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Erwache, meine Seel | by amras_de
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Erwache, meine Seel

Photo: Hausverzierung am Kaiser-Friedrich-Ring in Wiesbaden

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Erwache, meine Seel, und sage Lob dem Herren

 

1.) Erwache, meine Seel, und sage Lob dem Herren,

O Gott, wie bist du doch so rühmlich für und für!

Dein großer Schein bestrahlt den Weltkreis weit und ferren,

Dein Schmuck, in dem du gehst, ist nichts als Schmuck und Zier.

 

2.) Dein Kleid ist reiniglich und sauber zubereitet,

Ist auf den Glanz gemacht und lichter Schönheit voll:

Du hast das blaue Tuch des Himmels ausgebreitet

Dir zur Tapezerei, als wie ein König soll.

 

3.) Die Decke, welche dir dies hohe Haus muss tragen

Und du hast aufgewölbt, ist unerschöpftes Meer.

Das Wasser ist dein Hof, die Wolken sind dein Wagen,

Die Winde flügelst du und jagst sie vor dir her.

 

4.) Die Winde flügelst du und schickst sie all zusammen

Wie treue Boten aus, dein Herold ist die Luft,

Der Donner höret dich, der Sturm und schnelle Flammen

Erzeigen ihren Dienst, wenn deine Stimme ruft.

 

5.) Du hast des Himmels Fuß, die große Last der Erden,

Dein weises Meisterwerk, in starken Grund gelegt,

Den Bau ihm lassen selbst zur Gegenwaage werden,

So dass er weder sinkt, noch auf die Seite schlägt.

 

6.) Du hattest ihm vorhin zum Mantel umgegeben

Die bodenlose See, ihr Schaum ging überher.

Die Felsen, so ihr Haupt dermaßen hoch erheben,

Die standen zugedeckt und waren lauter Meer,

 

7.) Jedoch so bald dir nur geliebet hat zu wincken,

Hat auch die wilde Flut ihr einen Weg gesucht.

Auf deiner Stimme Blitz fing alles an zu sinken,

Die Wellen wurden scheu und eilten in die Flucht.

 

8.) Die Berge mengten sich der Luft mit ihren Spitzen

Und ragten stolz herfür, das Feld ward abgesenkt,

Die Klippen mussten stehn, die tiefen Täler sitzen,

Da wo du jeglichem hast seinen Ort geschenkt.

 

9.) Du hast der breiten See den Grenzestein gezeiget,

So dass ihr kühner Lauf nun seine Schwelle weiß

Und nicht mehr unbepfält an fremdes Ufer steiget.

Und nicht mehr überfällt den müden Erdenkreis.

 

10.) Die flachen Gründe sind der Brunnen kühle Stelle,

Worein sie hat gepflanzt dein unerschöpfter Sinn.

Hier sucht ihr freien Gang die Flut der reichen Quelle,

Hier rauscht der Flüsse Strom an rauen Bergen hin.

 

11.) Dies hast du für die Tier' auch also haben wollen,

Damit kein Mangel sei auf ihrer grünen Bahn

Und sie den heißen Durst genüglich stillen sollen,

So dass des Wildes Heer sich fröhlich letzen (a) kann.

 

12.) Hier hört man um den Strand auf hohen Ästen singen

Die schöngemalte Schar der weiten Himmelsluft,

Hier hört man sie mit Lust die Tageweise (b) schwingen,

Das Tal und Feld und Wald und Ufer widerruft.

 

13.) Du machst die Berge nass, schickst angenehmen Regen

Aus deinen Wolken her mit einer milden Hand.

Die Luft muss schwanger sein, gebären deinen Segen,

Dein süßer Perlentau befeuchten alles Land.

 

14.) Du lässest für das Vieh entsprießen feiste Weide,

Du gibst ihm weiches Gras und schaffest Futter ein.

Das Volk der Sterblichen hat Kräuter und Getreide,

Damit es beides satt und auch gesund kann sein.

 

15.) Der Menschen Herz und Blut wird durch das Blut der Erden

Den Wein, den Sorgentrost, zur Fröhlichkeit gebracht,

Sein Antlitz kann von Öl erquickt und schöner werden,

Die Glieder von der Kraft des Brotes stark gemacht.

 

16.) Dass so viel Bäume sich durch Tal und Berg erhöhen

Und wachsen ungeprosst (c) und haben vollen Saft,

Dass auf dem Libanon die festen Zedern stehen,

Das wohlgeschmackte Holz, dies hast du auch geschafft.

