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He is leaving | by h.koppdelaney
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He is leaving

Weltschmerz

Sentimental Pessimism

 

HKD

 

Was ist Weltschmerz?

 

Die Neunjährige berichtete ihrer gleichaltrigen Cousine, die neben ihr und ihrer Mutter im Zugabteil saß, wie ihr Freund vom Nachbarhof sie verlassen musste, weil seine Familie umzog. Es war eine dramatische Schilderung, die mir meine Gefühle als Kind wieder in Erinnerung rief. Sie schienen mir das Herz zu zerreißen und ebenso schien Sandra unter ähnlichen Gefühlen zu leiden.

Trennungsschmerz stürzte auch mich in die emotionale Hölle und ich begann, innere Abwehrmechanismen gegen mich selbst aufzubauen. Die Außenwelt hänselte mich wegen der gezeigten Emotionen und so begann ich, gegen meine Umwelt eine Protesthaltung zu entwickeln. Verbote, Vorschriften, Gesetze und bis ins kleinste Detail vorgeschriebene Regeln der Etikette machten es mir unmöglich, meine wahren Gefühle zu zeigen, ohne dafür bestraft zu werden.

Meine Selbstkontrolle verstärkte sich mit zunehmendem Alter, doch der authentische Ausdruck meiner Gefühle war verloren gegangen. Ich war unfähig geworden, etwas oder jemanden auf der emotionalen Ebene zu lieben. Toleranz ersetzte die herzlichen Gefühle und mit der Vernunft wuchs der Respekt gegenüber anderen, doch kindliche Emotionen wie Lebenslust, Freude und Herzlichkeit waren verloren. Und hier im Zug sah und hörte ich, wie mein damaliger Prozess ablief.

„Stell dich nicht so an!“ sagte die kaum dreißigjährige Mutter. „Wir alle müssen Verluste hinnehmen und wir müssen stark sein. Das Leben ist kein Zuckerschlecken.“

Sandra wehrte sich gegen die Verurteilung ihrer Gefühle und sagte immer wieder, dass sie doch weinen dürfen muss.

„Die Oma sagt auch, wer liebt, darf weinen.“

Ich erinnerte mich, mein Vater sagte, dass Jungen nicht weinen dürften. Da er mein Vorbild war, begann ich, meine sentimentalen Gefühle zu verachten. Diese Selbstverachtung half mir, mich in einer gesellschaftlichen Umgebung angemessen förmlich zu verhalten, doch die Maske schmerzte und ich wurde schließlich krank.

Durch den Schmerz dieser Krankheit motiviert, machte ich mich auf die Suche nach dem heiligen Gral, die Suche nach Selbsterkenntnis und Selbstheilung. Und diese führte zurück in meine Kindheit, genauer: sie erweckte meine eingeschlafene kindliche Gefühlswelt zu der besonders die herzlichen Emotionen gehören. Ja, sagte ich mir. Wer liebt, darf weinen.

„Liebe“, sagte die Mutter. „Was weißt du schon von Liebe? Sie ist ein Luxus, den man sich in dieser Welt nicht leisten kann.“

Wird Sandra diese Aussage eines Tages glauben? Wird auch sie sich eines Tages nicht mehr gestatten, ihr Herz zu öffnen, nicht nur weil eine mögliche Trennung wieder schmerzt, sondern weil die Mutter als Vorbild ihren erlernten Pragmatismus als richtiges Verhalten weitergegeben hat.

Die entscheidenden Prägungen laufen im Kindesalter. Was ist gut? Was ist böse? Das darfst du. Das darfst du nicht!

„Du hast bald schon einen neuen Freund“, sagte die Mutter und meinte, Sandra solle endlich mit ihrem Selbstmitleid aufhören. Das führe zu nichts.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Cousine kaum gesprochen, doch nun sagte sie, dass ihr Kaninchen schon lange tot sei und ihr Papa habe ihr erklärt, sie dürfe ruhig traurig sein. Aber sie wolle nicht länger traurig sein und Weltschmerz haben.

„Oh, Gott!“ sagte die Mutter. „Was weiß mein Bruder schon von Weltschmerz? Er bringt immer noch alles durcheinander.“

„Bringt er nicht“, entgegnete die Cousine. „Papa hat mir das genau erklärt. Jede unerwünschte Trennung löst Schmerzen in der Seele aus.“

„Und was hat das mit Weltschmerz zu tun?“ wollte die Mutter nun wissen.

„Das weiß ich nicht“, gestand die Cousine und ergänzte ärgerlich. „Aber du weißt es auch nicht!“

 

HKD

  

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

What is Weltschmerz?

 

The nine-year-old told her cousins, who sat next to her and her mother in the train compartment, how her friend from the neighbouring farm had had to leave her, because his family had moved. It was a dramatic narrative, which recalled in memory my feelings as a child. They seemed to rend my heart, just as Sandra seemed to suffer from similar feelings.

 

The pain of separation had also plunged me into emotional hell, and I began to develop internal defense mechanisms against myself. The outside world taunted me because of the emotions I expressed, so I began to develop a protest against my environment. Prohibitions, regulations, laws, and the prescribed rules of etiquette to the minutest detail made it impossible for me to show my true feelings without being punished.

 

My self-control intensified with increasing age; however, the authentic expression of my emotions had been lost. I became incapable of loving anything or anyone on an emotional level. Tolerance replaced warm feelings, and with reason, respect for others increased, but childlike emotions such as love of life, joy, and warmth were lost. And here on the train, I saw and heard how my development process had occurred.

 

"Don't act that way," said her mother, who was scarcely thirty years old. "We must all experience loss, and we must be strong. Life is no picnic."

 

Sandra refused to accept the condemnation of her emotions and kept repeating that she must still be allowed to cry. "Grandma says anyone who loves is allowed to weep."

 

I remembered how my father had said that boys should not cry. Since he was my role model, I began to despise my sentimental emotions. This self-loathing helped me to behave appropriately in formal social surroundings; however, the mask hurt and I ultimately became sick.

 

Motivated by the pain of this disease, I began my quest for the Holy Grail, the quest for self-knowledge and self-healing. And this led back to my childhood, or rather it awakened my sleeping childhood world of feelings to which especially the heartfelt emotions belong. Yes, I said to myself: Anyone who loves must be allowed to cry.

 

"Love," said her mother. "What do you know of love? It is a luxury that you cannot afford in this world. "

 

Will Sandra believe this assertion one day? Will she too one day no longer allow her heart to open up, not only because of the possible pain of separation, but because as a role model, her mother had passed on her learned pragmatism as right conduct? We experience critical imprints in our childhoods: What is good? What is evil? This you may do. You must not do that!

 

"You will soon have a new friend," said her mother, meaning that Sandra should at long last give up her self-pity. It would lead to nothing.

 

Up to this point, Sandra’s cousin had not spoken, but now she said that her rabbit had been long dead and that her dad had told her that she should be peacefully sad. But now she could no longer even be sad and have Weltschmerz.

 

"Oh God!" said the mother. "What does my brother know of Weltschmerz? He still makes such a mess of things."

 

"He does not," retorted Sandra’s cousin. "My dad explained it clearly to me. Every unwanted separation triggers pain within the soul."

 

"And what does all of this have to do with Weltschmerz?" the mother now demanded.

 

"I do not know," admitted the cousin and then added angrily. "But neither do you!"

 

HKD

  

Translated by Cougar Brenneman – Many thanks!

 

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Taken on February 14, 2011