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Duo Goebbels/Harth 1981 | by red :))) art
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Duo Goebbels/Harth 1981

Photo by P.Saefkow

 

Nachfolgend eine richtigstellende Antwort zum Artikel "En Route - Eine monographische Studie zum Œuvre von Heiner Goebbels" von Dr. Kersten Glandien aus dem Jahr 2000. Diesen Artikel fand ich zufällig erst im Sommer 2018 im Internet, auf der Suche nach historischen Fotos:

 

Liebe Kersten,

 

nachfolgend meine Bemerkungen. Ich weiss, es ist ein Artikel über Heiner, aber ich schicke anfangs ein paar Zeilen über meinen Lebenslauf der Phase bevor wir uns kennenlernten, damit du den Background zu Heiner genauer einschätzen kannst:

 

Das Duo Goebbels/Harth gab es seit 1975 (bis 1988), d.h. aus diesem Duo heraus ist das Sogenannte Linksradikale Blasorchester im Jahr 1976 entstanden.

 

1975 war Heiner 23 Jahre alt und erst seit kurzer Zeit vom Land nach Frankfurt zum Studium gekommen, wo er hobbymässig amerikanischen Jazzrock in einer Gruppe imitierte.

 

Ich hatte 1967 meine erste free music group Just Music (bis 1972) gegründet mit der zweiten LP (1002) auf dem Münchner Label ECM und 1972-1975 eine neue Gruppe, die sich in ihrer Impro auch mit europäischen Komponisten auseinandersetzte (E.M.T. = European Music Tradition) und multi-instrumentell arbeitete zB. auch mit Akkordeon und auf FMP Berlin eine LP herausgab.

Ab Februar 1975 hielt ich mich für drei Monate lang mitten in der New Yorker Loftszene auf, da ich durch eine kurzzeitige Mitgliedschaft (um 1973/4) in Gunter Hampels Galaxie Dream Band mit New Yorker Musikern wie Perry Robinson und Mark Whitecage Freundschaft geschlossen hatte.

Dieser Aufenthalt veränderte meinen Horizont und zurück in Frankfurt suchte ich eine musikalische Neuorientierung. In einem Musikbunker übte eine Jazzrockband, Rauhreif, in der Heiner auf dem Fender Rhodes Stücke nachspielte. Er und der junge Schlagzeuger Uwe Schmitt gefielen mir so gut als Musiker, dass ich in deren Band eintrat, um sie näher kennenzulernen. Wegen meiner anderen, explosiven Art zu improvisieren brach die Gruppe bald auseinander und es blieb ein bereits ausgemachtes Konzert übrig. Ich ermutigte Heiner, dieses mit mir zusammen im Duo frei zu improvisieren. Er hatte damit keine Erfahrung und ein wenig Angst davor. Deswegen führte ich ihm meine Platten meiner Gruppen vor, von meinen erweiterten Musikerfahrungen als authentisch kreativer Musiker hatte ich schon vorher berichtet. Es machte ihm Mut, Akkordeon zu hören bei E.M.T., auch die individuellen Kompositionstitel gefielen ihm, ebenso wie die Tatsache, dass E.M.T. europäische Komponisten eingearbeitet hatte u.a.m.. So berichtete er mir von Hanns Eisler und wir begannen dessen Lieder zu spielen als Thema, er die normale Klavierbegleitung zunächst und ich die Singstimme auf dem Tenorsax. Das klang gut und wir wagten uns damit und mit verschiedenen anderen Instrumenten erstmalig auf die Bühne im Jahr 1975. Es wäre wohl dabei geblieben, und Heiner wäre wohl später Musiklehrer an einer Schule geworden (das studierte er damals), oder eventuell einer von vielen Theaterkomponisten, wenn ich nicht noch eine Anfrage an eine meiner früheren Bands angenommen hätte, von Frankfurter Künstlerfreunden, für zwei grosse Atelierfestabende. Ich bin mir sicher, dass Heiner durch die Einsicht in meine bisherige Arbeit hautnah mitbekam, wie es ist, wenn einer sich von amerikanischen (oder anderen) Vorbildern befreit ans Kreative macht. Der riesige Response auf unser frisches Duo bei den beiden Atelierfesten bekräftigten ihn auf seinem neuen Weg, den er ohne mich wohl schwerlich hätte finden können, auch weil ich die wichtigen Kontakte zu den Schallplattenlabels FMP und ECM u. a. mitbrachte, die uns die Tür zur Dokumentation unseres baldigen ersten Repertoires mit Eisler- und Bachthemen (siehe E.M.T.) auf LP eröffneten…

 

Mein New Yorker Freund Perry Robinson war Klarinettist in Charlie Hadens Liberation Music Orchestra - wir sprachen und schwärmten darüber und es kam bald der Wunsch auf, nach einer eigenen Grossformation dieser Art. Dies war sicherlich ein Motiv für die Entstehung des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters im Jahr 1976…

 