 

17.) Hier pflegt in stiller Ruh' der Sperling aufzurüsten,

Sucht für sein leichtes Nest ihm einen kleinen Raum.

Hier sieht man hoch empor den stolzen Reiher nisten,

Fast um ein großen See, auf einem Tannenbaum.

 

18.) Die zarte Hündin kennt, dass Berge für sie dienen,

Die Gemse schwinget sich auf Klippen in die Luft.

Die samenreiche Zucht der flüchtigen Kaninen (d)

Hat ihren Aufentalt in wilder Felsen Kluft.

 

19.) Damit das Jahr von uns kann eingeteilet werden,

So muss des Mondens Nadt (e) jetzt leer, jetzt trächtig stehn

Es weiß des Tages Zier, die Herze dieser Erden,

Die Sonne, welche Zeit sie soll zu Bette gehn.

 

20.) Du heißest alles Land durch Finsternis verbleichen

Und gibst den Wolken um das braune Kleid der Nacht.

Dann hört man wie die Tier' aus ihren Löchern weichen

Und wie das scheue Wild sich durch die Büsche macht.

 

21.) Der Wälder Furcht und Kraft, die jungen Löwen, wissen

Wo Raub zu suchen sei in ihrer Hungersnot,

Dieweil sie einig dich, nur einig dich, begrüßen

Und brüllen auf zu dir, du auch der Tiere Gott!

 

22.) Wenn dann der Sonnen Gunst mit einem güldnen Blicke

Den Erdenkreis erweckt von seiner langen Ruh,

Da nehmen sie den Weg in voller Schar zurücke

Und läuft ein jegliches auf seine Höhle zu.

 

23.) Dann legt der Mensch sich an, verbringt auf seinem Grunde

Und Äckern den Beruf, wozu er ist bestimmt

Und wird der Erden Arzt, bis dass die Abendstunde

Die Arbeit und den Tag zugleiche von ihm nimmt.

 

24.) O Herr, wie wunderbar und groß sind deine Werke!

Wer ist es, der sie kennt und alle nennen soll?

Du, du hast dies getan durch deine weise Stärke:

Das ganze weite Rund ist deiner Güte voll.

 

25.) Was dann die See betrifft, wer will ergründen können

Das Vieh der reichen Flur und kalte Schuppenheer?

Denn die Gestalt an ihm ist nimmer auszusinnen,

Die Anzahl nur allein so groß nicht als sein Meer.

 

26.) Hier läuft das kühne Schiff dir Wette mit dem Winde,

Und eilt geflügelt fort durch seine nasse Bahn,

Hier hast du eingesetzt den Walfisch in die Gründe,

Damit er lustig sein und fröhlich scherzen kann.

 

27.) Es schaut und wartet, Herr, mit gläubigem Verlangen

Dies was hier schwebt und lebt auf deine Gütigkeit.

Er dient dir sehnlich auf und hoffet zu empfangen

Die Speise, die du schaffst zu rechter Essenszeit.

 

28.) Sie kommen allesamt und heißen ihnen geben,

Und kriegen Unterhalt, dass keines Mangel hat.

Sie kommen allesamt und du erquickst ihr Leben.

Tust du die Hand nur auf, so sind sie gänzlich satt.

 

29.) Woferren aber du verbirgest dein Gesichte

Und ihnen ihren Geist erzürnet willst entziehn,

So zittern sie vor Angst, so werden sie zunichte

Und sind ein leichter Staub und Asche wie vorhin.

 

30.) Wird nachmals über sie dein Atem ausgelassen,

So lebt was jetzund schon vom Leben nicht mehr weiß

Und kann ihm neue Luft und frische Kräften fassen,

Ja, du verjüngest auch den ganzen Erdenkreis.

 

31.) Des Herren wertes Lob soll ewig bei uns wallen,

Wir wollen allezeit erheben seine Kraft.

Der Herr der Herren hat ein großes Wohlgefallen,

Hat seines Herzens Lust an Werken, die er schafft.

 

32.) Wenn er die Erde nur ergrimmet an will blicken,

So zittert und erbebt die ganze schwere Last.

Die Felsen geben Dampf, der starken Berge Rücken

Die rauchen, wenn er sie mit einem Finger fast.

 

33.) ich will aus aller Kraft dess Herren Ruhm erheben,

Will preisen meinen Gott mein ganzes Leben lang,

Will, also weit er mir auf Erden Frist wird geben,

Erhöhen seine Macht durch meinen Lobgesang.

