Fahr endlich ab, du müde Seel'

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    Photo: Grabstein auf dem Friedhof der evangelischen St.-Laurentii-Kirche in Süderende auf Föhr (Detail)
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    Herr Jesu Christe, Gottes Sohn

    1.) Herr Jesu Christe, Gottes Sohn,
    Ich red mit dir wie Simeon: (a)
    Mein Glaub' schon langet sehnet sich,
    Zu sehen dich,
    Dich zu umarmen festiglich.

    2.) Nun hab ich mich so manche Zeit
    Gezogen müd an Eitelkeit,
    So drückt mich auch, lässt mir nicht Rast,
    Die Sündenlast
    Mit der viel Straf wird aufgefasst.

    3.) Du lässest manchen täglich los
    Und setzest ihn in Gottes Schoß,
    Da man hat ewig süße Ruh'.
    Wann schickst du,
    Der mich auch hol', den Boten zu?

    4.) Dein Engel ist's und nicht der Tod,
    Der mich hinführt aus aller Not,
    Wenn dass ich sterb und geh zum Grab,
    Dann reis ich ab
    Gen Himmel, der der Erd' mich gab.

    5.) Knecht und Taglöhner sind erfreut,
    Wenn naht herbei die Abendzeit,
    Weil sich alsdann die Arbeit endt
    Der müden Händ'
    Und sich der Leib zur Ruhe wendt.

    6.) Im Himmel ist mein Vaterland,
    Hier bin ich in dem Pilgerstand, (b)
    Der Wanderbündel dieser Erd'
    Mich hart beschwert:
    Ach, meine Seel' nach Haus begehrt.

    7.) Fried wohnet nur im Himmelszelt,
    Voll Krieg ist diese böse Welt.
    Dank ab, o Jesu, deinen Knecht,
    Mich hat geschwächt
    Nun lang genug das Feindgefecht.

    8.) Fahr endlich ab, du müde Seel'
    Aus deines Leibes Marterhöhl',
    Dein Wanderstab sei Christi Blut,
    Dein Pilgerhut,
    Der liebe Tod macht alles gut.

    (a) Der Prophet Simeon ist eine Gestalt des Neuen Testaments. Im Lukas-Evangelium (Kapitel 2, Verse 25-35) wird beschrieben, wie er sehnsüchtig auf die Ankunft des Messias wartet und ihn schließlich bei dessen Darstellung im Tempel in die Arme schließen kann.
    Er lobt Gott für die Erfüllung der Verheißung, er (Simeon) werde noch zu Lebzeiten den Messias sehen mit seinem Lobgesang.
    (b) Aus evangelischer Sicht ist das menschliche Leben selbst die Pilgerschaft zu Gott, deswegen werden Klöster und Zölibat nicht nur nicht benötigt, sie werden sogar als schädlich angesehen.

    Die ersten Wörter in jeder Strophe ergebn den Satz:
    Herr, nun du lässest dein[en] Knecht in Fried fahr[en]

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    Autor: Sigmund von Birken
    Melodie: Ich hab mein Sach Gott heimgestellt
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    Coburgisches (evangelisches) Gesangbuch
    Druck und Verlag Johann Carl Findeisen
    Coburg, 1763
    Liednummer 84
    Thema: Darstellung des Herrn
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    Sigmund von Birken, auch Sigismund von Birken, (* 25. April 1626 in Wildstein bei Eger; † 12. Juni 1681 in Nürnberg), war ein evangelischer deutscher Dichter und Schriftsteller des Barock, Mitglied unter anderem des Pegnesischen Blumenordens zu Nürnberg.
    Birken war der Sohn von Daniel Betulius, dem Ortspfarrer von Wildstein bei Eger in Böhmen. 1629 wurde die protestantische Familie von dort vertrieben und flüchtete nach Nürnberg, der Heimatstadt der Mutter. Bis zu seiner Erhebung in den Adelsstand 1654 trug der Dichter den Namen Sigmund (oder Sigismundus) Betulius.
    Nach dem Besuch der Lateinschule in Nürnberg studierte Birken 1643 bis 1644 die Rechtswissenschaften in Jena/Thüringen. Zur Jahreswende 1644/45 brach er sein Studium ohne Abschluss ab und ging nach Nürnberg zurück. Dort verfasste er im Frühjahr 1645 sein erstes größeres Werk, die Fortsetzung der Pegnitzschäferei und wurde unter dem Pseudonym „Floridan“ Mitglied des Pegnesischen Blumenordens. Vom Ende des Jahres bis Oktober 1646 wirkte er als Hofmeister (Lehrer und Erzieher) der Prinzen Anton Ulrich von Braunschweig und Lüneburg-Wolfenbüttel und Ferdinand Albrecht von Braunschweig und Lüneburg-Wolfenbüttel am Hof in Wolfenbüttel. Nachdem folgte eine zweijährige Wanderung durch Norddeutschland, wo er u.a. Johann Rist kennen lernte und die ihn bis nach Rostock führte.
    Im November 1648 kehrte er nach Nürnberg zurück. In den folgenden beiden Jahren wurde er über die Grenzen seiner Heimat hinaus als Dichter bekannt: Auch in den folgenden Jahren wirkte Birken als Dichter und Erzieher. Er versuchte, sich als freier Schriftsteller zu etablieren, konnte aber von dieser Tätigkeit nicht leben. In Gottlieb von Windischgrätz, mit dem er in Nürnberg Freundschaft geschlossen hatte, fand er einen einflussreichen Förderer am Hof in Wien. Im Mai 1654 wurde er mit dessen Unterstützung von Kaiser Ferdinand III. in den Adelsstand, später wurde er durch Herzog Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen wurde.
    Birken, einer der vielfältigsten und produktivsten Autoren des 17. Jahrhunderts, trat außer als Barockdichter anakreontischer Gedichte auch als Verfasser von Kirchenliedern, Geschichtsschriften und Historiendramen hervor. Von großem Wert für die weitere Erforschung der Barockliteratur ist der Nachlass Birkens, der sich auf 10.000 Manuskriptseiten und ca. 2.000 Briefe von 400 Korrespondenten beläuft.
    Von seinen zahlreichen geistlichen Liedern sind heute noch zwei im Evangelischen Gesangbuch zu finden: das Passionslied Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken (EG 88, auch von Johann Sebastian Bach in BWV 5 und in einer Version der Johannespassion verwendet) sowie Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384).

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