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Heinsberger Karneval 2012, 001, Das Dreigestirn, Prinz Rene | by Andy von der Wurm
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Heinsberger Karneval 2012, 001, Das Dreigestirn, Prinz Rene

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Artikel aus der Aachener Zeitung:

Heinsberg. Wir befinden uns im Jahre 2011 nach Christus, kurz vor dem Höhepunkt der fünften Jahreszeit. Durch das ganze Rheinland ziehen Karnevalszüge... Durch das ganze Rheinland? Nein! Ein von unbeugsamen Jecken bevölkerter Ort hört nicht auf, Widerstand gegen dieses ungeschriebene Gesetz zu leisten. Es ist kaum zu glauben, aber in Heinsberg ist tatsächlich seit Jahrzehnten die Ausnahme die Regel. Nur alle fünf Jahre gibt es einen Zug durch die Innenstadt - im Rheinland einmalig. «Das ist nur auf den ersten Blick komisch», meint der Präsident des Heinsberg Karnevalvereins (HKV), Helmut Münster.

 

Mag sein, aber es kommt noch dicker: Die Heinsberger halten sich nicht einmal an ihre Sonderregel. Dieses Jahr wurde von der Regel von der Ausnahme eine Ausnahme gemacht: An diesem Tulpensonntag findet ein Umzug statt, obwohl turnusgemäß Pause sein müsste. Der Grund: Der HKV, der alle fünf Jahre den Zug ausrichtet und das Stadtprinzenpaar stellt, ist in diesem Jahr 9x11 Jahre alt geworden. Deshalb hat man den Zug kurzerhand um ein Jahr verschoben.

«Es ist erwünscht, dass alle Vereine, die zum Komitee Heinsberger Karneval gehören, an dem Zug teilnehmen», sagt Münster weiter. Man ahnt es schon: Auch das ist sonst nicht der Fall. 2012 ist das erste Jahr, in dem alle zwölf Vereine mit dabei sind. Doch dazu später mehr.

 

Normalerweise gibt es auch jedes Jahr ein Stadtprinzenpaar. In den vergangenen beiden Jahren war das nicht der Fall. Früher hat man sich - ähnlich wie in «Köln am Rhein» - auch «in Heinsberg an der Rur» darum gerissen, «einmal Prinz zu sein», heute suchen die Vereine händeringend Kandidaten.

 

Und - wen überrascht's: Auch im Punkt Stadtprinzenpaar haben die Heinsberger in diesem Jahr ihre eigenen Regeln gebrochen. Es gibt nämlich keine zwei Tollitäten, sondern ein Dreigestirn. Das mag bei einigen traditionsbewussten Karnevalisten und Brauchtumspflegern Stirnrunzeln hervorrufen. Schließlich ist das Dreigestirn historisch mit der Stadt Köln verwachsen und lässt sich auf Heinsberg ebenso gut zu übertragen wie ein V16-Motor von einem Bugatti Veyron auf ein klappriges Herrenfahrrad. Aber inzwischen gibt es -vor allem im Kölner Umland, aber auch weiter von der Rheinmetropole entfernt - viele gewissermaßen illegale Dreigestirne, wie Brauchtumsforscher Alois Döring sagt. Da kann man schon mal eine Auge zudrücken.

 

Apropos Drücken. Oder besser gesagt: Bützen. Damit hat es der Heinsberger Prinz nicht, was auch erklärt, weshalb man ihm keine Prinzessin zur Seite gestellt hat. Prinz René I. (Mertens) ist Geistlicher. Über Karneval sei Mertens zwar vom Zölibat befreit, sagte Komiteepräsident Heinz-Leo Heinrichs im Scherz. Ausnahmsweise. «Aber in gewissen Dingen hält er sich halt zurück.»

 

Sogar äußerlich ist sichtbar, dass René I. kein gewöhnlicher Prinz ist: Seine Kappe trägt nicht nur die Stadtfarben Rot und Weiß, sondern auch die der Kirche und der Kölner Garde, in der Mertens Mitglied ist: Grün und Gelb. Ausnahms . . . na, den Rest kann man sich ja denken.

 

War's das jetzt mit den Ausnahmen? Nein. Aber vielleicht reicht es für's erste und wir werfen einen Blick auf die Frage, warum es in Erkelenz, Düren oder Aachen jedes Jahr Umzüge gibt, in der Heinsberger Innenstadt aber nicht. Oder warum es kleineren Orten gelingt, in jedem Jahr Züge zu organisieren - sogar mit richtig aufwendigen Wagen. Was läuft da falsch?

 

Ganz einfach, sagt der HKV. Es fehlt das Geld. Und: «Der Ruck ist nicht da», wie es Helmut Münster formuliert. Im Umland gibt es also sowohl Geld als auch «den Ruck» und im Hauptort nicht? Schwer vorstellbar. Und mit 18 000 Euro liegen die Kosten in Heinsberg nicht höher als anderswo. Die Ursache muss also woanders liegen.

