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Dematerialization | by h.koppdelaney
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Dematerialization

Dematerialization

 

HKD

 

Entstehen und Vergehen der Welt

 

Die beiden Herren im Zug diskutierten ein sehr interessantes Thema. Die Ärztekollegen, etwa um die Fünfzig, kamen von einem Kongress und untersuchten die These eines umstrittenen Referenten, eines Sterbeforschers. Dieser Thanatologe hatte aus alten Schriften, Untersuchungen und eigener Erfahrung heraus begründet gefordert, sich den Tod aus der Perspektive der sich dematerialisierenden Psyche vorzustellen.

Der Referent hatte verdeutlicht, dass diese Vorstellung aus der subjektiven Sicht zu sehen sei. Die objektive Sicht sei die normale: Für die Umwelt bleibe ein lebloser Körper übrig. Doch aus der Sicht der Wandlung einer Psyche von der „Raupe zum Schmetterling“ stellten sich interessante Fragen:

Wenn die Raupe Bewusstsein hätte, wie würde sie aus der Sicht des Schmetterlings rückblickend ihre Wandlung betrachten?

„Ja“, sagte Horst. „Ich stelle mir vor, ich wache mit meinem Bewusstsein in einem anderen Körper auf, und dieser lebt in einer Welt mit neuen und anderen Möglichkeiten. Ich stelle mir vor, ich erwache im Körper eines Überirdischen mit überirdischen Fähigkeiten. Die Raupe mit ihrem engen Horizont kann plötzlich fliegen und in Blüten Nektar saugen. Würde ich in mein Raupendasein zurückwollen?“

Martin dagegen interessierte sich mehr für den Vorgang der Dematerialisation. „Als Student habe ich die Science Fiction Serie Enterprise gesehen. Beim Beamen lösen sich die Körper in Energie auf und können sich an anderer Stelle wieder materialisieren. Es gibt da auch die Angst vor dem Beamen, die Angst vor der Auslöschung. Weiß die Raupe, dass sie zum Schmetterling wird? Wenn der Referent Recht hat, zieht sich die Psyche aus dem alten Körper zurück und verwandelt sich gleichzeitig in einen neuen, ätherischen Energiekörper.“

„Da haben wir wieder die gute alte körperlose Seele“, sagte Horst. „Also nichts wirklich Neues.“

„Doch“, entgegnete Martin. „Seele gehörte früher nur in den Bereich der Religionen. Jetzt sprechen auch Wissenschaftler von unabhängigen Informationsfeldern, von materieunabhängigem, translokalem Bewusstsein und meinen das gleiche wie Psyche oder Seele. Ein Bewusstseinsfeld kann eine beliebige Form annehmen. Der Thanatologe behauptet ja, nach dem Tod könne die Psyche ihre Erscheinungsform wählen. Seiner Auffassung nach verliert der Tod seine Schrecken, wenn man die Schmetterlingsperspektive einnimmt.“

„Du meinst sein kurzes Märchen, in dem der Schmetterling sich an seine eigene Wandlung erinnert und daher einer Raupe beisteht, die Angst hat, sich zu verpuppen.“

Die Kollegen lachten.

Martin erinnerte: „Ja. Die Raupe wollte sich eher umbringen, als zu sterben. Erst als sie dem Schmetterling seine Geschichte glaubte, gab sie sich dem Wandel hin.“

Horst sagte: „Der Schmetterling beschreibt der Raupe den Wandel der Identifikation. Die löst sich vom Körper. Das Bewusstsein erfährt sich als ein sich wieder verdichtender Lufthauch. Wie eine Wolke, die Form annimmt und sich wieder verflüchtigen kann.“

„Während eines Traumes“, sagte Horst, „habe ich mich einmal in einen Adler verwandelt und bin geflogen. Bis in die schneeweißen, in der Sonne glänzenden Alpen hinauf. Den Traum habe ich nie vergessen. Ich fühlte mich in den Himmel erhoben und sah von oben auf die Welt.“

„Ein Patient, den ich vor einigen Jahren reanimierte sagte mir, er sei in eine Art Lichtwirbel gezogen worden und hätte das als sehr angenehm empfunden. Er habe nicht das Gefühl gehabt, das Bewusstsein zu verlieren, im Gegenteil, er habe gesehen, wie die Welt entstand: Aus einem Wirbel aus Licht.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

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Taken on July 30, 2012