new icn messageflickr-free-ic3d pan white
Bekenntnis zur "Historically Informed Performance" | by Vincent Kluwe-Yorck
Back to album

Bekenntnis zur "Historically Informed Performance"

Ich habe das Motiv entworfen und als 56 mm Button produzieren lassen, um ein wenig zur Werbung für die Idee der HIP-Musik beizutragen. Der Button dient der nicht-kommerziellen Nutzung und wird ausschließlich im Freundes- und Bekanntenkreis verschenkt.

.

.

WAS HIP BEDEUTET

 

HIP-Musiker bemühen sich, die Musik mit den Instrumenten und Spieltechniken zu spielen, für die sie ursprünglich komponiert wurde – ein Ansatz, der mit aufwändiger, weltweiter Quellensuche und intensivem Quellenstudium verbunden sein kann. Eins der wesentlichen Ziele ist dabei, die Partituren zu restaurieren und die Originalfassung(en) wiederherzustellen. Häufig gibt es mehrere Fassungen eines Werkes, da die Originalpartituren meist von den Komponisten den Gegebenheiten am Ort der Aufführung angepasst wurden. Bei der Herstellung einer möglichst authentischen Fassung müssen viele Entscheidungen einer werkgerechten Auswahl getroffen werden, um weitestmöglich dem Willen des Komponisten zu entsprechen.

 

Diese Rekonstruktion kann sich ohne weiteres über Jahre hinziehen – Jahre der Forschung und der mühevollen Detailarbeit in den Archiven weit verstreuter Bibliotheken und Archiven in Privatbesitz! Besondere Forschungsschwerpunkte sind dabei die sogenannte „Alte Musik“, also die Musik vom Frühbarock (Monteverdi) bis zur Wiener Klassik (Beethoven), die damalige Beschaffenheit der Instrumente und ihre authentische Spieltechnik und die Rekonstruktion der originalen Notentexte. Eine Forschungsarbeit, die erforderlich ist, da die Spielweise der "Alten Musik" im Gegensatz zur jüngeren Musik seit der Romantik, deren Spielweise ununterbrochen von einer Musikergeneration auf die nächste übermittelt wird, nicht in praxi tradiert ist. Es gibt daher keinen Musiker, der die Spieltechniken der alten Musik aus tradierter praktischer Kenntnis beherrscht.

 

Besonders auffällig ist der Unterschied bei den Gesangssolisten: Bei den älteren Aufnahmen etwa bis in die 80er Jahre zerkollerten abgehalfterte Opernsänger des bürgerlich-schnulzigen Romantik-Repertoires mit ihrem übertriebenen Dauervibrato die schönsten Arien, wodurch die herrlichen Opern und Oratorien von Händel, Rameau und Vivaldi oder auch die fantastischen Bach-Kantaten für mich jahrzehntelang ungenießbar waren. So wagt es heute Cäcilien-sei-Dank niemand mehr, Barockopern oder Sakralwerke zu zernudeln. Die Musikszene hat endlich begriffen, dass man Barockmusik nicht von einem Luciano Pavarotti oder einer Jessye Norman singen lassen kann: Dafür braucht es Barockspezialisten, die wir heute mit den jüngeren Solisten glücklicherweise haben.

 

Um zu verstehen, was ich meine, höre man beispielsweise bei Youtube Bachs Kaffeekantate BWV 211, überwältigend gesungen von Christine Schäfer! Nebenbei die bei weitem schönste Aufnahme der Kaffeekantate, die auf Tonträger zu haben ist – wenn auch, wie bei Helmuth Rilling (Dirigent) Tradition, auf modernen Instrumenten gespielt. Allerdings ganz in historisch informiertem Geist.

 

Interpretationen der älteren Komponisten ("Alte Musik") werden oft in einer im Pitch / Diapason heruntergetunten Tonlage gespielt, wie es damals oft üblich war: das Geschrappele der "Schlappseilvirtuosen", wie man noch vor 30 Jahren herablassend sagte. In Einzelfällen wird allerdings auch eine Stimmung der Saiteninstrumente bis aus 465 Hz gefordert! (Das Gebrummele eines auf 415 Hz gestimmten Violoncellos hat für mich einen ganz eigenen Reiz: Das Violoncello ist mein Lieblingsinstrument. Neben Theorbe und Musette, bzw. Sackpfeife.) (1) [Siehe durchnummerierte Anmerkungen ganz am Ende!]