 

Es ist kein Geheimnis, dass das Komitee sich nicht sonderlich ins Zeug legt, besagten Ruck herbeizuführen. «Wir haben uns als Komitee nie in die Angelegenheiten der Mitglieder eingemischt», sagt Heinrichs. Und die Bereitschaft, jedes Jahr den Hauptort zu repräsentieren, in zwei Zügen mitzugehen und die doppelten Kosten zu tragen, sei geringer als anderswo.

 

Und so organisiert nur ein Verein den Zug, trägt die Kosten und stellt auch das einzige teure Stadtprinzenpaar, nämlich das, das alle fünf Jahre auf einem eigenen Wagen durch den Hauptort fährt: der HKV. Die Verantwortung trägt das Komitee. Nun könnte man argumentieren, man könne die Kosten umlegen oder spezielle Sammelaktionen ins Leben rufen, damit es sich auch die kleinen Vereine leisten können, einen Zug zu organisieren. Aber Heinrichs winkt ab: «Irgendwann verliert man die Lust daran, die Leute zu bitten, sich zu engagieren.»

 

180 Anfragen hat das Komitee für diese Session rausgeschickt, nachdem die zwei Hauptsponsoren abgesprungen waren. Aber die Heinsberger Geschäftsleute wollen nicht so recht. Manche sagen, sie seien «dem sozialen Stand nach» nicht für Karneval geeignet, bezeichnen sie sogar als anspruchsvoller, hochnäsiger und mit dem Brauchtum nicht so verwachsen, während andernorts beim ursprünglicheren Karneval die Sau rausgelassen wird.

 

Ihre ablehnende Haltung erklärten viele der Angeschriebenen laut Heinrichs so: Sie würden sich anderweitig engagieren, oder die Wirtschaftskrise habe ihnen zugesetzt. Die wenigstens seien selbst in einem der Vereine aktiv. Im Vergleich zu Eschweiler, Alsdorf, Erkelenz, wo man ohne aktive Mitgliedschaft in einer der Karnevalsgesellschaften kaum Karriere machen kann, spielt dies für die Reputation offenbar in Heinsberg keine große Rolle.

 

Manche behaupten, dass es eine natürliche Mentalitätsgrenze im Kreis Heinsberg gibt, hinter der alles weniger rheinisch zugeht. Die Rur sei sozusagen der Biblebelt des Kreisgebiets. Alles Quatsch, sagen ausgewiesene Experten wie wie Leo Gillessen, ehemaliger Leiter des Kreismuseums Heinsberg. Schon 1989 schrieb er: «Die Frage, warum der Zugkarneval im westlichen Teil des heutigen Kreisgebiets Heinsberg um so viel später einsetzte, lässt sich verbindlich nicht beantworten. Sicher ist dafür der Verlauf der Rur (...) nicht verantwortlich, da sie als geografische Gegebenheit auch sonst keine strikte Trennlinie bildet.»

Ausgerechnet der alten preußischen Kreisstadt Erkelenz habe es Heinsberg zu verdanken, dass es dort überhaupt Umzüge gibt. Dieser Argumentation kann sich Alois Döring vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) anschließen: Der Karneval sei vom Sitz der Metropole ausgegangen, von dort habe man viel übernommen. «Erkelenz ist einer der ältesten Orte im Rheinland, in denen es Züge gibt», sagt er. Seit 1830 nämlich. «Es spielt eine große Rolle, wie weit die Wurzeln zurückreichen», sagt er.

 

Döring weiß auch, dass die Gebietsreform 1972 in manchen Orten ein Faktor bei der Weiterentwicklung des Brauchtums und des Fastnachtwesens war. Allerdings weniger als vereinendes Element denn als separierendes. «Das neue Zentrum wurde nach den Eingemeindungen oft als Konkurrenz angesehen und wird auch dazu genutzt, die eigene Identität stärker hervorzuheben», sagt er. In Bonn beispielsweise wuchsen die Züge in den Stadtteilen plötzlich an.

 

Reiner Spiertz, Präsident des Verbands der Karnevalsvereine Aachener Grenzlandkreise, sieht aber für Heinsberg noch Hoffnung. «Ich denke doch, dass es dort nicht wie mit Burtscheid endet. Das wurde 1892 eingemeindet und fühlt sich immer noch nicht als Teil Aachens.» Mit Blick auf Heinsberg setzt er auf die nächste Jecken-Generation, die mit solchen Abgrenzungs- und Identitätsfragen weniger am Hut hat.

 

Und dann könnte es bald schon heißen: ... durch das ganze Rheinland ziehen Karnevalszüge. Durch das ganze Rheinland? Ja! Durch das ganze. Ohne Ausnahme.

 

www.aachener-zeitung.de/specials/karneval-liste-az

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Taken on February 19, 2012