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Reisebericht Bangladesch (6) - Der Schmugglerzug von Hilli | by Danielzolli
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Reisebericht Bangladesch (6) - Der Schmugglerzug von Hilli

Foto: (EN) The border to India is just ten meters from the railway tracks. A Bangladeshi official in a uniform and with a gun watches as hundreds of passengers pass the border to Indian Hilli uncontrolled. (DE) Zehn Meter von der Bahnlinie entfernt verläuft die bangladeschisch-indische Grenze durch das Feld – der Uniformierte schaut zu, wie zahlreiche Leute aus dem Zug direkt nach Indien rennen.

 

Eine spezielle Sehenswürdigkeit, die in keinem Reiseführer verzeichnet ist, ist der "Schmugglerzug" von Hilli. Der Norden Bangladeschs bietet ja einige geopolitische Spezialitäten, darunter ein Flickenteppich von Hunderten Enklaven und Exklaven nördlich von Lalmonirhat – die weltweit einzige Enklave dritter Ordnung (Enklave in einer Enklave in einer Enklave) befindet sich dort. Eine weitere Spezialität ist das Städtchen Hilli, dessen westliche Hälfte mit dem Stadtzentrum in Indien liegt, der Osten mit dem Bahnhof hingegen in Bangladesch. Für etwa einen Kilometer tuckert der Zug im Abstand von zehn Metern der unbewachten indischen Grenze entlang, jenseits welcher direkt die Ortschaft beginnt.

 

Es überrascht nicht, dass diese Konstellation zum Schmuggel einlädt – in diesem Fall zum Gewürzschmuggel. Offenbar kosten Gewürze in Indien deutlich weniger als in Bangladesch und es gibt viel Geld zu verdienen. Als Schmuggler werden viele kleine Kinder eingesetzt. Bei einem Schmuggelgang bringen sie 20 Gewürzpakete über die Grenze und verdienen so 500 Taka (ca. 6.50 CHF) – eine beträchtliche Summe, wenn man sie mit dem Mindestlohn in der Textilbranche von 3'000 Taka pro Monat vergleicht! Gemäss einem leider online nicht verfügbaren Bericht des Financial Express werden in Hilli auch Zucker, Zwiebeln, Saris, Medizin und Drogen geschmuggelt.

 

Das Ganze geht folgendermassen vonstatten: Die Grenze kündigt sich bereits auf in grenznahen Bahnhöfen wie Akkelpur an, wenn einem überladene und stark nach Gewürz riechende Züge entgegenkommen mit zahlreichen Menschen auf dem Dach. An der grünen Grenze bei Hilli angekommen, hält der Zug an und zahlreiche Personen verlassen den Zug, unter den Augen von bewaffneten uniformierten Bangladeschern, die aber nicht intervenieren. Auf der indischen Seite gibt es keinerlei Kontrollen, hunderte Leute passieren die Grenze unkontrolliert.

 

Unser Zug fuhr danach ein paar Hundert Meter weiter, wo er erneut anhielt und es zu einem Aufruhr kam. Dabei muss gesagt werden, dass die Bengalen ohnehin zum Aufruhr tendieren. Vielleicht waren in diesem Fall aber auch nicht nur Gewürze involviert. Von der indischen Seite her wurde mir nämlich sehr deutlich klar gemacht, dass ich jetzt nicht mehr fotografieren darf. Danach fuhr der Zug über eine Brücke in den Bahnhof von Hilli ein, den eine Mauer von der indischen Ortschaft abschirmt. Hier stiegen dann viele mit Gewürzen bepackte Leute wieder ein und es entstand ein neuer Aufruhr, der von den bewaffneten Uniformierten entweder angeheizt oder entschärft wurde; es war nicht klar erkennbar. Auch hier könnten andere Substanzen als Gewürze im Spiel gewesen sein, denn einige Gepäckstücke wurden durchsucht und ein blinder Bettler musste sich extra auf eine wohl verdächtige Tasche setzen. Jedenfalls wurde kurz darauf ganz offen begonnen, mit den Gewürzpaketen zu handeln, was auf eine gewisse Toleranz seitens der Behörden hinweist – wie ja auch die Tatsache, dass der Zug der bangladeschischen Bahn zwei Extrastopps für die Schmuggler einlegte! (Gemäss Financial Express ist es sogar die bangladeschische Grenzwache, welche den Zug für die Schmuggler aufhält.)

 

Wer dies auch erleben will, muss sehr gut auf sein Gepäck aufpassen und einen Zug benützen, der zwischen Abdulpur Junction und Parbatipur verkehrt, zum Beispiel der Titumir Express von Rajshahi nach Chilahati.

 

Reisebericht Bangladesch (mit Indien und Nepal) 2014

Teil 1: Ein unbeschriebenes Blatt

Teil 2: Reisen in Bangladesch

Teil 3: Als Tourist Attraktion

Teil 4: Die Hauptstadt Dhaka

Teil 5: Der Norden (Rajshahi und Rangpur Divisions)

Teil 6: Der Schmugglerzug von Hilli

Teil 7: Der Grenzübergang Burimari – Changrabandha

Teil 8: Zehn Bemerkungen zu Indien

Teil 9: Gorkhaland – Separatismus in Indien

Teil 10: Nepal

Fotoalben Bangladesch | Indien | Nepal

 

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Taken on December 6, 2014