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While waiting for the Train | by h.koppdelaney
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While waiting for the Train

While waiting for the Train

 

HKD

 

Eine ganz andere Spezies

 

“Du bist mir zugeteilt worden”, sagte der etwa vierzigjährige Piet zu seinem jungen Mitfahrer. Der junge Mann starrte schweigend durch das Zugfenster auf ein sich streitendes Paar auf dem Bahnsteig.

„Das sind die Auswirkungen von A4“, kommentierte Piet. „Die beiden verhelfen sich gegenseitig zur Reife.“

„Wie lange werden sie brauchen?“ fragte der junge Mann.

„Ich habe vierzehn Jahre bis zur Lösung gebraucht“, antwortete Piet. „Die beiden können es aber auch in drei oder vier Jahren schaffen. Wer weiß, wie lange sie schon streiten.“

„Du hast lange gebraucht bis zur Erschöpfung deiner Vitalkraft“, sagte der junge Mann. „Aber ich sollte nicht von Zeiträumen sprechen als ginge es um eine Leistung.“

„Vergleich ist in jungen Jahren stets aktiv“, sagte Piet. „Mein Beispiel hat Selbstgenügsamkeit bereits erreicht. Er hat früh auf Lob verzichtet. Ich hinke da hinterher.“

„Ich brauche auch noch Lob“, sagte der junge Mann. „Dein Beispiel ist sich selbst genug? Welche Gnade! Ich werde ihn auch als Beispiel wählen. Wie ist sein Name?“

„Acht. Übersetzt lautet er: Kein Herr, kein Sklave.“

„So weit hat er es bereits gebracht?“

„Du strebst“, antwortete Piet.

„Ich weiß. Immer wieder rutsche ich unbemerkt da hinein. Ich vermute, dass Acht ohnehin auch daran nicht mehr interessiert ist.“

„Du machst ihn zu einer schillernden Figur“, sagte Piet. „Er ist nicht daran interessiert, Acht zu sein. Er sagt immer: Ich bin nichts. Es ist mir egal, für was ihr mich haltet. Bleibt mir nur vom Leib mit euren Konzepten.“

Der junge Mann erkundigte sich nun, ob er, Piet, seinem Beispiel zugeteilt worden wäre, wie er selbst ihm, Piet.

Die Antwort bestätigte, dass es ihm ebenso gegangen sei, wie auch dem jungen Mann.

„Zuteilung läuft immer über Projektion“, sagte Piet. „Gegen das Gesetz der Anziehung hilft kein Einspruch, weil du es gern tust. Du willst es tun. Du musst es tun.“

„Ich erinnere mich“, sagte der junge Mann. „Hier nennt man das Verliebtheit.“

„Ja“, bestätigte Piet. „Aber die wenigsten Menschen haben Klarheit darüber. Sie erleben die Kräfte unbewusst und daher sehr leidvoll. Schau dir das Paar an. Sie hat versucht, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.“

Piet und der junge Mann lachten kurz auf und waren gleichzeitig stärker erregt.

„Ich spüre Errötung in meinem Gesicht“, sagte Piet.

„Ich auch“, sagte der junge Mann. „Wir teilen schnell.“

„Es ist mir eine Freude“, sagte Piet und der junge Mann nickte.

„Mir auch“, sagte er und die beiden nickten sich erneut kurz zu.

„Heißt du eigentlich dauerhaft Piet?“ fragte der junge Mann, während der Zug langsam anfuhr.

„Ich habe den Namen nie wirklich angenommen, aber ich höre auf ihn. Soll ich dich weiterhin Jean nennen?“

„Ich weiß noch nicht, das hängt von unserer Verbindung ab. Wir müssen ja noch darüber sprechen, an welchen Vorstellungen du hängst. Ich hoffe, es sind nicht zu viele. Ich selbst habe ja auch Vorstellungen. Ich werde sie dir mitteilen, damit wir sie schnell enttäuschen. Ich finde es Zeitverschwendung zehn Jahre lang zu streiten.“

„Ich bin froh“, sagte Piet. „Da sind wir ganz einer Meinung.“

 

HKD

 

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HKD

 

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Taken on February 16, 2012