 

Nachdem die HIP-gespielte "Alte Musik" nach rund 60 Jahren immer noch mehr oder weniger ein Nischendasein fristet, aber in den letzten 30 Jahren so unglaubliche Fortschritte gemacht hat, dass sie durch die jungen spezialisierten Privatensembles (im Gegensatz zu den staatlichen Sinfonieorchestern und staatlich subventionierten Rundfunk- und Opernorchestern) die üblichen Orchesteraufführungen inspirativ und qualitativ weit hinter sich gelassen hat, möchte ich mit meinem Button auf diese Musiksparte aufmerksam machen. Ich finde, sie hat ein wenig mehr Publizität und öffentliche Aufmerksamkeit verdient!

.

.

WARUM KANN MUSIK UNSERE HERZEN ERWEICHEN?

 

Immer wieder vermag Musik, uns so intensiv zu berühren, dass unsere Augen feucht werden. Sind wir rührselige Sentimentalisten? Durchaus nicht. Es liegt an der "Kraft der reinen Seele" der Musik, die uns in ihren besten Beispielen daran erinnert, dass es neben der diesseitigen Welt des Egoismus, der Machtbesessenheit und des Kampfes, neben einer Welt voller Missverständnisse, die so viele Menschen entzweien, eine Welt gibt der Empfindsamkeit, der inneren Reinheit und Schönheit und der Verbundenheit. Und diese Empfindung löst Sehnsüchte aus. Ganz allgemein gesprochen Sehnsüchte nach einer "besseren Welt", einem Leben in innerer Schönheit und Frieden. Ich denke, dieser Kraft, die in der Musik den unmittelbarsten Weg in unsere Herzen findet, können sich selbst hartgesottene Mannsbilder kaum entziehen.

 

Um diesen Moment des tiefen Erlebens zu erzeugen, bedarf es eines großen Künstlers, der ein Werk erschafft, dessen geistige und emotionale Tiefe einer solchen Empfindung Raum bietet. Aber es braucht auch Künstler, die diese Dimension des Werkes begreifen und inspiriert präsentieren. In früheren Zeiten präsentierte der Komponist seine Werke selbst mit Hilfe der Musiker, die ihm am Ort der Aufführung zur Verfügung standen. Erst mit dem Entstehen des bürgerlichen Musikbetriebs, als Orchesterleiter wie Mendelssohn Bartholdy (am Gewandhaus Leipzig), der selbst ein hochrangiger Komponist war, die Musik älterer Komponisten wie Bach wiederentdeckten und aufführten, begannen die beiden Positionen, sich zu trennen: Die Musik fiel in die Hände der Dirigenten. Leider nicht immer zu ihrem Glück, denn viele „Pultstars“ der ersten Zeit, sprich Mitte 19. bis zweite Hälfte 20. Jahrhundert, begriffen die Musik als reine Vorlage, die sie selbst erst mit unsäglicher Willkür und fragwürdigen Eingriffen in die Partitur "richtig zur Geltung" bringen mussten, wie sie in eitler Selbstherrlichkeit meinten. Dirigenten wie der hochverehrte Günter Wand begriffen, dass eine Partitur ein Originalwerk ist, das sie nur auf eine Art und Weise wiederzugeben hatten: im Sinne des Komponisten und dessen, was er in der Partitur zu Papier gebracht hat. (Knappe Antwort von Günter Wand auf die dümmliche Frage eines dümmlichen Journalisten während einer Orchesterprobe, ob er Beethovens Neunte mehr wie Toscanini oder mehr wie Furtwängler zu bringen gedenke. Seine knappe Antwort: "Mehr wie Beethoven".)

