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The Rain has gone | by h.koppdelaney
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The Rain has gone

The Light behind us.

 

HKD

 

Er bescheint uns von hinten…

 

Sie hatten Besuch aus Mexiko, sagte der Lehrer zu seinen beiden Schülern, die sich auf einer Klassenfahrt befanden. Die anderen waren auf alle Abteile des Zuges verteilt, denn es war voll. Auch neben mir saß noch eine Frau mit ihrem Sohn. Die Schüler der Oberstufe stellten Fragen bezüglich der Gegend aus der José kam. Und so erfuhr ich, dass er aus Palenque stamme, einer alten Stadt im subtropischen Süden Mexikos. Hier leben bis auf den heutigen Tag Nachfahren der Mayas.

Heute sei viel vom Mayakalender die Rede, der bekanntlich im Jahr 2012 sein Ende finden solle. José sprach davon, dass die Zeit enden würde und mit ihr das Leben in der jetzigen Form. Das Leben im Licht, sei ein Leben in der Ewigkeit.

Ich wurde hellhörig und folgte dem grauhaarigen Lehrer und den etwa Siebzehnjährigen, die sich offensichtlich für die philosophischen Fragen dieses Lebens sehr interessierten. José war Ethnologe und hat sich mit den Geheimnissen der Zeit beschäftigt, denn ihm war aufgefallen, dass Menschen in unterschiedlichen Zeiten leben können.

„Ich interpretiere das so“, sagte der Lehrer. „In der Kindheit hat der Mensch ein anderes Zeitempfinden als später im Berufsalltag. Und wieder ändert sich die Empfindung der Zeit im Rentenalter. Mein Vater, er ist fünfundsiebzig, empfindet die Geschwindigkeit, mit der die Zeit vergeht als viel schneller als mit dreißig. Und José behauptet nun, es gebe eine Traumzeit nicht nur bei den australischen Ureinwohnern, sie existiere praktisch für jeden Menschen und das haben alle großen Naturvölker gewusst, denn die Schamanen nutzten diese Kenntnisse, um mit bestimmten Techniken in die Traumzeit und damit in eine jenseitige Welt einzusteigen. Wenn Schamanen vorn ihrer Reise zurückkehren, können sie in der anderen Welt viele Tage unterwegs gewesen sein, während in unserer Welt lediglich eine halbe Stunde vergangen ist. Im eigentlichen Sinn aber existiert die Zeit dort nicht, wie wir sie kennen. Auch der Rhythmus von Tag und Nacht ist nicht in unserem Sinn gegeben. Aber wenn man sich dort zum Schlafen legt, wacht man hier wieder auf. Das jedenfalls behauptet José.“

Die andere Welt sei kein physikalisches Universum sondern ein psychisches. Was sich ändere, sei lediglich die Wahrnehmung. Die Wahrnehmung fixiere sich auf die eine oder andere Weise, auf die physikalische Sichtweise oder die energetische.

„Die Traumwelt besteht aus psychischer Energie, meint José.“

„Ist die Traumwelt identisch mit der Welt des Geistes?“ fragte einer der Schüler.

„Aus meiner Sicht, ja“, sagte der Lehrer.

Der noch kindliche Sohn der Frau nutzte die einsetzende Gesprächspause, seine Mutter zu fragen, was Geist sei, doch die Frau gab die Frage resignierend an den Lehrer weiter.

Der lachte. „Wenn ich das wüsste. Ich stelle mir den Geist wie einen Lufthauch vor, man kann ihn nicht sehen und doch bewegt er das Wasser. Ich werde von etwas Unsichtbarem begeistert und nicht nur das, ich werde von diesem Unsichtbarem auch erzeugt. Es ist die Quelle allen Lebens, aller Erscheinungen.“

„Aber Gott ist doch der Schöpfer dieser Welt“, sagte der Junge.

Der Lehrer bestätigte diese Aussage und gab zu bedenken, dass der Geist Gottes die Wasser bewege, wie es in der Bibel stünde. Geist und Gott, das dürfe er so sagen, weil er kein Religionslehrer sei, hätten so viele Überschneidungen, dass man sagen könne, der große Geist oder auch Manitu, seien mit dem höchsten Gott identisch.

Die Frau gestand ein, dass sie das alles nicht ganz verstanden habe und solche Dinge ihrem Sohn auch nicht erklären könne.

„Dann fragen wir doch einmal unsere Schüler. Vielleicht kann einer von ihnen noch etwas dazu sagen: Geist und Gott.“

„Als meine Oma starb, spürte sie den Geist Gottes in sich. Das sagte sie jedenfalls ein paar Tage zuvor. Und sie berichtete von Gestalten, die ich nicht sehen konnte. Sogar am Fußende ihres Bettes habe ein Freund aus ihrer Kindheit gestanden. Ich glaube, sie hatte Einblick in die Traumwelt.“

„Naja,“ sagte der andere. „Wenn die Erde die Welt des Teufels ist, dann ist die Welt des Geistes vielleicht die Welt Gottes.“

„Jetzt sind wir bei der Dualität“, entgegnete der Lehrer. „Wenn Gott als Begriff für eine Ganzheit steht, dann sind Schöpfung und Zerstörung inbegriffen.“

Plötzlich sagte der Junge: „Wir können Gott nicht sehen, weil er uns von hinten bescheint.“

Alle sahen ihn verdutzt an.

Er wirkte verschrocken und sagte: „Das fiel mir einfach nur so ein.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on January 23, 2011