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The Seven Raven

The Seven Raven Brothers

 

HKD

 

Wieder menschlich.

 

Sie besaß schon ein E-Book und las ihrem jüngeren Bruder etwas vor. Der Fünfjährige lauschte seiner knapp doppelt so alten Schwester seit die beiden mit ihrem Vater zugestiegen waren. Ihr Zielbahnhof lag weit im Süden und alle hofften dort milderes Wetter anzutreffen. Sie entflohen der Tristesse des Nordens.

Der Vater hatte schon vor einer ganzen Weile sein Nachrichtenmagazin beiseite gelegt und döste, den Kopf an die Nackenstütze gelehnt. Er war Steuerberater und hatte seiner Tochter erklärt, dass er dem Märchen nicht lauschen würde. Er müsse noch eine Bilanz überdenken und Märchen und Bilanzen vertrügen sich nicht so gut, das wisse sie doch.

Und tatsächlich drängelte das Mädchen nicht, im Gegenteil, sie lächelte verständnisvoll. Sie schien daran gewöhnt, ihrem Bruder allein vorzulesen. Dieser hatte sich gerade hingesetzt und verfolgte den Text, den Iris ihm vorlas.

Er kannte das Märchen von den Sieben Rabenbrüdern schon längst, doch eine Faszination für die Einzelheiten der Geschichte ließ ihn nicht los. Immer wieder fragte er nach und wollte wissen, ob man ein Rabe wird, wenn man sich streitet. Und warum die Schwester schuldig sei obwohl doch der Vater die sieben Brüder verflucht habe.

„Sie wurden zu Raben“, sagte die Schwester, „weil der Vater böse auf sie war. Er hatte sie gebeten, Taufwasser für das neue Schwesterchen zu holen, und sie haben den Krug in den Brunnen fallen lassen.“

„Ja“, sagte der Junge. „Weil sie sich gestritten haben.“

„Und das Mädchen nimmt später die Schuld auf sich“, sagte die Schwester, „und geht auf die Suche nach ihren verlorenen Brüdern. Sie reist über die ganze Welt und dann bis zur Sonne und zum Mond, doch vergeblich. Aber der Morgenstern ist freundlich und schenkt ihr den Schlüssel zum Glaspalast.“

„Und da sind dann die Brüder“, sagte der Junge und fuhr fort: „Und was ist der Glaspalast?“

„Das ist das Land der Träume, glaube ich.“

Der Junge sah seine Schwester mit großen Augen an.

„Ich träume jede Nacht. Sind da die Raben auch?“

„Das kann gut sein“, sagte das Mädchen. „Jedenfalls muss die Schwester da hinein, um die Brüder wieder zu Menschen werden zu lassen.“

„Die Brüder können nach Hause“, sagte der Junge. „Die Schwester hat sie erlöst. Sie brauchen jetzt keine Raben mehr zu sein.“

Der Zug lief etwas ruckend in den nächsten Bahnhof ein. Während der Vater wach wurde, fragte er: „Wer braucht kein Rabe mehr zu sein?“

Da sagte die Tochter: „Ach Papa, dich interessiert doch nicht wirklich, worum es hier geht. In deinem Kopf ist doch nur Platz für Zahlen.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on January 7, 2012