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Lady Luna

Lady Luna

Woman in Red

 

HKD

 

Er hat eine Katze

 

Luna hatte ihren Hund dabei, eine Mischung aus kleinem Pudel und Schnauzer, auf jeden Fall keine reinrassige Hündin. Sie hatte eine Zeitung auf dem Nachbarsitz ausgebreitet und mich gefragt, ob ich Einwände hätte, wenn sie Susi neben sich setzen würde. Es störe mich nicht, sagte ich und las in meinem Manuskript weiter. Susi allerdings gab in immer kürzer werdenden Abständen hell wimmernde Töne von sich, so, als bettele sie um etwas. Und in der Tat bekam sie schließlich das, was Frauchen als Lekkerli bezeichnete. Dieses wiederum machte knackende Geräusche beim Verspeisen und es folgte ein sabberndes Schlecken und Schlabbern mit der tropfenden Zunge. Die Zeitung begann langsam durchzunässen.

Der kleine Liebling sei so unersättlich, aber ich solle mir keine Gedanken machen, die Lekkerli seien kalorienreduziert, weswegen Susi, so vermutete ich, immer mehr und mehr haben wollte, denn die Dinger machten offensichtlich nicht satt. Dennoch legte Luna mit der Nachfütterung eine fünf minütige Pause ein, in der Susi allerdings die Frequenz ihrer Töne variierte von piepsig weinerlich bis ganz jämmerlich, sodass ich nahe daran war, Luna zu bitten, nicht so hartherzig zu sein, genauer: der Hund ging mir auf die Nerven.

Luna selbst hatte eine Püppchengröße und Püppchenfigur und hatte sich als „Tänzerin in einem Musical“ bei mir vorgestellt. Sie sage das, um Fragen vorzubeugen. Dank Film und Fernsehen hätten Tänzer den Flair des Exotischen und Exzentrischen und daher Freiräume, die man sonst nicht habe.

Sie verehre Liza Minellli, gestand sie mir ein, nachdem wir ins Gespräch gekommen waren. Tatsächlich hatte Susi den Anlass dazu gegeben, denn sie sprang zwischendurch einmal vom Sitz auf den Boden, um meine Hose als Serviette zu benutzen.

Luna entschuldigte sich vielmals und bot sich an, die Reinigung zu bezahlen, doch mit einem Papiertaschentuch war der Schaden schnell behoben. Jetzt allerdings schlug mir Susis feuchtes Bellen entgegen und Luna lachte ein lautes, „Entschuldigen Sie“ als ich meine Hand schützend vor mein Gesicht hielt.

Susi nahm sich auf Lunas energische Intervention hin sofort zurück und kuschte raschelnd auf ihrer Zeitung.

„Ich muss immer erst drohen“, sagte Luna und erzählte ein paar Anekdoten, die sie mit Susi auf ihren Fahrten mit dem Zug schon erlebt hatte.

Sie war ein wenig eingenickt, als Susi den Kopf in ihren Schoß legte.

„Sie können sich das Resultat vorstellen“, sagte sie. „Nicht nur der zugestiegene Fahrgast blickte irritiert, auch als ich den Zug verlassen hatte und auf dem Bahnsteig ging, machten zwei junge Männer anzügliche Bemerkungen.“

Da habe sie sich zu ihnen umgedreht und gesagt: „Jungs, dafür müsst ihr ein halbes Jahr arbeiten!“

Die Männer hätten dann gepfiffen und Susi laut gebellt, und es sei ein Bahnbeamter an sie herangetreten, der gefragt habe, ob alles in Ordnung sei.

„Offensichtlich haben große Männer immer das Gefühl, sie müssten mich beschützen und darum habe ich mich bei ihm bedankt, aber gesagt, ich könne schon gut auf mich selbst aufpassen. Schließlich ist Durchsetzungskraft keine Frage der Körpergröße.“

Dann erzählte sie mir, dass sie allein mit Susi lebe, aber nicht einsam sei. Auch nicht auf ihren abendlichen Spaziergängen, erst gestern noch, bei Vollmond. Ein Mann habe sie angesprochen, intelligent, nicht mit dem Standartspruch:

„Ich bin mondsüchtig, hat er gesagt und er wolle der Mann im Mond werden. Da habe ich ihm gesagt, dass ich Luna heiße und er hat gelacht. Für morgen Abend sind wir übrigens verabredet. Allerdings hat er eine Katze.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Uploaded on August 20, 2011
Taken on August 19, 2011