 

Ob und wie sehr uns die Musik ergreift, macht den Unterschied aus bei der Qualität der Interpreten: Nicht nur die geistige Tiefe der Komposition – auch die Qualität der Ausführung trägt entscheidend zur spirituellen Wirkung des Werkes bei. Je mehr ein Interpret in der Lage ist, die Dimensionen eines Werkes zu begreifen und je mehr er sich mit seinen spielerischen Fähigkeiten der perfekten Übertragung des vielschichtigen Gehalts der Musik auf die Bühne annähern kann, desto eher ist die Aufführung geeignet, uns als Zuhörer zu ergreifen und uns das Werk in seiner gesamten Potenz zu erschließen. Als leuchtende Beispiele höchster Brillanz und Transzendenz mögen großartige Musiker der Vergangenheit genannt sein wie Clara Haskil (Klavier) und Yehudi Menuhin (Violine), die uns noch in ihren Aufnahmen präsent sind. (Mozarts Klavierkonzert No. 26 "Krönungskonzert" und Beethovens Violinkonzert dieser beiden Ausnahmeinterpreten haben in meiner Jugend meine Liebe zur Musik begründet!)

 

Musik mit hoher spiritueller Qualität wie das Kantatenwerk von Bach (und auch etliche Werke von Haydn beispielsweise) kann mit ihrer intensiven Geistigkeit einen Zustand der Transzendenz erzeugen, der den Hörer völlig bei sich sein lässt, und ihn von jeder Grübelei über das Gestern oder Morgen befreit. Es ist ein Zustand der Zufriedenheit und tiefen Empfindung, wie man ihn im Alltagsleben kaum jemals erreicht. Vielleicht ist dies der tiefere Grund für den großen Ruhm des Kantatenwerks, den kein anderes musikalisches Gesamtwerk übertrifft. (Wobei nur sehr wenige Kulturbeflissene tatsächlich das Gesamtwerk aller Kantaten kennen dürften. Was sehr zu bedauern ist, da sich dort unglaubliche Schätze der Musikkunst finden lassen!)

 

Wie bereits Maurice Kagel bemerkte: Nicht alle Musiker glauben an Gott, aber alle glauben an Bach. Ich füge hinzu: Ich auch.

.

.

SEHR PERSÖNLICHER BLICK AUF MEINE MUSIKALISCHEN VORLIEBEN

 

Ich oute mich gerne als "Fanboy" der Großmeister Monteverdi – Vivaldi – Bach – Händel – Rameau – Haydn – Boccherini – Beethoven – Berlioz – Wagner – Bruckner – Dvorak – Saint-Saëns – Shostakovich – Bob Dylan.

 

Während ich alle anderen genannten Komponisten musikalisch sowieso und auch menschlich bewundere, in einigen Fällen sogar zutiefst verehre, und in zwei Fällen über die Maßen liebe (Haydn und Boccherini), habe ich zu Wagner aus den bekannten Gründen ein gespaltenes Verhältnis: Gelegentlich suchen sich die Musen auch unwürdige Gefäße für ihre Gaben! Allerdings führt kein Weg an dem Zugeständnis vorbei, dass Wagner und neben ihm Bruckner die beiden herausragenden Komponisten ihres Jahrhunderts waren. Bruckner als Titan des Adagios und Großmeister der Melodie (2) war seiner Zeit sogar so weit über und voraus, dass er erst in fortgeschrittenem Alter allgemeine Wertschätzung und erst mit Shostakovich einen halbwegs ebenbürtigen Nachfolger fand, während Wagner einsam als Solitär im Kosmos des Musiktheaters schwebt.

 

Der Musikverständige wird bei einem Namen die Augenbrauen lupfen: Wie konnte Saint-Saëns in diese erlesene Reihung gelangen? Saint-Saëns, über den sein Freund Berlioz einmal sagte: "Il sait tout mais il manque terriblement d'inexpérience." (Deutsch in etwa: Er weiß wirklich alles, aber es mangelt ihm völlig an Unerfahrenheit.) Und das war wahrlich nur ein ganz kleines Bisschen übertrieben! Neben den Giganten vom Range eines Bach, Haydn oder Beethoven ist er natürlich eher ein Leichtgewicht. Aber. Er ist bei Gott und zweifelsohne das schwerste Leichtgewicht der Musikgeschichte. Ich schätze ihn sehr. Und gewiss nicht nur wegen seines bekanntesten Werkes „Le Carnaval des animaux“, das wohl das einzige Werk sein dürfte, das viele von ihm kennen – wenn sein Name heute überhaupt noch ein Begriff ist. (Herausragend sein traumhaft schönes Weihnachtsoratorium "Oratorio de Noël", seine Orgelsymphonie, die Oper Samson et Dalila und sein Harfenkonzert!) Abgesehen davon war er auch ein Universalgelehrter der allerhöchsten Kategorie und damit den meisten seiner Zeitgenossen bei weitem über. Was ihm diese neideten. Ein eckiger Eigenbrötler war er aber wohl tatsächlich. Was ihn mir natürlich sehr sympathisch macht.

