A Horse with no Name

A Horse with no Name

 

HKD

 

Ein traumhaft schöner Morgen oder das Kürzel für quantiertes Bewusstsein

 

„Wie klug hast du dir dein Leben eingerichtet?” fragte der alte Mann seine etwa fünfzig jährige Tochter, mit der er unterwegs war. Er sprach leise und die Fahrgeräusche des Zuges übertönten einige seiner Worte.

„Was nennst du klug, Papa?“

„Klugheit wird der Eule zugesprochen, dem Vogel der Weisheit“, antwortete er.

„Du bist nicht mein Vater“, sagte sie, „und doch bist du es.“

„Die Weisheit des Paradoxen, ich verstehe. Als Schriftsteller habe ich mit ihr gearbeitet und sie auf diese Weise vertieft. Alles ist und ist doch nicht. Und weil das so ist, erkennt Weisheit die eigenen Möglichkeiten.“

„Das Pferd auf der Alm“, sagte die Tochter.

„Genau“, sagte der Vater. „Sonnenaufgang auf der Alm und ich bleibe stehen mit der Frage: Blickt das grasende Pferd auf und kommt mir näher oder bleibt es uninteressiert?“

Die Tochter nickte und sagte: „Aus dreißig Metern Entfernung kommt es auf dich zu und will von dir gekrault werden.“

„Das ist die Klugheit des Pferdes“, sagte der Vater. „Der Mensch hat seine eigene Klugheit.“

Die Tochter antwortete: „Darum suche ich die Schwingung in mir, um sie an andere zu verschenken. Das schöne Gefühl, verschenken zu können, ist ein Gefühl von Freiheit und Größe.“

„Persönliche Weisheit wird durch nichts übertroffen“, antwortete der Vater. „Ich bin nicht dein Vater, doch für mich bist du meine Tochter.“

Sie winkte ab mit der Hand und verneinte in der Geste eines leichten Kopfschüttelns. Dann sagte sie: „Ich glaube, diese Szene wird zu dick für das Stück.“

„Du bist die Regisseurin“, sagte er. „Ich richte mich ganz nach deinen Vorstellungen. Es ist zwar mein Buch, aber ein Film deiner Vorstellungen davon.“

„Ich muss angepasste Szenen einbauen. Im Film muss geschossen und gehetzt werden. Immerhin habe ich es als Traumsequenz eingeführt.“

Der Vater lächelte und nickte. „Geschickt, geschickt. Nur so hast du mich austricksen können.“

„Das wolltest du doch. Ich habe das Paradoxe für dich erhalten“, entgegnete sie. „Im Traum lief das Pferd langsam wieder zurück und dadurch bist du aufgewacht. Du wachst auf und stehst vor dem Pferd in der Wiese.“

„Ja“, sagte er. „Und dann kommt die Flugszene.“

„Genau“, bestätigt ihm die Tochter. „Als alles vorbei ist, landest du wieder auf der Alm und siehst in der Ferne das Pferd grasen. Diesmal aber bleibst du nicht stehen, sondern gehst weiter, um die anderen Möglichkeit auszuloten.“

„Die Geschichte mit dem jungen Mann…“ sagte er. „Dem das Pferd gehört und der es zum Aufsatteln holen will.“

„Es steht schon am Zaun, als der Mann kommt“, sagt die Tochter und der Vater fährt fort: „Ich sehe es von dem höheren Blickwinkel aus. Ich sehe für einen Augenblick, wie die beiden Körper miteinander verschmelzen und sie zu einem Kentaur werden, kraftvoll, dem Chiron ebenbürtig. “

„Wieder erkennst du, dass du träumst.“

„Ja“, antwortet der Vater. „Doch ich konzentriere mich auf meinen im Bett schlafenden Körper, um in meinen Alltagsfilm zu kommen. Allerdings klappt das nicht sofort. Ich spüre Panik und schnappe nach Luft. Peng, wieder ein Versuch gescheitert, normal aus dem QB-Zustand aufzuwachen.“

Ich erfuhr noch, dass QB das Kürzel für „Quantiertes Bewusstsein“ sei und bedauerte es sehr, dass die beiden ihren Zielbahnhof erreichten. Als der Zug bremste, gab es zum Schluss einen kleinen Ruck und ich erwachte. Das Abteil war leer.

 

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on February 14, 2012