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Reisebericht Jugra (9) – Chanty-Mansijsk / Ханты-Мансийск / Ёмвоҷ | by Danielzolli
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Reisebericht Jugra (9) – Chanty-Mansijsk / Ханты-Мансийск / Ёмвоҷ

Foto: (EN) View on the city centre of Khanty-Mansiysk from the Resurrection of Jesus Christ Church. (DE) Aussicht aufs Stadtzentrum von Chanty-Mansijsk von der Auferstehung-Christi-Kirche aus.

 

Chanty-Mansijsk (Chantisch: Jomvoč) ist die Hauptstadt des Autonomen Bezirks der Chanten und Mansen (Jugra) und die wohl einzige Stadt der Welt, die nach zwei Ethnien benannt ist, nämlich nach den ugrischen Völkern Chanten und Mansen.

 

Ihre Sprachen sind die mit dem Ungarischen am nächsten verwandten Sprachen, es gibt auch tatsächlich lexikalische Gemeinsamkeiten. Sie werden aber nur von 10'000 (Chantisch) bzw. 1'000 Personen (Mansisch) gesprochen und spielen in dem Autonomen Bezirk mit seiner erdrückenden russischsprachigen Mehrheit praktisch keine Rolle, nicht einmal jene einer Amtssprache. Das Mansische wird voraussichtlich in einigen Jahrzehnten ausgestorben sein. Ein Grossteil der rund 31'000 Chanten lebt in Chanty-Mansijsk, wo auch die chantischsprachige Wochenzeitung "Хӑнты ясаӈ" (Chantisches Wort) erscheint. Die etwa 12'000 Mansen leben weiter östlich. Auch ihre Wochenzeitung "Лӯимā сэ̄рипос" (Morgendlicher Sonnenaufgang) erscheint in Chanty-Mansijsk. An allen Kiosken in Chanty-Mansijsk, an denen ich nach diesen Zeitungen gefragt habe, waren sie allerdings nicht erhältlich – im Gegensatz zum Internet: Хӑнты ясаӈ, Лӯимā сэ̄рипос. Es gibt übrigens ein Lehnwort aus dem Mansischen in der deutschen und englischen Sprache: Mammut stammt von Mansisch "Magynt" (Erdhorn).

 

Chanty-Mansijsk hat 80'000 Einwohner und ist damit nur viertgrösste Stadt von Jugra. In den letzten Jahren ist sie stark gewachsen, 1989 hatte Chanty-Mansijsk erst 35'000 Einwohner. Anders als die restlichen Städte der Region wurde sie aber nicht wegen des Ölbooms nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft, sondern existiert schon seit dem 17. Jahrhundert. Damals lag das Ortszentrum weiter unten am Fluss und die Stadt hiess Samarovo. 1930 wurde 5 Kilometer von dort entfernt auf der grünen Wiese Ostjako-Vogulsk als Verwaltungszentrum des Autonomen Bezirks der Ostjaken und Vogulen gegründet. Mit der Umbenennung dieser Völker in Chanten und Mansen erhielt auch die Stadt den neuen Namen.

 

Die Stadt macht, auch verglichen mit den anderen Städten der Region, einen sehr wohlhabenden Eindruck: Fast alle Gebäude und Strassen sehen aus, als wären sie erst in den letzten fünf Jahren erstellt oder renoviert worden. Eintönige Plattenbau-Mikrorayons wie in den anderen Städten Jugras gibt es fast keine. Das Stadtzentrum bildet ein grosser Platz mit Kaufhäusern und den Regierungsgebäuden, von dort aus führt eine Fussgängerzone ein paar Hundert Meter bis an den Stadtrand. Die Stadt besticht mit piekfein herausgeputzten Parks und zahlreichen modernen Bauten, wie dem futuristischen Schach-Zentrum oder der Staatsuniversität von Jugra.