 

Vielleicht noch eine Anmerkung zu seinem Weihnachtsoratorium: Ich lese, es sei lediglich ein Gebrauchswerk – keine "Bekenntnismusik". Ja Himmel hilf. Saint-Saëns war zwar nicht so tief gläubig und der Kirche verbunden wie Bruckner – das übliche Kirchenzeremoniell war ihm wohl ein Graus. Aber er muss ein zutiefst spiritueller Mensch gewesen sein. Warum hätte er sonst als einer der führenden Organisten seiner Zeit jahrzehntelang als Kirchenorganist gewirkt – selbst, als es aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr nötig war? Man sperre doch bitte einfach Herz und Ohren auf: Die Musik des Oratorio kommt aus reinster Seele und tiefem Bedürfnis. (Das intendiert an Bach erinnernde Instrumentalstück zu Beginn; die perlende Harfe, die das Benedictus eröffnet und der darauf folgende glockenklare Sopran: ergreifend!) Meine Kenntnis reicht nicht weit genug für eine objektivierende Beurteilung, aber ich bin sicher, für Saint-Saëns selbst war sein Weihnachtsoratorium eines seiner zentralen Werke!

 

Auch der Name Boccherini mag den Musikverständigen staunen lassen. Boccherini als "Erfinder" des Quintetts und Mitgestalter der Symphonie – in tief freundschaftlichem Austausch mit Haydn übrigens, der ihn über die Maßen schätzte, wie ihn überhaupt jeder gemocht zu haben scheint: Boccherini war offensichtlich eine der liebenswertesten und integersten Persönlichkeiten der Musikgeschichte. Boccherini offenbart einen ganz eigenen Kosmos der Musik, der leider gerade eben erst nach und nach von den heutigen Größen der Musikwelt entdeckt und offenbart wird. Gott sei's betrommelt und bepfuffen (um in der Sprache der Musik zu bleiben), dass es die gelehrten Großkopferten auch endlich bemerken: Boccherini war ein Genie "in his own right" mit einer völlig eigenen Musiksprache, die bereits meine zarte Kinderseele berührt und ergriffen hat.

 

Es mag aufgefallen sein, dass ein Name in meiner Favoritenliste fehlt. Wie das? Natürlich mag ich einzelne Werke des berühmtesten aller berühmten Komponisten. Aber Musik hat für mich nicht nur die zwei bekannten Aufgaben: 1. zu unterhalten und 2. feierlich bei speziellen Anlässen zelebriert zu werden, wie anlässlich der Kirchenfeste, und bei Hofe, bzw. heutzutage bei den Galakonzerten.

 

Ich schätze besonders die Arbeit an dem dritten musikimmanenten Ziel, die kompositorischen Möglichkeiten der Musik in ihren einzelnen Musikgattungen weiter zu entwickeln, und damit die Sprache der Musik an Ausdruckskraft und Klarheit im Geiste der jeweiligen Epoche voranzubringen. Also Originalität und Modernität. INSPIRATION & INVENTION, wie ich es nennen würde. (Deutlich sichtbar, aber für mich kaum zu begreifen der Epochensprung zwischen zwei berühmten Leitplanken der Musikgeschichte: der Neunten von Beethoven, 1824, und der Symphonie Fantastique von Berlioz, 1830, die tatsächlich nur sechs Jahre trennen, die aber Tonsprachen repräsentieren, die durch Epochen getrennt sind: Wiener Klassik, der noch der Geist des vor-revolutionären Habsburger'schen "Ancien Régime" anhängt, im letzten Satz allerdings bereits romantische Züge antizipert, und nach-revolutionäre Romantik.)

