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Inner Journey | by h.koppdelaney
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Inner Journey

Voyager

 

The Inner Journey

 

HKD

 

Reisende

Die Reise nach Innen.

 

Er mochte um die achtzig sein, vielleicht ein paar Jahre jünger und saß schon im Zugabteil, als ich es betrat. Auf meine Erklärungen bezüglich meines reservierten Platzes hin, lächelte er und meinte, ein Mitreisender sei ihm heute höchst willkommen. Leider ließ er sich zu näheren Erläuterungen nicht aus.

Obwohl mich das Wort Heute zur Nachfrage reizte, hielt ich mich zurück und reimte mir eine passende Erklärung, um meinen neugierigen Geist zu beruhigen.

Der grauhaarige Herr in gepflegtem Outfit und Lederkoffer schwieg, doch wirkte er keinesfalls gedankenverloren, obwohl er immer wieder längere Abschnitte der Fahrt aus dem Fenster sah. Als die Abenddämmerung hereinbrach und das Licht im Abteil eingeschaltet wurde, sah er ausdauernd auf seine im Schoß liegenden Hände.

Erst als die Fahrkarten kontrolliert wurden, sprach er und gab mir ein paar kurze Erklärungen zum Zweck seiner Reise, die familiärer Natur war. Gerade als er ausgesprochen hatte, kam eine Frau mit zwei jugendlichen Kindern, von denen einer der Jungs ein Skateboard bei sich trug. Die Frau entschuldigte sich bei dem Herrn, als das Board mit einem Rad seine Hose streifte und leicht beschmutzte.

„Heute stört mich das nicht“, sagte der Alte, klopfte mit der Handfläche den Straßenstaub ab und fuhr fort: „Sehen Sie, alles wieder sauber.“

„Warum stört Sie das heute nicht?“ fragte der Junge mit dem Brett. „Hätte Sie das gestern gestört oder vielleicht morgen?“

„Heute ist der zehnte Todestag meiner Frau“, sagte der Mann. „Sie hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich an dem jährlich wiederkehrenden Tag mich über die Freiheit freue, die für sie das Hinüberwechseln bedeutete.“

Die Frau entschuldigte sich für die Indiskretion ihres Jungen, doch der Herr wehrte ab.

„Heute ist das alles kein Problem. Außerdem liegt es an mir, in welcher Form ich antworte. Vielleicht sollte ich intime Details lieber zurückhalten. Vielleicht aber auch nicht.“

„Mich würde interessieren“, fragte der zweite Junge „wieso Ihre Frau keine Angst hatte und sich freute.“

„Erstens war sie lange Zeit ans Bett gebunden und meditierte viel. Sie sagte, der Tod sei keine hässliche Angelegenheit, kein grauenvoller Augenblick, den es so lange wie möglich herauszuzögern gelte. Man kann auf nette Art aus dem Köper hinausgehen. Sogar mit Humor. Das hat sie mir gezeigt. Man kann glücklich sterben und daran erinnere ich mich an diesem Tag immer wieder.“

Der Junge fand den Tod schrecklich. Er mache ihm Angst.

„Die Angst vor dem Tod ist real“, sagte der Mann. „Der Tod selbst ist nur mit falschen Vorstellungen belegt.“

Nun wollte die Mutter wissen, wie er das meine.

„Meine Frau sagte mir, das Leben sei eine Reise die mit dem Tod ende, doch der Tod sei Gott und Gott bedeute Leben. Nur die Formen der Existenz wandeln sich.“

„Das ist mir zu hoch“, entgegnete der Junge.

„In deinem Alter muss man das auch noch nicht verstehen“, antwortete der Alte. „Außerdem hat meine Frau den Tod aus buddhistischer Sicht gesehen. Sie hat sich langsam von den Gedanken an dieses Leben gelöst. Das ist eine Praxis der Bodhisattvas.“

„Was ist ein Bodhisattva?“ fragte der Junge mit dem Skateboard und der Alte erklärte, dass es sich dabei um Menschen handele, die sich intensiv darum bemühten, das zu verstehen, was der historische Buddha an tiefen Weisheiten gelehrt habe.

„Das führte bei meiner Frau zum Verlust ihrer Angst vor dem Tod.“

„Dann möchte ich auch Bodhisattva werden“, sagte der Junge. „Aber erst später.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on September 25, 2011