Morgenläufe in Irkutsk und auf der Baikalsee-Insel Olchon
Laufreise in den Fernen Osten mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland in die Mongolei – Teil 3

Die Transsib wurde 1916 nach 25 Jahren Bauzeit fertig gestellt. Zeitweise waren bis zu 90.000 Arbeiter gleichzeitig an der Trasse beschäftigt. Der Zar wollte möglichst schnell Sibirien erschließen und einen Handelsweg für China zur Verfügung haben. Auf diesem alten Schienenweg will nun, rund 100 Jahre später, ein verwegener Haufen Sportler den Fernen Osten erobern. In friedlicher Absicht und mit Laufschuhen. Um 20:00 h (Ortszeit Omsk) betreten die Nemetskiy aus Germaniya das ansprechende Bahnhofsgebäude und begeben sich rasch zum wartenden Zug, der um 18:15 h pünktlich abfährt. Für einen Russkiye ist das nun kein Grund zur Aufregung, denn der weiß, dass von nun an die Moskauer Zeit gilt. An, im und um den Zug herum. Moskauzeit = Ortszeit + 2 h (jedenfalls im Moment). Vorortzüge verwenden jedoch teilweise die Ortszeit. Die Moskauzeit entspricht aber auch GMT + 3 h bzw. MEZ + 2 h. Die Zeitbestimmung und Formelumstellung sorgt noch lange Zeit für Diskussionsstoff in der Gruppe, denn sie ist überlebenswichtig, wenn man beim Zwischenhalt den Zug verlässt. Zum Beinevertreten, Einkaufen, Fotografieren oder so. Der Grund für die Einführung der Moskauer Zeit für die Transsib ist die Strecke von knapp 10.000 km, die durch acht Zeitzonen führt.

Im ersten Moment können wir - das sind vier Personen mit Koffern und Taschen – uns kaum im Abteil bewegen und mir fällt das Bild mit Ölsardinen in der Dose ein. Der Gang muss aber erst einmal freigemacht werden, damit andere Fahrgäste zu ihrem Platz durchkommen. Die Situation entspannt sich rasch, als die Gepäckstücke verstaut sind. In jedem Wagen gibt es eine Schaffnerin, die in einem Abteil wohnt, dort Kleinigkeiten verkauft und in ihrem Königreich ein strenges Regiment führt - aber kein Wort Englisch spricht oder versteht. Gegenüber ihrer „Wohnung“ befindet sich, wie in jedem Waggon, ein Heißwasserbehälter. Eine superpraktisches Gerät für Heißgetränke und Suppen aus der Tüte. Wand an Wand zur Herrscherin über alle Abteile ist der Waschraum mit WC installiert. Empfindsame Gemüter sollten beim Betreten ganz tapfer sein und Erwartungen notfalls korrigieren. Millionen anderer Reisende sind mit dem Linienzug der Transsib auch schon zurechtgekommen. Und – für uns handelt es sich ja um eine Erlebnisreise in den Fernen Osten. Da gehört Authentizität einfach dazu.

An den kleineren Bahnhöfen hält der Zug Nr. 362 nur 1 Minute, etwa alle 400 Kilometer für 15 bis 45 Minuten. Dann erreicht die Lok nämlich die Bahndistriktgrenze und muss gewechselt werden. Reisende haben die Möglichkeit sich an frischer Luft zu bewegen, bei fliegenden Händlerinnen auf dem Bahnsteig einzukaufen oder das Leben an der Bahn zu fotografieren. Manchmal sind auch die Bahnsteige zu kurz für die Transsib, der Reisende muss vom Trittbrett auf den Schotter springen und auf diesem steinigen Weg zum Bahnsteig gehen. Mit Bahnverkehr auf dem anderen Gleis ist zu rechnen.

Vierzig Stunden für die erste Bahnetappe bis Irkutsk am Baikalsee hören sich viel an, vergehen aber recht schnell. In einer großen Gruppe gibt es immer was zu erzählen, wenn man mal nicht weiß wohin mit den Gedanken. Oder der Bettnachbar im Abteil zaubert eine Flasche Wein aus seinem Reisegepäck. Oder man beobachtet diskret Bewohner des Landes bei der Bahnfahrt.
Der Zug hat 15 Wagen der 2. Klasse. In jedem Wagen befinden sich 9 Abteile mit je 4 Betten. Das macht bei der guten Auslastung fast 500 Fahrgäste, Gespräche mit Einheimischen kommen leider nicht zustande. Man spricht nur russisch, bleibt unter sich und nutzt kaum den Speisewagen. Die Sportler aus Germaniya sind für die Mahlzeiten angemeldet und wollen so schnell wie möglich russische Kost kennenlernen. Hellhörig war ich schon im Voraus durch einen Bericht im Internet geworden. Der Schreiber ging zum Mittagessen in den Speisewagen. Essen gab´s aber nicht, weil der Koch betrunken war und seinen Rausch im öffentlichen Teil der Lokalität ausschlief. Über ausgefallenes oder schlechtes Essen konnten wir uns jedoch nicht beklagen. Es war minimal, aber OK. Nur das Personal nicht, das ein provozierendes Desinteresse zur Schau stellte. Höhepunkt der Lustlosigkeit zeigte sich beim Frühstück. An unserem Tisch wurde pro Gast ein Teller mit einem gerollten Pfannkuchen, Marmelade und einer leicht gebogenen Wurstschnitte gestellt. Fertig. Warten auf ein Besteck blieb erfolglos. Der Kellner wurde darauf in Wort- und Zeichensprache angesprochen. Der drehte sich nach einiger Zeit ohne jede Gemütsbewegung um und ging weg. Kam aber tatsächlich wieder und legte wortlos Messer und Gabeln auf den Tisch. Sicher war dieses unerhörte Verhalten des Klassenfeindes aus dem fernen Westen noch tagelang das Gesprächsthema in der Küchenbrigade.
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