 

Für mich ist es atemberaubend, bei Haydns 104 Symphonien zu verfolgen, wie er sich Werk für Werk von dem rein unterhaltenden Habitus des Musik-Domestiken befreit – gefördert durch einen kunstsinnigen Fürsten, der wohl mehr oder weniger gut verstand, was da gerade vor sich ging – und mit jeder weiteren Symphonie in kleinsten Schritten die Möglichkeiten der Gattung auslotet, bis er kurz vor den sechs Pariser Symphonien zur berühmten Sonatenhauptsatzform vorstößt, die er dann in den "12 Sternzeichen der Klassik" – seinen zwölf Londoner Symphonien – auszelebriert und der Musikwelt damit das Tor zur Moderne so krachend aufschlägt – von Paukenschlägen und -wirbeln begleitet, dass selbst ein Metternich es nicht wieder schließen konnte.

 

Was für eine erstaunliche Epoche: Nur vier oder fünf Jahrzehnte trennen Händels letzte Opern von Haydns Ausentwicklung der Sonatenhauptsatzform! Als sich beispielsweise Hasse 1783 von unserem blauen Planeten verabschiedete, waren längst sämtliche Mannheimer Raketen (bitte googeln) aufgestiegen ... und über einem galant gewordenen Mitteleuropa verglüht, Haydn stand kurz davor, mit Entwicklung der Sonatenhauptsatzform die Wiener Klassik zur vollen Blüte zu bringen, und Mozart war auf dem Weg, sich in der Musikgeschichte unsterblich zu machen.

 

Mozart als fehlende Figur in meiner Liste hat uns großartige Werke hinterlassen mit einigen Quartetten, seinen wahrhaft großmeisterlichen Klavier- und Violinkonzerten, dem Konzert für Klarinette und Flöte, den fast schon revolutionären Hornkonzerten, der großen Messe in c-Moll und vor allem den drei Da-Ponte-Opern. (Die Zauberflöte ist mir zu verschwurbelt und zu altbacken – figuriert daher nicht in meiner Hitliste. Wobei zugestanden werden muss, dass sie natürlich unendlich schöne Musik präsentiert. Und die relativ neue Interpretation von René Jacobs mit der Berliner AKAMUS macht das Werk sogar in Gänze zu einem Genuss.)

 

Figaro, Don Giovanni und Cosi Fan Tutte erhielten übrigens vor einigen Jahren wieder neuen Glanz durch den völlig wahnsinnigen, genialischen Teodor Currentzis, der im fernen SIBIRIEN (!) das ehrwürdige Operngestühl durcheinander scheppern ließ, die arme Simone Kermes auf ihre alten Tage (mit großem Erfolg) zum Äußersten trieb und damit weltweite Begeisterungsstürme entfachte. Die Cosi als bisheriger Höhepunkt seines Wirkens dürfte an Intimität und Intensität kaum zu überbieten sein – zumindest kenne ich keine ergreifendere. Seit dem jüngst nachgereichten Don Giovanni scheint es mir aber, als sei der Musenstern Currentzis' bereits schon wieder im Verlöschen begriffen. Es ist wohl eine zu große Last, diesen gewaltigen Anspruch, von dem Currentzis getrieben wird, auf Dauer aufrecht zu halten: Vor lauter Ambition scheint mir bei ihm mehr und mehr die Musik auf der Strecke zu bleiben.

[Aktualisierung: Seit der Spielzeit 2018/19 ist er Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters. Man darf gespannt sein, ob die neue und sicher ungewohnte Aufgabe in einem "bürgerlichen" und "beamtenmäßig" geregelten Ensemble sein Seelenfeuer neu entflammen kann.]

