist im Grunde die Botschaft, die wir über die Passionsspiele vermitteln möchten."
Den Regisseuren war es wichtig, keine uralte Geschichte zum tausendsten Male zu erzählen, sondern Dinge zu hinterfragen, wie zum Beispiel die Stellung der Frau. "Hierzu haben wir viele Echos erhalten, wie auch zu dem Thema der Überheblichkeit einer Religion der anderen gegenüber, die nicht selten zu Kriegen geführt hat. Leider verfallen die Religionen in einen gewissen Formalismus. was man hinterfragen muss, denn genau das hat Jesus gemacht. Wir wollen den Glauben lebendig erhalten, nicht indem man an Strukturen festhält." Diese Botschaft hätten sie versucht zu vermitteln, was ihres Erachtens auch gut gelungen sei. Mit dem Ineinandergreifen der verschiedenen Ebenen wird gezeigt, dass es sich um eine einzige nahtlose Geschichte des immer wieder Loslassens handelt. "Das Damals ist das Heute und das Heute ist das Damals." Vor und nach jeder Aufführung trifft sich das Regie-Duo mit den Schauspielern und stellt fest, dass sich bei manchen Spielern wieder "eine neue Sicht" entwickelt hat, so z.B. in der Rolle der Blinden oder auch des Kaiphas, die mit der Zeit immer mehr den richtigen Ton gefunden haben und so die Rolle noch überzeugender spielen konnten. "So lernt man auch schauspielern, indem man sich in eine Rolle hineinarbeitet, gedanklich aber immer noch sich selbst bleibt", unterstreicht Alfons Velz, der die Karwoche als eine Zeit erlebt, die etwas mit seinem Leben zu tun hat.
Marlene Backes, Präsidentin des Schönberger Passio-Teams, zieht eine sehr positive Zwischenbilanz von den Passionsspielen. "Das Publikum ist wunderbar, eine sagenhafte Ruhe und eine große Aufmerksamkeit herrschen im Saal. Man hört fast eine Stecknadel fallen." Sehr viele Zuschauer bleiben nach den Aufführungen im Foyer, reden miteinander, tauschen aus. "Das ist unser Anliegen, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, damit sie sich mit der Botschaft Jesu auseinandersetzen und diese in ihren Alltag integrieren. Jeder hängt seinen Gedanken auf dem Heimweg nach. Der eine oder andere hat vielleicht eine ähnliche Geschichte erlebt." Für Marlene Backes ist das Anliegen erreicht, die Menschen anzuregen, sich mit dem Geschehen der Passion zu beschäftigen.
Auch Vizepräsident Rudi Kohnen zieht eine äußerst positive Zwischenbilanz."Die Zuschauer wünschen sich in fünf Jahren wieder eine Neuauflage der Passionsspiele." Die Schauspieler seien im Laufe der Aufführungen immer mehr zusammengewachsen und viel freier geworden.
Passio-Schriftführer Hermann-Joseph Christen, der ebenfalls für die Kontakte zur Europassion zuständig ist, zeigte sich hellauf begeistert. Bei der Premiere nahmen Mitglieder von 13 Passionsorten aus ganz Europa als Gäste teil, darunter auch Gäste aus Slovenien, die sehr begeistert waren. Schönberg ist Mitglied der Europassion, eines Dachverbandes von 82 Passionsspielorten in Europa. "Jeder Passionsort stellt das Leiden und die Auferstehung Jesu anders dar, und das ist auch so gewollt und gut."
Die aus Indien gebürtige Augustiner-Ordensfrau, Sr. Sheela, vom Kloster St.Vith, hatte anfangs nicht damit gerechnet, überhaupt eine Rolle in den Passionsspielen übernehmen zu können. "Alfons Velz hat mich gebeten, die Rolle der Samariterin zu spielen. Meine Mitschwestern und ich haben uns darüber sehr gefreut. Jetzt habe ich viele Menschen kennengelernt und eine große Familie gefunden." Auch in Indien kennt die Ordensfrau das Passionsspiel. "Ich selbst habe 1980 in Indien zum ersten Mal an Passionsspielen aktiv teilgenommen." Für Marcel Henn aus Kelmis, der bei den dortigen Passionsspielen die Rolle des Judas spielte und ebenfalls im St.Vither Triangel auf der Bühne steht, spielt das "Zwischenmenschliche in den Passionsspielen die primäre Rolle." Beide Spielarten, ob in Kelmis oder in Schönberg, hätten ihre Daseinsberechtigung. "Der Vergleich mit der modernen Ebene mit dem roten Faden des Camino fasziniert mich immer wieder an Schönberg." Den Regisseuren sei es wirklich bestens gelungen, die biblische Ebene mit dem aktuellen Leben zu verbinden.
Und wie geht es weiter, fragten wir Alfons Velz? "Wir sollten jetzt daran arbeiten, dass sich ein neues Team bildet mit jungen Regisseuren, damit ich mich in die zweite Linie zurückziehen kann, denn in fünf Jahren möchte oder kann ich nicht nochmals die Hauptverantwortung tragen."
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