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Borobudur 2 | by h.koppdelaney
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Borobudur 2

Borobudur

 

HKD

 

Der exotische Vogel

 

Der Mönch in der orangefarbenen Kutte war mit dem Zug unterwegs zu einer Abendveranstaltung. Er und seine Begleiterin in förmlicher Alltagskleidung sprachen eine halbe Stunde über das Meditations- und Lehrprogramm, welches theoretische und praktische Aspekte ausgewogen miteinander verband.

Der Thailänder war alljährlicher Gast an der bekannten Abendschule und Anleiter von Meditationen. Karin, die etwa vierzigjährige Veranstalterin, kam nach den organisatorischen Punkten zu einigen privaten Fragen.

„Sie waren im vergangenen Jahr in Indonesien und haben bei Yogyakarta die Tempelanlage des Borobudur besucht. Sie deuteten ein denkwürdiges Ereignis an, gingen heute Morgen aber nicht näher darauf ein. Darf ich Sie aus reiner Neugierde fragen, worum es sich handelte?“

Der Mönch nickte freundlich und antwortete: „Ganz oben auf der Tempelanlage erwartete ich den Sonnenaufgang über dem tropisch dunstenden Wald. Die ersten Strahlen brachen durch die Wolkenlücken als ein heimischer Waldvogel in der Größe eines Raben aber mit bunten Federn und gebogenem Schnabel sich auf eine der glockenförmigen Stupas setzte. Er machte klickend krächzende Geräusche und sah mich dabei direkt an. Ich glaubte immer das Wort Ego, Ego, zu hören und folgte neugierig dieser Inspiration. Der Vogel war längst weg, und ich wollte mich gerade wieder der gedankenlosen, meditativen Stille widmen, da fielen mir der Zusammenhang und ein Aha-Erlebnis ein.“

Der Mönch lächelte und fuhr fort: „Ein paar Tage zuvor hatte mich ein Freund sehr verletzt und der Ärger und die Enttäuschung lösten sich nur schwer aus meinem Gemüt. Störende Gefühle traten sogar während der Meditation auf, und ich suchte krampfhaft nach einem Grund für sein Verhalten, um durch Verstehen den Schmerz zu lindern. Doch erst der Vogel brachte mir die erlösende Botschaft. Ich erinnerte mich an einen meiner Lehrer der mir einmal gesagt hatte:

– Ohne die anderen Menschen, auch diejenigen, die dich aufregen und ärgern, hättest du keine Möglichkeit, über dein Ego hinauszuwachsen, du könntest es nicht einmal erkennen.

Es ist sehr hilfreich, wenn andere dir Hindernisse in den Weg legen, selbst wenn sie dich bedrohen. Das fordert dich heraus. Es geht darum, dass du diesen Sachverhalt grundsätzlich erkennst:

Ohne Negativität der anderen kein Wachstum. Kannst du das wertschätzen? – “

Karin fühlte sich angesprochen: „Ob ich das wertschätzen kann?“

Der Mönch entgegnete: „Die Frage war noch an mich gerichtet. Für mich reichte die Erinnerung. Durch sie verflüchtigte sich mein Ärger und mein Herz öffnete sich wieder, auch für meinen Freund. Aber nun zu Ihnen. Gibt es noch eine alte Verletzung durch die Sie Ihr Herz für jemanden verschlossen halten?“

Karin fühlte sich sichtlich unwohl und versuchte, Zeit zu gewinnen. „Lassen Sie mich überlegen…“ Sie schaute aus dem Zugfenster und bemühte sich, Ruhe und Fassung zu behalten.

„Meine Mutter“, sagte sie mit bewegter Stimme, „hat sich auf unheilvolle Weise in meine Beziehung zu einer anderen Frau eingemischt. Sie verließ mich, weil meine Mutter Lügen erfunden hatte. Erst zehn Jahre später, erfuhr ich, was vorgefallen war. So habe ich meine Freundin und meine Mutter verloren. Aber seit fünf Jahren bin ich mit meinem Mann verheiratet. Was eigentlich ein Glück ist. Wir teilen die Interessen für Yoga und Meditation. Meine Freundin hatte für diese Dinge kein Verständnis. Sie heiratete einen Diplomaten und lebt jetzt in Süd-Amerika. Ihr konnte ich verzeihen, doch mit meiner Mutter bin ich noch nicht im Reinen.“

„Vielleicht denken Sie noch einmal über den Satz meines Lehrers nach“, sagte der Mönch. „Ohne die anderen Menschen, auch diejenigen, die dich aufregen und ärgern, hättest du keine Möglichkeit, über dein Ego hinauszuwachsen. Ohne Negativität der anderen kein Wachstum.“

„Es fällt mir schwer, jemandem zu verzeihen, der mir absichtlich Schmerzen zufügt“, sagte Karin. „Meine Freundin wusste es nicht besser. Aber meine Mutter wollte mich nicht loslassen. Sie wollte mich unter ihrer Kontrolle halten. Ich bin erst sehr spät ausgebrochen. Erst, als ich von den Lügen erfuhr.“

„Schmerz ist eine starke Antriebsfeder zur Befreiung“, sagte der Mönch. „Situationen voller Schmerz konstellieren sich oft aus diesen Gründen. Schmerzen bauen sich auf, bis es zur Trennung kommt. Bei Schmerzen stellen wir unsere Beziehungen infrage. So erging es mir auch. Ich wollte nichts mehr mit meinem Freund zu tun haben. Bis mir der Vogel die Befreiung brachte. Wir müssen auf einen himmlischen Boten warten, denn unser Wille kann sich Befreiung nur wünschen. Ich wünsche auch Ihnen Frieden mit Ihrer Mutter.“

Karin lachte: „Dann sind Sie jetzt mein exotischer Vogel.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

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Taken on August 11, 2012