flickr-free-ic3d pan white

The Colours of the Soul

The Colours of the Soul

 

HKD

 

Die Farben der Seele.

 

Wenn ein Zugabteil mit acht Personen voll besetzt ist, spüre ich eher Unbehagen, doch war das japanische Ehepaar sehr schweigsam und die sie begleitenden Teenager ebenfalls. Es herrschte eine friedliche Atmosphäre. Der Mann hatte mich in Englisch um Erlaubnis gebeten, das Abteil zu besetzen.

Es stellte sich heraus, dass er Musiklehrer war und die fünf Teenager Schüler und Schülerinnen einer Musikschule in Kioto.

Er begleite sie zu ihrem neuen Studienplatz an der Musikakademie. Alle lächelten freundlich und nickten.

In die meditative Stille hinein fragte eine Schülerin den Lehrer, ob sie zur Toilette gehen dürfe und verschwand für einige Minuten.

Der Mann und die Frau tauschten ein paar Worte aus und anschließend fragte mich der Lehrer, ob ich den Komponisten Richard Wagner kenne und ob er bei vielen Menschen hierzulande bekannt sei.

Ich bejahte beides, woraufhin er mir im Zusammenhang mit Wagner und dem Nationalsozialismus ein paar Fragen stellte, die ich für ihn zufriedenstellend beantworten konnte, indem ich abschließend sagte, dass Wagner schon viele Jahrzehnte tot war bevor Hitler an die Macht kam.

Ideologischer Missbrauch sei meine persönliche Meinung zu dem Thema Wagner und Nazis. Richard Wagner als Komponist und auch als Philosoph hätte niemals einem totalitären System zugestimmt. Er selbst war in meinen Augen ein Freidenker und er sei mit dem großen Philosophen Friedrich Nietzsche befreundet gewesen.

Der Lehrer hörte aufmerksam zu und bedankte sich, für meine Offenheit. Er selbst liebe Wagner und seine transzendenten Werke von Tannhäuser bis Parsifal erinnerten ihn an Aspekte buddhistischer Aussagen. Ich müsse wissen, dass Kioto zu den Hochburgen des Buddhismus in Japan zählte. Im Buddhismus gehe es um das Erwachen aus dem samsarischen Traum und in der Abschlussszene der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ hieße es, man solle aufwachen!

„Der Chor singt ins Publikum hinein: Wacht auf!“

Der Lehrer spekulierte, Wagner sei mit Schopenhauers Werken vertraut gewesen. Dieser habe das buddhistische Gedankengut in Deutschland bekannt gemacht. Seiner Meinung nach, war Wagner vom Geist des Buddhismus viel mehr durchdrungen als hierzulande vielleicht vermutet werde.

Ich war überrascht, eine solche Diskussion im Zug zu führen und fragte ihn, ob er Buddhist sei und er antwortete, er sympathisiere mit den buddhistischen Lehren.

Die Schülerin kam zurück. Während sie sich setzte, stieß sie an ihre Reisetasche und diese fiel um. Sie war nicht verschlossen. Heraus fielen ein Apfel, eine CD und ein Katalog. In englischer Sprache wurden die Bayreuther Wagner Festspiele angekündigt. Die CD zeigte auf ihrem Cover einen Mönch, transparent und transzendierend in einen goldenen Himmel hinein. Acht Tauben flogen vor den in der Abendsonne glänzenden Wolken und der Titel der Musik CD lautete:

The Colours of the Soul.

 

HKD

  

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

10,002 views
34 faves
61 comments
Taken on August 20, 2011