Euphoria

Women like Karin

 

HKD

 

Frauen wie Karin oder die Euphorie der Gewinner (Motivationskraft A3)

 

Das im Zugabteil mitreisende Paar war auf dem Weg zum Flughafen. Die leicht aufgedrehte Karin schätzte ich auf Mitte dreißig, und den smarten Jonathan auf Anfang vierzig. Karin trat ein neues Engagement an einem großen Theater an und nervte ihren Lebensgefährten mit allerlei Fragen, denn dieser kannte sich aufgrund eines Gastspiels an dem Schauspielhaus bereits einigermaßen aus. Nachdem ein gutes Dutzend Fragen geklärt zu sein schienen, wollte sie nun einige Details über den Intendanten wissen. Und so erfuhr auch ich die hochgradig sensible Wahrnehmung eines Mitreisenden, den ich schließlich mit ganz anderen Augen sehen konnte als zuvor.

Aus Jonathans Sicht war der Intendant eine charismatische Persönlichkeit. Es sei schwierig, ihm etwas abzuschlagen, weil man ganz einfach das Gefühl habe, es ihm recht machen zu wollen.

„Das geht nicht nur mir so“, sagte Jonathan. „Viele Kollegen erfahren dasselbe Phänomen.“

Der Betrieb laufe deswegen so gut, weil er eine positive Vaterfigur sei, die vorwiegend das Wohl des Hauses und damit aller Angestellten im Sinn habe.

„Ich kenne auch die negativen Vaterfiguren sehrt gut“, sagte Jonathan und beschrieb die herrische Art eines Leiters, der es unmöglich machte, gute Leistungen zu bringen. Stets sei er unzufrieden gewesen, argwöhnisch und drohend. Man habe immer das ungute Gefühl gehabt, man sein unzureichend, einfach nicht gut genug.

„Und diese beiden Stimmen, den guten und den schlechten Vater habe ich in meinem System“, sagte Jonathan. „Das ist wie Depression und Euphorie.“

„Ich verstehe“, antwortete Karin. „Liebe und Hass. Es gibt Väter, die ihre Kinder lieben und jene, die sie hassen. Mein Vater hat immer geglaubt, ich sei die Tochter eines anderen.“

„Du hast mir davon erzählt. Er hat dich lieben wollen, konnte es aber nicht. Dafür hat dich deine Mutter umso mehr geliebt.“

„Wir waren verrückt nacheinander“, sagte Karin. „Sie war meine beste Freundin.“

„Sieh an“, sagte Jonathan. „Gute Mutter, schlechter Vater. Deine Mutter gut drauf, dein Vater aggressiv und dann depressiv. Interessant ist es für mich, dass er viel ausgeglichener ist, nachdem deine Mutter verstorben ist.“

„Ich glaube“, entgegnete Karin. „Es liegt an dem genetischen Test, den wir dann ja gemacht haben. Ich bin seine leibliche Tochter. Ich bin sicher, das hat uns beide ziemlich erleichtert.“

Ihr Handy klingelte und sie nahm das Gespräch an.

Ihre Künstleragentur hatte eine überraschende Anfrage vorliegen. Es ging um die Hauptrolle in einem Fernsehfilm.

Karin fasste sich an den Kopf und wiederholte mehrmals hintereinander: „Ich muss denken. Ich muss nachdenken. Das ist ja total verrückt!“

Als das Gespräch beendet war, musste sie schnell zur Toilette.

Jonathan entschuldigte sich bei mir für die ganze Aufregung, doch ich fand, dass die Freude sehr ansteckend sei.

Karin besitze viel Energie, sagte Jonathan und beschrieb in ein paar Sätzen, was sie alles an einem Tag so erledige. Dagegen sei er ein richtiger Muffel. Vor allem morgens träume er noch im Bett, während Karin bereits vom Joggen kommt.

„Ich bin mehr für Drama und Tragödie zuständig“, sagte er. „Karins Hauptrolle ist eine Komödie. Das passt zu ihr.“

Sie hatte ihren roten Lippenstift nachgezogen, das fiel mir sofort auf, als sie das Abteil wieder betrat. Wie eine Katze kuschelte sie sich in ihren Sitz und schlug ein Bein über das andere, um es im selben Augenblick wieder zurück zu stellen.

Und wieder schlug sie ein Bein über, zog ihre Rock zurecht, um im selben Augenblick das Bein wieder zurückzusetzen. Sie stellte die Angelegenheit als wichtige Übung dar als Jonathan um etwas Zurückhaltung bat..

„Ich spiele die Sekretärin eines Finanzmaklers“, erklärte Karin. „Sie ist eine raffinierte Frau, die eine interessante Form von Kundenbindung praktiziert. Sie will aus der Erbärmlichkeit ihres kleinen Lebens heraus und verbündet sich mit einer zwielichtigen Gestalt, die ihr magische Kräfte verleiht. Und damit treibt sie einigen Unfug. Die Männer fahren reihenweise auf sie ab.“

Jonathan schmunzelte und sagte: „Die Traumfabrik.“

„Aber warum denn nicht?“ sagte Karin. „Findest du traumlose Tage besser?“

 

 

HKD

 

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Taken on September 3, 2011
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