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Rainy Evening | by h.koppdelaney
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Rainy Evening

On a rainy Evening in November…

 

HKD

 

Pink oder verrückt?

 

„Wenn ich abends durch die Stadt gehe“, erklärte sie dem Fahrgast, der dem Zug vor etwa zwanzig Minuten zugestiegen war, „dann habe ich manchmal das Gefühl, als verfolge mich jemand.“

Ihr Zuhörer hatte ein paar vertiefende Fragen gestellt, und die etwa vierzigjährige Frau erklärte an einem konkreten Beispiel, auf welche Weise sich die Angst so weit verstärke, dass sie sich gezwungen fühle, immer zügiger zu gehen. Das Herz rase dann und in einem Augenblick der Erschöpfung und Verzweiflung bleibe sie dann stehen und drehe sich um.

„Ich will mich dann konfrontieren“, sagte sie. „Aber natürlich ist da niemand. Ich gehe in der Dämmerung. Es ist November und diesig. Grau, alles Grau. Bis auf meinen Regenschirm. Er ist Pink. Natürlich. Ich sagte ja schon, dass ich diese Farbe liebe.“

„Und was geschah dann?“ fragte der Rentner.

„Ach ja. Ich habe den Faden verloren.“

Sie beschrieb nun den regnerischen Abend an dem sie mit ihrem pinkfarbenen Schirm am Schlossgraben entlang ging und diesmal nicht nur Schritte hörte, vielmehr wieder eine Männerstimme hörte, die ihren Namen rief.

„Manchmal rieche ich auch Dinge, die nicht vorhanden sind. Von gegrillter Bratwurst bis Blumen oder Leder. Diesmal kam also die Stimme. Nicht sehr laut. Wie aus dem Nebel. Und ich eilte immer schneller. Komisch, wenn mein Freund mit mir geht, passiert mir das nie. Immer nur dann, wenn ich Spätschicht habe und allein nach Hause gehe. Ich habe den halben Monat Frühschicht und dann Spätschicht. Das lässt sich nicht umgehen, weil der Dienstplan das vorschreibt und ich das bei der Einstellung so genehmigt habe. Aber vielleicht sollte ich mir einen anderen Arbeitsplatz suchen.“

Was denn nun an dem Abend mit dem Regenschirm passiert sei, wollte der Rentner wissen.

„Ich wäre jetzt sofort darauf zurückkommen“, sagte sie. „Aber es war mein Kollege. Der Mann, der mich rief. Er hatte vergessen, mir eine Änderung im Dienstplan mitzuteilen und lief ein paar Schritte hinter mir her. Er wunderte sich, dass ich fortlief. Er blieb schließlich stehen. Ich hatte seine Erklärung dann auf dem Anrufbeantworter. Er kennt meinen Schirm.“

Aber das habe sie gar nicht sagen wollen, denn es ginge um den Umstand, dass die Stimme den ganzen Weg über gerufen habe.

„Elsa, Elsa! Sie verstummte erst, als ich die Haustür hinter mir schloss. Als mein Freund kam erzählte ich ihm alles. Der sagte dann, ich solle mich daran erinnern, was mein Hausarzt mir gesagt hat.“

Wieder schwieg die Frau an dieser Stelle und lockte den Rentner erfolgreich aus der Reserve. Ich sah seine neugierigen Augen während er sie darum bat zu erklären, was denn nun der Hausarzt gesagt habe, denn es sei ja nicht alltäglich, dass man Stimmen höre und sich häufiger verfolgt fühle.

„Mein Hausarzt sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, die Membran sei bei mir ein wenig dünn. Das sei bei einem kleinen Teil der Menschen so. Manche sind medial begabt, weil sie Stimmen hören. Diese Menschen nennt man Channell. Die bekommen Botschaften, wenn sie das richtig verstehen. Eigentlich brauche ich nicht davonlaufen, sagt er. Aber manchmal dauert es einige Zeit, bis man sich daran gewöhnt und seine Angst davor verliert, verrückt werden zu können.“

Sie überlegte einen Augenblick und ergänzte dann: „Ich tendiere dahin, Channell zu werden.“

„Ja“, sagte der Rentner. „Ich glaube das ist eine bessere Einstellung als zu fürchten, dass man allein durch die Angst verrückt zu werden wirklich verrückt wird.“

Sie sah ihn an und nickte, dann sagte sie: „Der Arzt meint, das sei die Angst vor dem Unbekannten. Seine Großmutter habe ebenfalls Stimmen gehört und sie sei schließlich Heilerin geworden und habe erfolgreich Gürtelrose besprochen.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

  

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Taken on October 13, 2011