 

Aber für die Entwicklung zweier Gattungen hat Mozart herzlich wenig getan: Die Komposition von Streichquartetten und Symphonien musste er mühsam bei Haydn erlernen. In beiden Gattungen erreicht er allerdings nie die Qualität und Tiefgründigkeit eines Haydn oder Beethoven. Man vergleiche nur Mozarts beste Streichquartette (die Preußischen und die Haydn gewidmeten Quartette) mit den allerersten Quattros Haydns: Sie sind zwar teilweise noch streng kontrapunktisch geführt, aber zeigen bereits bei dem jungen Haydn eine Formsicherheit und ein tiefes Verständnis für die Gattung bei einer Frische, Schönheit und Musikalität, die für mich einzigartig ist. Ganz zu schweigen natürlich von der Entwicklung der weiteren Quartette. (Wahrlich meisterhaft ab op. 33! Am gelungensten ist die Gesamtaufnahme aller Quartette des "Angeles String Quartet" als absolute Referenz der Werke! Bei der Decca-Ausgabe auch in vorzüglicher Tonqualität.)

 

Am reizvollsten ist Mozart für mich in seinen oben genannten Opern und seinen Solo-Konzerten, die möglicherweise den Maßstab dessen bilden, was auf dem Gebiet des Solokonzerts möglich ist. Symphonien konnte er jedenfalls bis zur letzten nicht ordentlich. Man höre nur den Finalsatz der vorletzten seiner „Acht Großen“ – die „Große g-Moll-Sinfonie“ KV 550: Im Allegro assai produziert er den ganzen Satz lang kompositorischen Leerlauf ohne zu wissen, wie er wieder herauskommen soll. Stattdessen bringt er den Satz immer wieder mit einigen Schlenkern der Holzbläser oder Streicher zum Stillstand und … lässt den Leerlauf weiterspinnen. Und was macht er dann in seiner Ratlosigkeit? Hört einfach auf zu spielen. „Senza finale“. Lässt den Taktstock fallen und geht nach Hause. (Dies Beispiel pars pro toto. Ich hätte auch viele andere seiner Sinfonien anführen können wie z.B. die berühmte Linzer, deren ausufernder Finalsatz ebenfalls im Leerlauf erstarrt, und mit ihrem begrenzten thematischen Gehalt einfach kein Ende findet, indem sich der Satz über sieben Minuten im Kreise dreht.)

 

Ich kann mich gut erinnern, dass mich Mozarts Unvermögen, das Werk anständig zu Ende zu bringen, bereits in meinen jungen Jahren sehr gestört hat. Das hat mich seinerzeit zu einem Haydnianer werden lassen! (Bach und Haydn sind mir zwischen meinen oben genannten Lieblingskomponisten bei weitem die allerliebsten!) Und man glaube ruhig, dass ich mir die Sache nicht leicht gemacht habe: Ich kenne Mozarts Sinfonien genau wie Haydns in-und-auswendig und habe im Laufe meines Lebens alle „großen“ Aufnahmen der Sinfonien Haydns und Mozarts besessen. (Heute habe ich nur noch die Mozart-GA von Trevor Pinnock und seinem "English Concert" im Bestand. Ein Conductor, den ich auch für Haydn über die Maßen schätze und verehre! Neben Adam Fischer natürlich, der meiner Meinung nach die bisherige Referenz der Haydn-Sinfonien eingespielt hat, dessen Mozart ich allerdings überhaupt nicht mag.)

 

Ja – ich weiß. Ich habe gerade eine der berühmtesten und beliebtesten Sinfonien Mozarts in der Luft zerrissen. In maßloser Überspitzung, wie ich gerne entschuldigend eingestehen will. (Und nein – seine "Kleine Nachtmusik" hatte ich nie im Bestand. Auch keine seiner sonstigen Serenaden, Kassationen & Divertimenti. Bis heute nicht.) :-)

 

Um es noch schlimmer zu machen und auf meinen Punkt 3 zurückzukommen: Auf mich wirken Mozarts Sinfonien insgesamt seltsam leer und seelenlos. Genialisch auf’s Papier geworfen, um zu gefallen. Nur gekonnte, aber inhaltsleere Oberfläche – Musik, die „Furore machen“ soll, wie sich im Übrigen mit unzähligen Briefen an seinen Vater Leopold belegen lässt, die aber nicht ergreift und nicht berührt. Keine Spur der tiefen Auseinandersetzung mit der Form. Kein Ringen mit der Seelennot eines Beethoven und keine stete Entwicklung mit aller Intelligenz und dem genialischen Witz eines Haydn. (Man denke nur an den abgründigen Humor in Haydns Klaviertrio No. 41 "Jacob's Dream" oder in der Symphonie No. 94 "Mit dem Paukenschlag", in der No. 60 "Il Distratto", wo Haydn im Finale seine Geiger ihre Instrumente stimmen lässt, oder in der No. 45 "Abschiedssymphonie", wo im Schlusssatz ein Musiker nach dem anderen aufhört und sein Instrument einpackt, bis nur noch ein einsamer Tomasini auf seiner Geige fiedelt und Haydn feixend um die Ecke plinzt!)