Leider gab es Jahre später zur Entstehung des Sogenanntes Linksradikales Blasorchester-Repertoire viele unterschiedliche Erinnerungen, die auch leider oft gegen meine damaligen künstlerischen Beiträge aussagten. Hierzu meine Artikel über das Sogenannte Linksradikale Blasorchester: www.flickr.com/photos/a23h/23224468962 und www.flickr.com/photos/a23h/34473710013

 

Die „Tagesschau“ war also in erster Linie keine Kollektivleistung und die Genese all dessen dürfte sich nun nach meiner Erinnerungsaussage für dich umdrehen. Es war nicht „Goebbels und Mitstreiter“, oder ein gelindes „Zusammenfinden“ von ihm mit mir (natürlich war es das im Sinne des Wortes auch), sondern es schwebte mit Gründung des Duos ein einzigartiger Teamgeist herein, der keinen von uns beiden über den anderen stellte. Auch hätte ich es damals nie so dargestellt, dass ich Heiner entdeckt habe (was es quasi de facto war), weil ich uns als gleichwertiges Team sah. Die seltsame Gewichtung zugunsten Heiners entsprang erst Jahre später den Köpfen von aussentehenden Journalisten, die ein Team nicht schätzen konnten und wollten, aber - typisch deutsch - einen Einzelnen als mastermind auserkoren.

 

Die Zusammenarbeit des Duos dauerte fast 14 Jahre und du hast recht, wenn du schreibst, dass Heiners Charakteristikum „seines künstlerischen Instrumentariums… später ein wichtiger Bestandteil blieb“, als er zB. Eislermaterial zusammenfügte auch aus alten Ideen des Duos, die so bislang nicht zur Veröffentlichung gekommen waren, was bis in Kostümisierungen hineinging und die Art & Weise, wie mein Freund Wolfgang Stryi (vom Ensemble Modern) auf Heiners Anweisungen hin meine Art des Reedspiels von den beiden ersten Duo-Schallplatten übernehmen sollte etc.

 

Weiter: Natürlich ist es nicht falsch zu schreiben, dass „Goebbels und Harth verschiedene Projekte mit anderen Künstlern realisierten“, aber die LP „Zeit wird knapp“ war ein Auftrag von J.E.Berendt, der als damaliger Jazzpapst meine jazzige Vorgeschichte längst kannte und die LP „Es herrscht Uhu im Land“ war eindeutig zunächst nur meine Wunschrealisierung, meine Produktion gemeinsam mit Thomas Stöwsand, meinem ehemaligen Just Music-Cellisten, der jetzt für ECM/JAPO zuständig war neben Manfred Eicher. Auch die Auswahl der beteiligten Musiker dieser LP lag ausschliesslich bei mir. Inhaltlich plante ich mit dieser Arbeit die verschiedenen Genres Punk, Free Jazz, Ernste Musik produktiv gegeneinander antreten zu lassen, gemäss meiner Vorstellungen über Synästhesie aus dem Jahre 1967.

 

Anfang der 80er überredete ich Heiner, einen ersten Synthie zu kaufen. Ich hatte einen günstigen WASP gefunden und das vielbeschworene O-Ton-Material war unsere gemeinsame Entwicklung - immer noch als Team - nur, dass Heiner die Geräte hatte und deswegen manchmal anhand dieser Ideen vorschlug.

Berlin Q-Damm machte er alleine, was auch so auf der Platte steht.

 

Cassiber:

Um 1978/9 waren Christoph Anders und ich tief von Punk angestachelt, weswegen wir eine punkjazz-Gruppe gründeten (es gibt Aufnahmen, zB: www.youtube.com/watch?v=GsewUklW8UU

 

Diese Gruppe und die LP „Es herrscht Uhu im Land“ wurden Rollenmodelle für eine kleinere Gruppe, nachdem Heiner Anfang der 80er seinen Synthie bekommen hatte und langsam auf den Geschmack der Möglichkeiten von Punkrock gekommen war (er tat sich damit zunächst ein paar Jahre lang schwer) und ich schlug ihm vor, dafür noch Chris Cutler anzurufen und anzufragen, was er auch tat (aber heute wieder nur als eine Heineridee in die Geschichte einging). Heiner spielte zunächst nur einen neuen Synthie + Elektroklavier, d.h. keinen Sampler. Allerdings hatte Christoph bereits schon vorher atemberaubende Kassettensamples „gebastelt“, die er zu einem cassibertypischen Merkmal machte. Es war Christophs Verdienst, vorgefertigte Tonaufzeichnungen mit in die Impros zu bringen, genauso, wie er mit seinem Korg Synthie bereits Anfang der 80er dem Duo konkrete Vorgaben gemacht hatte.

 

Das Aufeinandertreffen von heterogenen Genres schwebte mir als Programm bereits mit „Es herrscht Uhu im Land“ vor und führte sich nun folgerichtig in Cassiber weiter.

 

Nun wirds wieder spannend: In der Cassiber-spezifischen Arbeitsweise, “in diesem Chaos von Einflüssen, ... in diesem chaotischen Bündel von Energien” fiel Heiner Goebbels hauptsächlich die Aufgabe zu, “das irgendwie zu strukturieren. ... Aus den Materialien Stücke zu bauen, oder ... Strukturmodelle zu machen”20

Das mag Heiner ja für sich so empfunden haben, entsprach aber nicht den damaligen Tatsachen.