 

Lange fehlte im "Siegespark" (ein solcher Park existiert in fast jeder postsowjetischen Stadt im Gedenken an den 2. Weltkrieg) ein Panzer aus dem 2. Weltkrieg, ein allenthalben beliebtes Fotosujet. Mit zunehmendem Wohlstand wollte Chanty-Mansijsk diesen Misstand beheben. Deshalb wurde im Juni 2007 aus einem See in der Nähe der westrussischen Stadt Velikie Luki (Oblast Pskov) ein solcher Panzer geborgen.

Chanty-Mansijsk versteht sich als Sport-Metropole. Die Biathlon-Weltmeisterschaften haben schon zweimal hier stattgefunden. Zwischen dem alten und dem neuen Stadtzentrum befindet sich ein gut ausgebautes Biatlon-Städtchen, komplett mit einer Sesselbahn (von Doppelmayr aus dem Rheintal). Fürs Skifahren sind die 200 Höhenmeter allerdings nicht sehr beeindruckend. Unten an der Skipiste steht das Stadion des Hockeyclubs Jugra, der in der Kontinental Hockey League, der höchsten Eishockeyliga Russlands und seiner Nachbarländer, mitspielt. 2010 fand ausserdem im Schach-Zentrum die Schach-Weltmeisterschaft statt.

 

Chanty-Mansijsk ist nicht ans Bahnnetz angeschlossen, der Bahnhof der Stadt befindet sich im 240 Kilometer entfernten Pyt-Jach (siehe nächster Bericht). Auch die Anbindung ans Strassennetz erfolgte erst 1996 mit dem Bau der Strasse nach Neftejugansk/Pyt-Jach, vor zwei Jahren folgte zudem eine neue Strasse nach Tobolsk. Zuvor war Chanty-Mansijsk nur auf dem Flussweg sowie auf Winterpisten erreichbar gewesen. Die Flussschifffahrt spielt auch heute für den Passagierverkehr noch eine wichtige Rolle. Täglich verkehren Passagierschiffe zu Ortschaften am Irtysch und am Ob, mit dem sich der Irtysch 20 Kilometer unterhalb von Chanty-Mansijsk vereinigt. Es ist sogar möglich, auf diesem Weg nach Salechard zu gelangen, der Hauptstadt des nördlich von Jugra gelegenen Autonomen Bezirks der Jamal-Nenzen. Täglich fahren nämlich Schiffe von Chanty-Mansijsk aus nach Berjozovo, das etwa auf halber Strecke und je eine Tagesreise von beiden Städten entfernt am Ob liegt. Von dort aus geht es am nächsten Morgen weiter nach Salechard.

 

Unterkunft: Hotel Geofizik (ul. Gagarina 101). Das alte Hotel erinnert etwas an ein Pfadi-Lagerhaus in der Schweiz, auch vom Komfort her. Mit 3000 Rubel (ca. 90 Fr.) für ein Dreierzimmer sind die Preise im regionalen Vergleich relativ fair. Daneben gibt es in der ganzen Stadt mehrere teure Luxushotels.

 

Reisebericht Jugra 2012

Teil 1: Das "Energie-Herz Russlands"

Teil 2: Einreise und Bürokratie

Teil 3: Verkehr und Transport

Teil 4: Nižnevartovsk / Нижневартовск

Teil 5: Ult-Jagun / Ульт-Ягун

Teil 6: Surgut / Сургут / Сәрханӆ

Teil 7: Wärmekraftwerk Surgut / Сургутская ГРЭС

Teil 8: Neftejugansk / Нефтеюганск

Teil 9: Chanty-Mansijsk / Ханты-Мансийск / Ёмвоҷ

Teil 10: Pyt-Jach / Пыть-Ях

 

Andere Reiseberichte / Other travel reports:

2014 Spitzbergen / Svalbard

2013 Nordkorea / North Korea

2012 Irak / Iraq

2011 Abchasien / Abkhazia

2011 Uganda, Kenia

2011 Ägypten während der Revolution / Egypt during Revolution

2009 Kirgistan / Kyrgyzstan

2009 Kuba / Cuba

2008 Balkan-Türkei-Kaukasus / Balkan-Turkey-Caucasus

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Taken on June 5, 2012