 

Am ehesten erheitern mich noch die Anekdoten, die sich durch Mozarts Biografie ranken. Z. B. der berühmte Tritt in den Hintern des noch sehr jungen Mozart, über den sich die kulturbeflissenen Geister quer durch die Jahrhunderte bis heute ereifern. Den er sich allerdings wahrlich verdient hatte mit seinem Betragen an Colloredos Hof – einem Fürsten, der dank seiner überragenden Intelligenz, seiner Fortschrittlichkeit und Integrität sehr viel mehr Sympathie verdient als ihm von Mozartjüngern üblicherweise entgegen gebracht wird. Einem überaus vernünftigen Mann also (3). Und vergessen wir nicht: Damals war er noch nicht Mozart – er hieß nur schon so! :-)

 

Abschließend ein Wort zu Bob Dylan. Als Großfürst des gesellschaftsrelevanten Liedes und der unerschöpflichen Melodien gebührt ihm natürlich die Krone der Liedkunst. Schubert, Schumann, Brahms, Mahler – womöglich gesungen von Christian Gerhaher?!? Pah.

 

Nein – natürlich nur ein böser Scherz. Gerhaher, begleitet von seinem kongenialen Klavierpartner Gerold Huber, ist für mich der unübertroffene Maßstab der Liedkunst, an dem sich alle anderen messen müssen, und der einzige Interpret des Kunstlieds, den ich immer wieder und mit Vergnügen ertrage. Neben Gundula Janowitz mit den letzten Liedern von Strauss übrigens. Aber Dylan ist eben nicht nur Interpret, sondern auch Schöpfer seiner Lieder. Und zwar der größte aller Zeiten: die Texte allein füllen Folianten. Den Literatur-Nobelpreis hat er schließlich nicht ohne Grund bekommen, nachdem er über etliche Jahre immer wieder dafür vorgeschlagen war!

.

.

ANMERKUNGEN

 

(1) Gibt es auch ein Unlieblingsinstrument, bei dessen Klang ich hörsturzgefährdet in Panik flüchten würde? Ja – gibt es, zwei sogar: Die Blockflöte. Und das Saxophon. Das quäkende Schnarren dieses Unmusiknichtinstruments bereitet mir körperliche Pein, die sich bis in die Zahnnerven fortpflanzt! Saxophon würde ich nur ertragen, wenn beispielsweise Paul McCreesh in seiner legendären Aufführung (2010) des berühmten Requiems von Berlioz (korrekter: Grand Messe des Morts), wie von Berlioz gefordert, tatsächlich einen Chor mit 210 Stimmen und gefühlte 1000 Musiküsse eingesetzt hätte mit vier großen Blasorchestern und zwischen diesen 1200 Sängern, Pauken, Trompeten, Zimbeln, Posaunen, Tuben und Zornissen auch noch ein Saxophon mit Dämpfer versteckt hätte. Zur Blockflöte schweigt des Richters Höflichkeit. Ich weigere mich, die drei Mijonenden Flötenkonzerte zur Kenntnis zu nehmen. (Traversflöten mag ich dagegen sehr! Geradezu überwältigend, wie Beethoven in seiner Pastorale die einzelne Piccolo gegen das gesamte Tutti des Orchesters stellt – ebenfalls seit frühesten Jugendtagen eines meiner Lieblingswerke!)

 

(2) Falls es interessiert: Bruckners Vorausschau war höchstens noch mit Rameau über 100 Jahre vor ihm vergleichbar, der mit seinen großartigen Klangexperimenten ebenfalls über etliche Generationen hinausgewiesen hat bis in den Impressionismus hinein.