Ich würde sagen, dass jeder von uns so etwas über sich selbst hätte von sich geben können, wenn wir anderen nicht so vornehm bescheiden gewesen wären. Heiners Satz übers Strukturieren von Cassiber könnte auch von mir sein, siehe:

www.rulit.me/books/cassiber-1982-1992-read-324157-1.html

 

Ich bin mir sogar sicher, dass wenn einer von uns geahnt hätte, wie sich Heiner uns gegenüber empfunden hatte, wäre die Gruppe noch früher auseinandergeflogen.

Vielleicht trifft diese Führungsidee für die Cassiberzeit nach meinem Austritt zu, aber dann sollte es auch genau so markiert werden.

 

Jetzt folgt eine eindeutig falsche Aussage: Duck and Cover

„Neben seiner Arbeit mit Cassiber initiierte Goebbels, immer noch selbst aktiver Keyboarder, in der ersten Hälfte der 80er Jahre Gruppenprojekte mit anderen Musikern vor allem aus der amerikanischen Experimentalszene. So schuf er 1983 aus Protest gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in West- und Osteuropa die Eisler-AvantgardeRock-Jazz-Collage Duck and Cover mit Tom Cora (Cello), Fred Frith (Gitarre), Dagmar Krause (Gesang) u.a.“

 

Die Produktion und Zusammenstellung von Duck and Cover war von dem Moers-Festivaldirektor Burkard Hennen an mich alleine herangetragen worden, mit dem Auftrag, eine Supergruppe für Moers zusammenzubringen, was ich tat und aufgrund der politischen Angstsituation im damaligen Westdeutschland (Pershingraketen-installationen) die Kompositionsidee für diese Gruppe designte mit ihren explosiven „Einzeldetonationen“, die quasi Raketen(-einschläge) versinnbildlichten und die Angst zurückleiten, neutralisieren sollten.

 

Als ich 1984 gewahr wurde, dass für das Verdienst um Duck and Cover auf dem Berliner Jazzfest West einer von der Jounaille auf den Thron gehoben worden und damit unser Team verraten worden war, konnte der entstandene Riss nicht mehr gekittet werden. 1984 führten Heiner und ich noch einen Auftrag vom Residenztheater Münschen aus, ein gemeinsam mit Fritz Wächter seit Jahren zusammen geplantes Stück, Nach Aschenfeld, aus. Wir schafften es 1985 bis in die erste Auswahl in der ersten europäischen Kulturhauptstadt Athen und von heute aus gesehen ist dieses Werk ein Role-Model für Heiners späteres Musiktheater, mit auf der Bühne szenischen Musikeinlagen, Lichtregie und visuellen Einfällen damals weitestgehend noch von mir mitgeprägt, da ich von früh an aktiv mit Kunst zu tun und auch darin Heiner beeinflusst hatte.

 

Zum Textbearbeitungsstil von Heiner hätte ich auch noch Gedanken, nicht nur zu der Textverwendung bei Cassiber.

 

Ich wehre mich auch dagegen, wie verschiedene Stücke aus gemeinsamer Zeit immer mal wieder zum frühen Beleg für seine spätere Arbeiten geltend gemacht werden. Zum Teil sind diese Ansätze falsch, da von anderen Mitmusikern konzipiert und zementieren einen auf Sand gesetzten Grundstein für die These über Heiner als ein Genie, das aus dem Nichts kam.

 

Vorerst abschliessend:

 

Ich reisse mich ja wirklich nicht darum, immer an vorderster Stelle stehen zu müssen und mit Preisen und Anerkennung überschüttet zu werden, aber wenn Autoren über meine Vergangenheit falsche Dinge schreiben, dann finde ich dies unerträglich.

Ich lebe ja noch und spreche auch noch deutsch - warum fragt mich also niemand, bevor er/sie meinen Lebenslauf antastet? Woher kommen diese vielen Falschmeldungen, wer streut diese und erzählt sie den Schreibern? Da muss ich beispielsweise im Internet lesen, dass die von mir initierte und produzierte LP „Es herrscht Uhu im Land“ ein Werk von Heiner sei. Der bekannte Kritiker Wolfgang Sandner verfasste ein Buch über Heiner u.a. mit Falschmeldungen und Fehleinschätzungen. Sandner fragte mich nie, wenn es dabei um meine Beiträge ging. So sehe ich mich gezwungen, immer wieder mal auf die sich verbreitenden Märchen zu reagieren… siehe auch:

www.flickr.com/photos/a23h/1330949690

 

Schon seit einigen Jahren wünsche ich mir ein Buch über die Entstehung und Arbeit des Duo Goebbels/Harth, ein Buch, das mit Mystifizierungen aufräumt und auf wirklichen Tatsachen aus Erinnerungen von uns beiden fusst. Leider weicht Heiner hierzu aus, „keine Zeit“ - eine Haltung mit Methode… Auch im deutschen Wikipedia gibt es keinen Artikel übers Duo, der aufklären könnte…

 

Viele Grüsse, Alfred

16.Juli 2018

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Taken on March 21, 2006