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Walking in the Rain

Just walking the Dog even in the Rain makes me happy…

 

HKD

 

„Wunschdenken hat etwas mit der Zukunft zu tun“, entgegnete ihr Mann und sah dabei aus dem Fenster des Abteils hinaus auf den Bahnsteig, so, als erwarte er noch jemanden. Automatisch drehte auch ich meinen Kopf, allerdings blickte ich in die entgegen gesetzte Richtung.

Nieselregen und dünne Nebelschleier machten den Nachmittag grau, obwohl vom Wetterdienst bessere Verhältnisse vorausgesagt worden waren.

Eine Frau in Regenmantel, Hut und Rucksack betrat das Abteil und hatte sich gerade auf ihrem Platz eingerichtet, als der Zug mit einem kleinen Ruck anfuhr.

Hanna, die Religionslehrerin und ihr Mann unterhielten sich über ein gemeinsam erlebtes Seminar über Schuld, Beichte und Sühne.

Die Frau mit dem Rucksack roch nach nassem Hund.

Hanna schnüffelte verhalten, um sich den Geruch zu erklären, was der Frau aufgefallen war.

„Oh“, sagte sie. „Entschuldigen Sie bitte. Ich war vorhin mit meinem Dalmatiner unterwegs, und wir sind beide nass geworden. Bevor ich zur Arbeit fahre, machen wir stets noch unsere Runde, egal bei welchem Wetter.“ Die Frau lächelte. „Ich fahre nur bis zur nächsten Station.“

„Ich möchte Ihnen keine Schuldgefühle machen“, sagte Hanna. „Ich war mir nur nicht sicher, welcher Art der Geruch ist. Entschuldigen Sie bitte meine Neugierde.“

„Wir hatten selbst lange Zeit einen Hund“, sagte der Mann. „Der Dackel ist vor zwei Jahren gestorben.“

Die Frau mit dem Rucksack erkundigte sich, ob sie nicht daran dächten, sich wieder einen Hund zuzulegen, denn sie selbst könne sich ein Leben ohne Hund nicht vorstellen.

Hanna sagte, es sei durchaus möglich. Der letzte Sohn ginge gerade aus dem Haus und wenn es ihnen zu leer vorkommen sollte, stünde auch ein Hund zur Debatte, allerdings wolle man im Augenblick die ganz freie Zeit zum Reisen nutzen.

„Wir waren bisher doch sehr ans Haus gefesselt“, sagte der Mann. „Da sind einige Wünsche offen geblieben. Wir wollten schon immer nach Brasilien, meinen Onkel, Cousins und Cousinen besuchen.“

„Ohne Wunsch kein Leben“, sagte die Frau mit dem Rucksack.

„Das sehe ich auch so“, antwortete Hanna. „Obwohl ja immer von Wunschlosigkeit als höchstem Glück gesprochen wird.“

„Wie könnte ich ohne Wünsche sein?“ fragte die Frau. „Ich habe das Gefühl, die entspringen in mir ohne mein Zutun. Ich versuchte einige Jahre mir einen Liebhaber aus dem Kopf zu schlagen. Je mehr ich versuchte, mich loszureißen, umso mehr wünschte ich mir, mit ihm zusammen zu sein. Als ich Tessa, meinen Dalmatiner bekam, verblasste die Sehnsucht nach dem Mann, der seine Frau nicht verlassen konnte.“

„Vielleicht hatte der Mann zu starke Schuldgefühle“, sagte Hanna. „Seit mir bewusst geworden ist, dass mein Wunsch, alles richtig zu machen, mein Leben in sehr engen Grenzen hält, verstehe ich diesen Mechanismus auch in anderen. Wenn ich an eine Grenze komme, tauchen Angst, Skrupel und Schuld auf.“

„Ich glaube nicht“, antwortete die Frau. „dass mein Geliebter moralische Skrupel oder Angst hatte. Ich musste einsehen, dass ich nur ein praktischer Gebrauchsgegenstand war. Seine Liebe zu mir war nicht so stark wie meine zu ihm. Eigentlich war nur sein Trieb stark, sein Wunsch, mich… Na ja, lassen wir das lieber.“

„Ich gebe zu“, sagte der Mann, „dass dem Geschlechtstrieb tausend Wünsche entspringen und ebenso viele Gedanken. Ich glaube, Liebe und Trieb werden häufig verwechselt.“

„Vielleicht habe ich seinen Trieb geliebt und nicht den Mann“ sagte die Frau und lachte kurz. „Jedenfalls bin ich froh, aus den Jahren heraus zu sein, in denen die Hormone wesentlich meine Handlungen bestimmten. Hormone weg, Wünsche weg. Und selbst daran musste ich mich gewöhnen. Von hundert Wünschen sind nur noch zwanzig übrig. So gesehen komme ich dem wunschlosen Glück immer näher…Es ist merkwürdig, aber wenn ich mit Tessa spazieren gehe, auch wie heute, in der garstigen Nässe, fühle ich mich häufig wunschlos glücklich…“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on October 27, 2011