Pater Johannes in Goma / Nordkivu (Kongo)
Jean de Dieu Batenderana Ruvamwabo, Pfarrer in Lontzen-Herbesthal
Pater Johannes aus dem Kongo zurückgekehrt: von Ebola lernen / Kein Geld für Hamsterkäufe
Kongo, ein Land zwischen zwei Viren: Nach Ebola kommt nun Corona

Herbesthal

Gerade habe man im Kongo den „Alptraum Ebola“ halbwegs überwunden, schon müssten die Menschen mit einer neuen Virus-Gefahr umgehen, bestätigt Pater Johannes, seit Oktober 2015 Pastor von Lontzen-Herbesthal. Ebola hatte ab Sommer 2018 im Ost-Kongo tausende Menschen niedergestreckt. Die schwere Virus-Epidemie war zuletzt weitgehend eingedämmt worden.

von Lothar Klinges

Im Ostkongo sind die Menschen seit Ebola strenge Seuchenbekämpfungsmaßnahmen gewöhnt. Die Handwaschbecken aus Plastik, die zum Höhepunkt der Ebola-Epidemie vor jedem Laden standen, werden jetzt erneut hervorgeholt. Schulen und Universitäten sind geschlossen. Nur die Märkte bleiben offen, aber das einzige Gesprächsthema dort ist Corona und die Abstandsregel.

In der Demokratischen Republik Kongo fürchtet man sich in der Coronakrise aber nicht nur vor dem Virus, sondern vor allem vor dem Hunger, erklärt der 56-jährige Seelsorger, der dem Karmelorden angehört und im Dezember 1997 in Würzburg die Priesterweihe empfing. "Die Angst vor der neuen Seuche ist groß und spürbar vor Ort. Durch die Ausgangsperre befürchten viele Menschen vielmehr die Hungersnot als Folge der Pandemie. Die Bevölkerung muss jeden Tag um das tägliche Brot kämpfen."

Erst kürzlich ist er von einem Besuch bei seiner Familie in Goma (Nord-Kivu), einer Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern an der Grenze zu Ruanda zurückgekehrt. Vom 29. Februar bis zum 30. März sollte er bei seiner Familie verbringen. Wegen der Corona-Pandemie musste er aber zehn Tage früher den letzten Flug nehmen. Nach einer abenteuerlichen Rückreise, die ihn über Entebbe (Uganda), Addis Abeba (Äthiopien) und Paris führte, konnte er am Samstag, 21. März, gegen 9 Uhr sicher in Brüssel landen. "Das Ansteckungsrisiko während der Reise war sehr hoch." Die Ausgangssperre ist im Kongo genauso streng wie in Belgien und wird auch gut befolgt, berichtet unser Gesprächspartner. Kirchen, Schulen, Universitäten wurden am 20. März für vorerst 30 Tage geschlossen. Ein- und Ausfahrten in die Millionenstadt Goma sind strikt untersagt, nur Nahrungsmitteltransporte sind erlaubt, erklärt Pater Johannes, mit bürgerlichem Namen Jean de Dieu Batenderana Ruvamwabo.

Die Demokratische Republik Kongo ist eines der ärmsten Länder der Welt. Hier wurde die Corona-Pandemie zunächst nicht wahrgenommen, obwohl Afrika wirtschaftlich eng mit China verflochten ist. Seit die Seuche in Europa angekommen ist, horcht man aber auch hier auf. Dass eine Krankheit das Leben in der westlichen Welt lahmlegt, lässt so manche Afrikaner unentwegt den Kopf schütteln. Viele Afrikaner gingen eher davon aus, dass Reichtum unverletzlich macht.

Die Regierung im Kongo hat die Grenzen, Schulen, Universitäten, Kirchen, Bars und Restaurants geschlossen, Versammlungen verboten, den Flugverkehr eingestellt und den Notstand ausgerufen. Dabei hatte der Kongo Ebola fast besiegt, das hochinfektiöse Fieber, das innere Organe in blutiges Gewebe verwandelt, schien beinahe überwunden. Karfreitag hatte die letzte Ebola-Patientin, Masika Semida, immer noch wackelig auf den Beinen, das Behandlungszentrum in Kivu verlassen.

Doch während das eine Virus mittlerweile unter Kontrolle scheint, verbreitet sich das nächste: SARS-CoV-2. Am Tag der Entlassung der letzten Ebola-Patientin, meldete Kinshasa den ersten Corona-Fall: ein 52-jähriger Kongolese, der aus Frankreich eingereist war. Blickte der Kontinent anfangs sorgenvoll nach China – allein in der Provinz Hubei studieren 5000 afrikanische Studenten –, so schleppten nun vor allem Reisende aus Europa den neuartigen Coronavirus ein.
Das Gesundheitssystem im Kongo ist noch immer schwach, "wenngleich die Krankenhäuser alles in ihrer Macht stehende tun, um den Kranken zu helfen.", betont Pater Johannes. "Es war schon eine außergewöhnliche Herausforderung, die Ebola-Seuche zu überwinden. Die Bekämpfung dieser Seuche hat die Menschen im Osten des Kongo allerdings dazu geführt, ihre tagtäglichen Gewohnheiten im Bereich der Hygiene grundsätzlich zu verbessern." Deswegen konnte bisher die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden, freut sich der Seelsorger. "Zurzeit gibt es fünf bestätigte Corona-Fälle in der Provinz Nordkivu, während die Hauptstadt Kinshasa über 250 infizierte Menschen zählt.

