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Night Gift | by h.koppdelaney
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Night Gift

Passage

 

Through the Mist

 

HKD

 

Durch den dicksten Nebel ohne Angst… Wie geht das?

 

Ihre Tochter habe sie gefragt, wo die Emotionen ihren Ursprung hätten. Die etwa fünfzigjährige Frau war mit dem Zug unterwegs zum Flughafen, um ihre Tochter im Ausland zu besuchen. Sie arbeite als Assistenzärztin an einem Krankenhaus und habe jetzt endlich eine eigene Wohnung.

Die junge Frau, die ihr gegenüber saß, hörte aufmerksam zu und stellte gelegentlich Fragen.

„Warum bei diesem Wetter?“

„November ist keine schöne Zeit zum Reisen“, antwortete die Frau, „aber ich habe nur jetzt Urlaub.“

„Und was haben Sie Ihrer Tochter geantwortet?“

„Bezüglich der Emotionen?“

„Ja.“

„Ich habe ihr gesagt, dass ich es nicht weiß. Aber die Gefühle tricksen dich aus. Ich habe deinen Vater fünf Jahre geliebt und fünf Jahre gehasst. Warum? Ich könnte jetzt sagen, er ist mit einer anderen auf und davon und hat mich mit dir sitzen lassen. Das wäre ein guter Grund, ihn zu hassen. Doch heute bin ich dankbar, denn ich hätte nie mit meiner Tochter ein derart inniges Verhältnis, wenn er als Vater geblieben wäre. Als ich mich mit meinen Gefühlen auseinandersetzte, stellte ich fest, dass es viele Gründe gibt, die man einfach austauschen konnte. Ich liebte meinen Mann, weil… und so weiter. Ich hasste meinen Mann, weil… und so weiter. Ich weiß, er kränkte meine Eitelkeit, meinen Stolz, er rief meine Eifersucht und meinen Zorn hervor, und ich habe ihn beschimpft. Ich kann also sagen, dass bestimmte Gefühle durch Situationen und deren Reize ausgelöst werden. Die Taschenlampe wird sozusagen angeschaltet, das Licht wird aktiviert. Doch was ist die Quelle der Energie? Wo ist die Batterie? Ich habe keine Ahnung, wo die Antriebskräfte liegen. Ich habe ihr schließlich gesagt: Im Unbekannten. Mein Psychologe sagte mir, im Unbewussten. Man könne auch sagen, die Quelle aller Motivationen sei Gott. Ich habe seine Worte nicht vergessen. Aber ich hatte Schwierigkeiten damit zu glauben, dass Gott mir Angst macht.“

„Daran habe ich noch nie gedacht“, sagte die junge Frau, die in einem ähnlichen Alter war wie die Tochter, etwa Ende zwanzig. „Haben Sie Ihrer Tochter das so gesagt?“

„Dass Gott mir Angst macht? Nein, das habe ich ihr nicht gesagt. Sie kann mit Gott nicht viel anfangen. Mein Sohn übrigens auch nicht. Mein Psychologe hat mir erklärt, Gott sei eine Vorstellung, die erweitert werden könne, und ich habe mich auf diese Erweiterung eingelassen. Gott sei keine äußere Instanz, er sei, genau wie das Unbewusste, eine innere. Die Psychologie verlagert Gott ins eigenere Innere. Mystiker tun das auch. Gott ist in mir. Er ist etwas sehr Persönliches. Diese Vorstellung löste ihn aus der Vorherrschaft der Religionen und ihrer professionellen Interpreten. Meine Tochter lehnt genau das ab. Als Atheistin bekam sie an einem konfessionell gebundenen Krankenhaus keine Anstellung.“

„Woher wissen Sie das alles?“

„Oh, ich habe Religionswissenschaften studiert. Auch ein paar Semester Psychologie und Ethnologie. Da meine Tochter allerdings kam, habe ich das Studium abgebrochen und geheiratet. Aber die Themen haben mich nie in Ruhe gelassen.“

„Ich habe manchmal Angst“, sagte die junge Frau, „wenn ich abends vom Bahnhof nach Hause gehe. Im Herbst, wenn es nebelig ist oder so, meide ich den Weg durch den Schlosspark, obwohl es ein Umweg ist. Diese Angst macht also Gott?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete die Frau. „Ich weiß nur, dass die Emotionen übermächtig sind. Daher neige ich dazu, sie Göttern oder einem Gott zuzuschreiben. Schließlich ist das Göttliche in mir, doch leider habe ich keinen wesentlichen Einfluss darauf. Wenn ich mir vorstelle, ich müsse nachts durch einen nebligen Park, hätte ich auch Angst, es sei denn, mein Unbewusstes schenkt mir Vertrauen. Mit Gottvertrauen gehe ich durch den dicksten Nebel.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on November 9, 2011