new icn messageflickr-free-ic3d pan white

So bin ich nun, du höchstes Wesen

Bild: Waldbach im Herbst (nachbearbeitetes Photo)

+++++++++++++++++++++++

So bin ich nun, du höchstes Wesen

 

- Nach verrichteter Andacht um Besserung des Lebens -

 

1.) So bin ich nun, du höchstes Wesen,

Schon wieder meiner Schulden frei.

Ach, lass auch aus den Werken lesen,

Dass meine Buße kräftig sei,

Und zwinge durch geheime Kraft

Die Unart wilder Leidenschaft.

 

2.) Du lässt dich gern und willig bitten

Und hörst mit Lust das Abba (a) schrein.

Ach, richte Wandel, Wunsch und Sitten

Nach deiner weisen Absicht ein.

An Tugend gib mir Überfluss,

An Notdurft, was man haben muss.

 

3.) Du hast mir die Vernunft gegeben,

Erleuchte sie durch Geist und Wort

Und führe meinen Fuß im Leben

Durch Glück und Unglück sicher fort,

Damit er nicht durch Tal und Höh'

Mit Lust die breite Straße geh.

 

4.) Du kennst mein Herz, es ist bescheiden

Und liebet die Zufriedenheit,

Es kann des Nächsten Fehler leiden,

Es dient ihm auch nach Mögligkeit,

Die Schwachheit hängt ihm freilich an -

Wo lebt ein ganz gerechter Mann?

 

5.) Hilf du nur mir mich selbst bezwingen

Und reiß mich mit Gewalt zu dir,

Lass, was mir gut ist, wohl gelingen;

Vergeh ich mich, so winke mir,

Und bringt auch dieses keine Frucht,

So nimm die Rute deiner Zucht.

 

6.) Lass Heuchelei und Aberglauben

Mir niemals den Verstand verdrehn,

Ein redlich Herze von den Tauben,

Von Schlangenwitz die List zu sehn,

Womit die ungerechte Welt

Dem Frömmsten Netz und Angel stellt.

 

7.) Bekehre meinen Feind mit Güte

Und lass mir keine Rachgier zu.

Halt Leib und Sinnen und Gemüte

Gesund, bei Kräften und in Ruh'

Und biet mir mein bescheiden' Teil

Vor guten Fleiß und Arbeit feil.

 

8.) Gefällt es deinen Vorsichtsschlüssen,

So gib mir einen treuen Freund,

Der alles, doch auch mit Gewissen,

Mit mir wie mit sich selber meint

Und, wenn sich Leid und Freude regt,

Die Hälfte mit Vergnügung trägt.

 

9.) So will ich dir mit treuem Herzen

Die ganze Lebenszeit vertraun

Und als ein Christ mit klugem Scherzen

Das Elend dieses Lebens baun,

Bis dass der Tag, den du bestimmt,

Mir dieses, was verweslich, nimmt.

 

(a) Abba: hebr.: Vater!

 

++++++++++++++++++++++++++

Autor: Johann Christian Günther

mögl. Melodie: Wer nur den lieben Gott lässt walten

++++++++++++++++++++++++++

 

Johann Christian Günther (* 8. April 1695 in Striegau; † 15. März 1723 in Jena) war ein deutscher Lyriker.

Der Sohn eines Arztes besuchte 1710 bis 1715 das Gymnasium in Schweidnitz, wo sein Jugenddrama „Die von Theodosio bereute Eifersucht“ aufgeführt wurde. Er verlobte sich mit Magdalena Eleonore Jachmann, der „Leonore“ seiner späteren Gedichte.

1715 nahm er, dem Wunsch des Vaters folgend, ein Medizinstudium in Wittenberg auf. Es kam zum Zerwürfnis mit dem Vater, da dieser seine Absicht, seinen Lebensunterhalt als Dichter zu bestreiten strikt ablehnte. 1716 ließ sich Günther zum Poeta laureatus Caesareus krönen. Infolge der damit verbundenen finanziellen Aufwendungen landete er 1717 im Schuldgefängnis.

Im gleichen Jahr ging er nach Leipzig, wo er sich an der Universität einschrieb. Er wurde von dem Schriftsteller und Historiker Johann Burckhardt Mencke gefördert, der von seiner bedeutenden Begabung überzeugt war, dem es aber 1719 nicht gelang, ihm eine Stelle als Hofdichter Augusts des Starken in Dresden zu beschaffen. Ein Versuch, sich 1720 als Arzt in Kreuzburg niederzulassen misslang, ebenso die Bemühung um eine Aussöhnung mit dem Vater. In der Folge lebte Johann Christian Günther als Gast bei den Familien verschiedener Studienfreunde. Er kehrte 1723, bereits krank, nach Jena zurück, wo er siebenundzwanzigjährig an Tuberkulose starb.

Günther gilt als bedeutendster deutscher Lyriker des frühen 18. Jahrhunderts. Formal dem Zeitalter des Barocks zuzuordnen, ist er wegen der starken inneren Bewegtheit und ausgesprochener individueller Prägung seiner Literatur als Vorläufer des Sturm und Drang zu bezeichnen.

Die Encylopaedia Britannica nennt Günther „one of the most important German lyric poets of the period between the Middle Ages and the early Goethe.“

++++++++++++++++++++++++++++++

Johann Christian Günther (April 8, 1695 - March 15, 1723) was a German poet from Striegau in Lower Silesia. After attending the gymnasium at Schweidnitz, he was sent in 1715 by his father, a country doctor, to study medicine at Wittenberg; but he was idle and dissipated, had no taste for the profession chosen for him, and came to a complete rupture with his family. In 1717 he went to Leipzig, where he was befriended by Johann Burkhard Mencke (1674-1732), who recognized his genius; and there he published a poem on the peace of Passarowitz (concluded between the German emperor and the Porte in 1718) which acquired him reputation. A recommendation from Mencke to Frederick Augustus II of Saxony, king of Poland, proved worse than useless, as Günther appeared at the audience drunk. From that time he led an unsettled and dissipated life, sinking ever deeper into the slough of misery, until he died at Jena on March 15, 1723, when only in his 28th year. Goethe pronounces Günther to have been a poet in the fullest sense of the term. His lyric poems as a whole give evidence of deep and lively sensibility, fine imagination, clever wit, and a true ear for melody and rhythm; but an air of cynicism is more or less present in most of them, and dull or vulgar witticisms are not infrequently found side by side with the purest inspirations of his genius.

2,028 views
1 fave
0 comments
Taken on November 4, 2011