 

Und "Titan des Adagios", weil niemand schönere Adagios komponieren konnte als Bruckner: Zaubergärten endloser Seelengalaxien, durch die er selber streift wie ein Kind, Schleier für Schleier beiseite hebend, um mit staunenden Augen und Ohren zu entdecken, welch seltsame Wunderwelten, die er selbst erschaffen hat, sich dahinter eröffnen.

 

Als Großmeister der Melodie war er Gegenpol zu Wagner, für den die Melodien angerissene Skizzen und Signale ("Leitmotiv") waren, die kraftvoll neuen Raum zu schaffen haben für den Fortgang des dramatischen Geschehens. Bruckner dagegen führt die Melodien aus, lässt sie sich entfalten als Wegweiser und Landkarte durch seine tiefsten Seelengespinste, die dieser hochsensible Geist für uns offenbart.

 

Bruckner war bei seiner unendlichen Bescheidenheit und Demut auch der größte Meister des kompositorischen Handwerks seiner Epoche, das er gründlicher studiert und erlernt hat als jeder andere seiner Zeit. Was viele seiner Komponisten-Kollegen, die oft mehr schlecht als recht durch ihre eigenen Partituren stolperten, nicht abhielt, sich über Bruckner wegen seiner charakterlichen Eigenheiten zu belustigen. Eigenheiten, die ihn mir allerdings besonders liebenswert machen.

 

(3) Der Satz "Colloredo war ein ... vernünftiger Mann" spielt darauf an, dass Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo eine aktive Figur im Zeitalter der Vernunft, bzw. der Aufklärung war – durchaus ungewöhnlich für einen Vertreter der römisch-katholischen Hocharistokratie, was natürlich sehr für ihn spricht. Und seine Portraits vermitteln den Eindruck, dass er eine sehr gewinnende Persönlichkeit gewesen sein muss.

 

Auch ihn schätze ich sehr – obwohl er uns nicht eine einzige selbstkomponierte Note hinterlassen hat. Ah. Ich sollte mich korrigieren: ... keine einzige Note bis auf den Knall des Fußtritts auf Mozarts Hintern, wenn man den in historischer Betrachtung als Note akzeptieren mag. Eine Note, die allerdings trotz ihrer Genialität kaum den Anspruch auf Komponiertheit erheben darf – das sei zugestanden!

 

(Die Fußtritt-Szene, die ich hier Colloredo zugeschrieben habe, damit die Pointe funktioniert, war in Wirklichkeit etwas anders: Tatsächlich hat natürlich nicht Colloredo selbst getreten, sondern sein Mitarbeiter Graf Arco, wodurch dieser sich als Erzfeind aller Mozartianer in der Musikgeschichte unsterblich gemacht hat.)

 

Meine despektierlichen Bemerkungen zu Mozarts Komponierkunst sollten als Ausfluss meines satirisch-boshaften Charakterzuges nicht allzu ernst genommen werden: Selbstverständlich weiß ich, was Mozart für die Musik geleistet hat, und liebe viele seiner unsterblichen Werke sehr. Sogar seine Zauberflöte! Und selbstverständlich figuriert er an prominenter Stelle in der Liste meiner Lieblingskomponisten. (Allein seine erste "richtige" Oper Mitridate, re di Ponto würde seinen Anspruch darauf rechtfertigen – eine Oper, die von Leopold Hager dem Vergessen entrissen, und dann von dem höchstverehrten Christophe Rousset auf die brillanteste Weise ins Werk gesetzt wurde.)

.

.

NACHTRAG

 

Sollte sich ein Leser animiert fühlen, tiefer in meine Ansichten zu Marc-Antoine Charpentier im Speziellen und die HIP-Musik im Allgemeinen vorzudringen, lese meine Rezension bei Amazon und den in den Kommentaren anschließenden humoristischen Wortwechsel mit meinem langjährigen Dialogpartner Claus Fischer, der einigen Lesern als kompetenter Opernrezensent geläufig sein dürfte:

www.amazon.de/Arts-Florissants-William-Christie/dp/B01BGX...

1,963 views
0 faves
0 comments
Taken on February 14, 2014