Jogging in Morning Light

Ready for take off

 

 

HKD

 

Alpha Energie - A1 - A5

 

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Abheben und Fliegen…

 

Die etwa fünfzigjährige Frau, deren Tochter eine erfolgreiche Leichtathletin war, fragte mich, was mein schönster Gedanke sei. Ich wiederholte den Satz ganz mechanisch… Was ist mein schönster Gedanke? … und war verblüfft, dass mir keine spontane Antwort einfiel. Ich legte meine Zeitschrift auf meinen Nebensitz und bat um eine kleine Bedenkzeit.

Der Zug rauschte durch den Fahrtwind, die Landschaft flog am Fenster schattenhaft vorbei und dann, nach einer Weile betäubender Leere in meinem Kopf sah ich ein Bild, nämlich das einer Läuferin, die im Sonnenaufgang ihren Körper trainiert. Sie wird getragen von einer dynamischen Energie, die ihr gesamtes psychophysisches System elektrisiert. Lebenskraft und Lebensfreude motivieren auf diese Weise.

Jeder der gleichmäßigen Schritte lässt den Untergrund, die Erde spüren; jeder Atemzug die frische Sommerluft. Der Körper vibriert, der Kreislauf läuft auf hohen Touren. Die Läuferin fühlt die Kraft in sich und empfindet Glücksgefühle, die jenen gleichkommen, die leidenschaftliche Piloten spüren, wenn das Flugzeug vom Boden abhebt.

Und daher gab ich dies als Antwort: „Auf der emotionalen Ebene ist mir der schönste Gedanke das Gefühl des Abhebens vom Boden. Erhebende Gefühle bringen meine Mundwinkel nach oben.“

„Sie meinen Fliegen?“

„Ja“, entgegnete ich. „Mein derzeit schönster Gedanke ist der an das Gefühl des Abhebens und dann des Fliegens.“

„Meine Tochter hat sich immer vorgestellt, Läuferin zu sein. Sie lag mit ihren operierten Knien im Kinderkrankenhaus und dachte daran wie sie Feld- und Waldwege läuft. Die Ärzte waren überrascht. Sie wurde eine Woche früher aus dem Krankenhaus entlassen, als geplant.“

Und dann wünschte mir die Frau, ich möge eines Tages abheben und fliegen.

Ich lächelte und bedankte mich, fragte mich aber gleichzeitig, was mich denn noch nicht fliegen lässt? Warum klebe ich am Boden? Was hält mich fest?

In diesem Augenblick sagte die Frau: „Die Fragen selbst.“

Spontan entfiel mir der Satz: „Ich verstehe nicht.“

Daraufhin erklärt mir die Frau, sie habe mit sich selbst geredet und nur der letzte Satz sei versehentlich laut über ihre Lippen gekommen.

„Diese seltsame Eigenart an mir verwirrt meine Kinder auch immer wieder. Sie glauben, ich könne ihre Gedanken lesen, aber das stimmt nicht. Ich habe keine Ahnung davon, was sie denken. Allerdings bemerke ich eine gewisse telepathische Verbindung. Zum Beispiel erahne ich oft, ob meine Tochter einen Wettkampf gewonnen oder verloren hat. Mein Mann findet das immer wieder unheimlich.“

Sie berichtete mir von ihrer Intuition, eine schwere Niederlage bei den Landesmeisterschaften gespürt zu haben und gleichzeitig zu wissen, dass dies die Voraussetzung für eine Reihe glücklicher Ereignisse sei. Durch die vorzeitige Abreise lernte ihre Tochter in der Tat ihren jetzigen Ehemann kennen, denn dieser war auch ausgeschieden und war auf dem Weg nach Hause.

„Meine Tochter hegte lange Zeit während des Laufens den schönen Gedanken, einen Partner zu finden, der mit ihr trainieren würde. Und dieser Gedanke ist eingetroffen.“

Es sei allerdings sehr seltsam mit diesen Gedanken, meinte die Frau. Meine Tochter sagte, sie mache sich diese Gedanken gar nicht selbst, sie würde einfach nur feststellen, dass sie in ihr auftauchen.

„Ich liebe es, wenn ich glückliche Vorausahnungen habe“, sagte sie. „Leider habe ich auch unglückliche. Ich arbeite zuweilen mit Tarot Karten und da bleibt es nicht aus, dass sich auch Phasen des Verlustes ankündigen. Dann aber denke ich an die Niederlage meiner Tochter und die glücklichen Folgen.“

Sie lächelte mich an und ich lächelte zurück.

„Für Sie“, sagte sie, „sehe ich Zeiten der Fülle und Freude. Sie haben einen schönen Gedanken. Im Gegensatz dazu sehen viele Menschen die Welt untergehen. Was für schreckliche Gedanken. Die armen Menschen…“

 

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Taken on August 20, 2011