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HKD

 

Erforscher neuer Möglichkeiten

 

Er war sicher, dass große Dinge auf seinen Enkel zukommen, denn er sei ein Entdecker. Der Fahrgast, der vor drei Bahnstationen zugestiegen war, hörte bereits seit einer Viertelstunde aufmerksam zu. Der Student der Sozialwissenschaften fragte mehrfach nach, denn in den Beschreibungen, die der Herr im grauen Maßanzug gab, erkannte er Aspekte seiner eigenen Kindheit, wie er mehrmals bemerkte.

„Hätte ich die Förderung erhalten, wie ihr Enkel“, sagte Nick. „Dann wäre mein Leben wohl anders verlaufen.“

Der Herr blickte ernst und schüttelte kaum sichtbar den Kopf. „Es hängt nicht alles an äußeren Bedingungen. Meine Schilderungen haben einen einseitigen Blickwinkel auf die materiellen Umstände gegeben. Das Entscheidende aber ist sein Grundtemperament. Neugier und Abenteuerlust sind nicht jedem Menschen gegeben und schon gar nicht Willensstärke. Doch er will die Welt nicht erobern, er möchte ihr dienen. Das sind die Werte meiner Tochter, seiner Mutter. Doch meine Tochter ist defensiv, während Gabriel offensiv ist.“

Nick fragte den Psychoanalytiker: „Wiegt Veranlagung mehr als die Umstände?“

„Die Veranlagung schafft die Umstände“, antwortete der ungefähr sechzigjährige. „Da ich dem buddhistischen Gedankengut offen gegenüber bin und die Reinkarnation als Konzept bejahe, ist für mich auch Karma ein bedeutender Aspekt der alten Weisheitslehre. Mit dem was ich heute tue, lege ich den Grundstein für das, was ich morgen erfahre. Daher halte ich es für sehr wichtig, wie ich heute mit der Welt und mit mir selbst umgehe. Durch das Gesetz von Ursache und Wirkung wird mein morgiges Leben durch das bestimmt, was ich heute tue. Da ich mir und anderen das Beste wünsche und nicht versuche, sie zu besiegen, schaffe ich mir eine friedliche Umgebung.“

Er machte eine kleine Pause und schien auf eine Reaktion des Studenten zu warten, doch dieser reagierte nicht und schien aus meiner Sicht intensiv damit beschäftigt, den Gedankengängen des Analytikers zu folgen und sie mit den seinen abzugleichen. Daher fuhr der Analytiker fort.

„Solange ich mich als Herr aufspielen möchte, folge ich unbewusst den Instinkten. Wettbewerbsspiele sind Spiele der Macht. Diese richten die Welt und die Zukunft in eine ganz bestimmte Richtung aus. Die mächtigsten, gierigsten, skrupellosesten Wesen herrschen über die weniger machtvollen und erzeugen Hierarchie und Ordnung. Natürlich auch Unterordnung. Parteidisziplin, zum Beispiel. Zieht mich meine Veranlagung zum Wettkampf auf einen Fußballplatz oder in ein anderes Sportstadion, gerate ich in die dazugehörenden Umstände und fühle mich von ihnen getroffen und geprägt. Überwachse ich hingegen meine Instinkte der Macht, öffnet sich das Paradies der Liebe, die rückblickend die Macht wohlwollend und nicht ablehnend bewertet. Wie könnte sie? Allerdings missachtet die Macht das Herz, hält es für dekadent und leidend. Sie kennen doch sicherlich historische Bilder, auf denen Christus mit einem blutenden Herzen dargestellt wird. Aufgrund der noch vorhandenen Machtspiele passen Mitleid, Mitgefühl, Herzlichkeit weder in die Wirtschaft noch in die Politik. Das wird sich sehr bald ändern. Neue Generationen tauchen auf und wollen neue Möglichkeiten entdecken. Und eine davon ist, welche Alternative es zu den bisherigen Strukturen in Politik und Wirtschaft gibt.“

Nick fand das sehr interessant und wollte wissen, ob er als Psychoanalytiker sich Alternativen vorstellen könne.

„Ich bin gerade auf dem Weg zu einem Kongress, wie Sie wissen. Es geht dort um das Thema der Erweiterung der Basisdemokratie. Die Schweiz nutzt Volksabstimmungen in ihrer Politik. Das könnte bei uns eingeführt und intensiver genutzt werden. Bürgerbeteiligung immer dort, wo eine genügende Anzahl an Bürgern diese erwünscht. Kommen politische Themen auf, für die sich viele Bürger interessieren, sollten sie mitreden dürfen.“

Der Analytiker erwähnte noch Punkte wie das bedingungslose Grundeinkommen und eine direkte Beteiligung der Bevölkerung am Produktivitätszuwachs der Wirtschaft. Natürlich müssten auch Verluste von der Bevölkerung mitgetragen werden. Alles aber hinge ab von einer Ethik, die den Wettbewerbsgedanken nicht mehr als Leitgedanken nehme, sondern ihn neben das gleichberechtigte Herz stelle.

„Mein Enkel wird in einer Umgebung groß, die nicht auf Macht verzichtet, sie aber nicht mehr an erste Stelle setzt:“

Die beiden Männer unterhielten sich, bis der Psychoanalytiker seinen Zielbahnhof erreicht hatte.

Ich stimmte zu, als Nick bemerkte, dass es sich um interessante Argumente für den neuen Zeitgeist gehandelt habe. Die Erforschung neuer Möglichkeiten läuft.

 

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Taken on March 30, 2012