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Riding into the Light | by h.koppdelaney
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Riding into the Light

Ride into the Light

 

HKD

 

Rotkäppchen und der zahme Wolf

 

Ihr linkes Bein war eingegipst und sie lehnte ihre Gehhilfen an die Seite des Zugfensters. Ihr Freund hatte neben ihr Platz genommen und erkundigte sich, ob sie Hilfe brauche. Sie lehnte gereizt ab und ließ sich, mit beiden Armen auf den Lehnen abgestützt, in den Fensterplatz sinken. Es schmerzte. Ich sah es an ihrem Gesicht. Doch ich vernahm keinen Ton der Klage. Mit eiserner Disziplin ertrug sie die widrigen Umstände ihres Reitunfalls, den sie, wie ich erfuhr, nicht zu verschulden hatte.

Das Paar war Anfang dreißig und untereinander nicht sehr gesprächig. Grundsätzlich kommt mir Stille entgegen, doch ich gebe zu, dass ich bezüglich des Reitunfalls, dessen nähere Umstände bisher von den beiden nicht erörtert worden waren, neugierig war. Daher merkte ich an, dass ich selbst einen Reitunfall gehabt hätte, in dessen Folge mein Knie operiert worden wäre. Mit der Zeit sei alles wieder gut verheilt.

Mit sturem Blick gab sie ein paar knappe Erklärungen und sagte schließlich: „Mein Vater hat mich auf ein Springturnier geschickt, auf das ich nicht wollte, weil der Vierjährige noch viel zu nervös ist. Erst zieht das Pferd vor der Mauer an, dann bockt es und wirft mich ab. Dreifacher Bänderriss. Drei Monate kein Reiten.“

Nach dem letzten Satz schwiegen wir.

Doch die Atmosphäre entspannte sich mit jeder weiteren Minute Stille, bis ihr Lebensgefährte schließlich eine Frage bezüglich des Tierarztes stellte, der sich um eine kleine Wunde am Hinterschenkel des Wallachs kümmerte. Der Tierarzt hatte auch empfohlen, mit größeren Turnieren noch etwas zu warten, denn das Sprunggelenk des Wallachs sei ihm in der letzten Zeit zu oft heiß. Leichte Ausritte, so der Arzt, seien dagegen angebracht.

Ihr Vater, so erfuhr ich weiter, besaß eine große Spedition und züchtete Pferde. Diese ließ er professionell bereiten, um zu sehen, was in ihnen stecke, um sie dann mit entsprechenden Siegesprämien besser verkaufen zu können.

Ich erinnerte mich. Mit ein paar guten Platzierungen wachsen Turnierpferde ins Geld. Pferdesport ist auch ein Geschäft und ehrgeizige Reiter können es weit bringen, sofern ihr Talent dem Ehrgeiz angemessen ist.

Sie blicke auf eine erfolgreiche Halbsaison zurück, sagte die Frau und lächelte zum ersten Mal, als sie ihre Platzierungen aufzählte. Vier erste Plätze, sieben zweite und fünf dritte. Sie sei mit zwei Pferden unterwegs und das fast jedes Wochenende.

Ich war erstaunt und hörte auf meine Nachfrage hin, dass sie von Beruf Bereiterin sei und in einem halben Jahr ihre Prüfung zur Reitlehrerin ablegen wollte.

„Danach werden wir heiraten“, sagte sie. „Ich muss endlich weg von meinem Vater.“

Diese Ergänzung kam für ihren Freund ebenso überraschend wie für mich. Er sah sie fragend an und sie sagte: „Ist hier doch egal. Hier kennt uns doch keiner.“

In der Tat kannte ich weder die Spedition noch den Reiterverein, den ihr Vater gegründet hatte und in diesem Sinn äußerte ich mich auch.

Nun wurde ich nach meinem Leben und Beruf gefragt und ich gab Auskunft über meine Ausritte und die wenigen Turniere, die ich mit mäßigem Erfolg bestritten hätte, denn es habe mir wohl an Mut und an Ehrgeiz gefehlt. Beruflich hatte ich zum damaligen Zeitpunkt mit Antiquitäten zu tun, und sie fragte mich über Bauernschränke aus, weil sie rustikale Möbel liebe.

Jetzt beteiligte sich auch ihr Freund am Gespräch, denn er war Tischlermeister und träumte von einer eigenen Werkstatt für Maßanfertigungen.

Die Zukunft der beiden hatte klare Vorentwürfe und zu denen gehörten auch zwei Kinder. Doch niemand solle Reiter werden, Tischler oder gar Spediteur.

„Mein Bruder und ich müssen der Tradition folgen“, sagte sie. „Er wird die Spedition übernehmen und ich soll eines Tages die Reithalle und den Zuchtstall führen. Das kann ich aber nicht, solange ich nur den verlängerten Arm meines Vaters spielen muss. Ich will endlich eigene Entscheidungen treffen, denn seine…“ sie zeigte auf den Gips, „…sind nicht immer meine.“

Doch sie liebe die Pferde und die Ausritte zur Jagd. Von der Reithalle führe ein direkter Weg in den Wald. Das sei der Rotkäppchenweg an dem ihr Vater eine Baumreihe gepflanzt habe. Sie lächelte und gab auch gleich den Grund dafür an:

„Mein Freund heißt Wolff. Zahmer Wolff…“

Er blickte zu Boden.

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on August 10, 2011