 

34.) Hingegen dieses sei er auch von mir gebeten,

Er lasse meine Stimm' aus Gnaden zu sich ein

Und gebe, dass sie kann in sein Gesichte treten,

So wird mein ganzer Sinn zum Singen freudig sein.

 

35.) Der Sünder böse Schar muss ausgerottet werden,

Muss sehn, nach dem sie ringt, den wohlverdienten Tod.

Das gottverhasste Volk muss nicht mehr sein auf Erden:

Du wache, meine Seel', und lobe deinen Gott.

 

(a) laben

(b) Tageslied

(c) ohne Schößlinge, (die die Kraft abziehen)

(d) Kaninchen

(e) Nadt = Nadir, als Nadir wird in der Geometrie und in der Himmelsnavigation der dem Zenit gegenüberliegende Fußpunkt bezeichnet.

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Der Text wurde von mir behutsam, soweit

es die Strophenform und der Endreim zu-

ließen, in heutiges Hochdeutsch übertragen

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Text: Martin Opitz

Melodie: Ohne Angaben

Thema: Der 104. Psalm

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gefunden in:

Martin Opitz: Weltliche und geistliche Dichtung

Berlin und Stuttgart, 1889

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Martin Opitz von Boberfeld (* 23. Dezember 1597 in Bunzlau; † 20. August 1639 in Danzig) war der Begründer der Schlesischen Dichterschule und ein bedeutender deutscher Dichter des Barock.

Opitz war der Sohn des Metzgers Sebastian Opitz und dessen erster Ehefrau Martha Rothmann. Er besuchte ab 1605 die Lateinschule seiner Vaterstadt, wechselte 1614 auf das Maria-Magdalenen-Gymnasium zu Breslau und 1617 an das akademische Gymnasium zu Beuthen/Oder. Nachdem er 1618 einige Zeit als Hauslehrer tätig war, wechselte er 1619 an die Universität nach Heidelberg, wo er Philosophie und Jura studierte. Danach war er in verschiedenen Anstellungen in Heidelberg, den Niederlanden, in Jütland und in Weißenburg/Siebenbürgen beschäftigt. Er kehrte 1623 nach Schlesien zurück und nahm die Stelle eines Rats am Hof zu Breslau bei Herzog Georg Rudolf von Liegnitz an.

1624 veröffentlichte Opitz sein Hauptwerk, das Buch von der 'Deutschen Poeterey'. Hierin beschreibt er Regeln und Grundsätze einer neu zu begründenden hochdeutschen Dichtkunst, die sich nicht an den überlieferten antiken Versmaßen ausrichten, sondern vielmehr eine eigene, der deutschen Sprache gemäße metrische Form finden solle,

in der unreine Reime, falsche Betonungen und Wortverkürzungen keinen Platz mehr haben. Diese Buch gilt als Opitz' Hauptleistung, wobei er sich selbst allerdings auf ein lateinisches Werk über Poetik von Scaliger stützte. Dessen ungeachtet war diese Veröffentlichung sehr wirkungsvoll, die nach Opitz kommenden Dichter sind sämtlich seinem Regelwerk verpflichtet.

Anlässlich eines Besuchs in Wien verfasste Opitz 1625 ein Trauergedicht auf den Tod des Erzherzogs Karl. Dafür wurde er vom Kaiser Ferdinand II. eigenhändig zum 'Poeta Laureatus' gekrönt und 1628 als Opitz von Boberfeld in den Adelsstand erhoben. Opitz selbst machte jedoch Zeit seines Lebens von dieser Nobilitierung keinen Gebrauch.

Zunächst vergeblich bemühte sich Opitz um die Mitgliedschaft in der 'Fruchtbringenden Gesellschaft', einem Dichterkreis. Problematisch war beispielsweise die Tatsache, dass Opitz, obwohl selbst evangelisch, in Schlesien in katholischen Diensten stand. Erst 1629 erreichte er seine Aufnahme.

1634 kehrte er zum Herzog Georg Rudolf von Brieg zurück und ließ sich in Danzig nieder. 1636 trat er in den Dienst von König Wladyslaw IV. Wasa von Polen, der ihn zum Sekretär und polnischen Hofhistoriographen ernannte. In dieser Eigenschaft begann Opitz das Studium der sarmatischen Altertümer, beschäftigte sich daneben mit altdeutscher Poesie. Am 20. August 1639 starb Martin Opitz im Alter von nur 41 Jahren infolge einer in Danzig wütenden Pestseuche. Seine Grabstätte befindet sich in der damals evangelischen Danziger Marienkirche.

 

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Taken on July 22, 2012