Schon vor zwei Jahren erhielten die Schüler bei der Bekämpfung des Ebola-Virus, das die Gegend im Osten des Kongo heimgesucht hat, den Tipp, gründlich die Hände zu waschen, Abstand zu halten, Erkrankte und ihre Angehörigen zu isolieren. Was Europäer in diesen Wochen beim Corona-Virus lernen, haben die Kinder im Kongo und hunderttausende andere Kongolesen schon länger drauf. "Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus werden von der Bevölkerung umgesetzt. Das hat sich bis tief ins Bewusstsein der Menschen verankert, wie wichtig trotz Armut der Schutz ist", erklärt Pater Johannes.

Gottesdienste würden zurzeit nur in Ordensgemeinschaften gefeiert. Die Radio-Stationen, die es in vielen Städten gibt, so auch der Radio-Sender "Maria", erreichen vielen Menschen in ihrer Ausgangssperre. Die Priester haben es sehr schwer zu überleben. Die Seelsorge und das soziale Engagement sind nur begrenzt möglich. Die Priester leben im Kongo von den Spenden der Bevölkerung.

Das klingt nach einem Kampf, ähnlich wie ihn Europa derzeit gegen Corona führt. Doch das täuscht. Im Kongo geht es nämlich um eine andere Gefahr: Gewöhnlich drängeln sich Tagelöhner vor den Toren von Firmen und den Häusern reicher Leute, um einen Job zu ergattern. Sie müssen ja abends irgendwie die Familie satt bekommen. Das wird jetzt erschwert. Die Bevölkerung in Goma hat daher weniger Angst vor dem Virus als vor dem Verhungern, zumal die Marktfrauen aus dem Nachbarland Ruanda wegen der Grenzschließung ihre Waren nicht mehr anbieten können. Mehl, Reis, Öl, alles koste jetzt um die Hälfte mehr. Manchmal würden die Händler sogar das Doppelte verlangen. So mancher weiß nicht mehr, wie er seine Familie durchbringen kann.

Die Hygieneregeln, um sich vor Corona zu schützen, kennen die Menschen. "Aber mit welchem Wasser sollen sich die Menschen die Hände waschen?«, fragt Pater Johannes. So manche müssen jeden Liter auf dem Rücken von weither nach Hause schleppen.

Es bleibt den Menschen nur, sich einigermaßen zu schützen. Doch es ist schwierig, zwischen Prävention und Überleben zu entscheiden. Vorräte anlegen, um sich nicht beim Einkaufen ständig unter die Leute mischen zu müssen, ist utopisch. "Das Geld reicht den meisten nicht einmal für eine Tagesration", bedauert Pater Johannes. Von Hamstern wie in Europa kann man in Afrika nicht sprechen. Von "Homeoffice" kann man hier nur träumen, da die meisten in ihrer Wohnung weder Strom noch Internet haben. Auf Kurzarbeitergeld oder sonstige staatliche Hilfe können die Menschen ebenfalls nicht zählen. Sie müssen also weiterhin zur Arbeit, zu Wasserstellen und auf den Markt. In Goma fahren sie in überfüllten Minibussen oder mit Motorradtaxen, auf denen ein bis drei Passagiere dicht gedrängt nur wenige Zentimeter hinter dem Fahrer sitzen.

Ebola konnte dank Impfung eingedämmt werden und ist dank eines neuen Medikaments inzwischen teilweise heilbar, was bei dem neuartigen Coronavirus noch nicht der Fall ist. Jetzt, da die reichen Länder mit sich selbst beschäftigt sind, werden die schwachen Staaten (Afrikas) auf wenig Hilfe hoffen können, bedauert Pater Johannes.

Das Gesundheitssystem muss an zwei Fronten kämpfen: Gegen das Ebola- und das Coronavirus. In diesem konfliktreichen Land wird das eine große Herausforderung werden. Mit einem so rasanten Anstieg von Corona-Patienten, wie wir es derzeit in Europa erleben, wäre das Gesundheitssystem überfordert. Intensivbetten, Beatmungsgeräte, Schutzmasken: Es mangelt in diesem Land an allem. Eine weitflächige Ausbreitung des Coronavirus wäre für die Menschen eine Katastrophe und würde für viele den Tod bedeuten", befürchtet Pater Johannes.

"Die Menschen haben in den vergangenen zwei Jahren während der Ebola-Epidemie vieles dazugelernt, um eine Ausbreitung des Ebola-Virus zu verhindern. Diese Erfahrung kommt den Menschen nun zugute", hofft unser Gesprächspartner. "Sie haben mit Ebola schon genug gelitten."
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