new icn messageflickr-free-ic3d pan white
Ehem. Zwirnerei Ernst Michalke Zschopauer Straße 52 vorm. Strumpf- und Handschuhfabrik Joseph Aram  (Abriss 2012) | by Uwe Kaufmann1
Back to photostream

Ehem. Zwirnerei Ernst Michalke Zschopauer Straße 52 vorm. Strumpf- und Handschuhfabrik Joseph Aram (Abriss 2012)

Die Wende hatte ja durch die mit ihr einhergehenden Währungsreform auch bei uns viele Betriebe in kürzester Zeit in die Knie gezwungen. Sie wurden entweder abgerissen, von anderen auswärtigen Firmen "geschluckt", völlig umgenutzt oder bröckelten von aller Welt verlassen vor sich hin. Letzteres trifft auch für obiges Objekt zu. Interessant zu sehen, wie sich der Baumstamm mit seiner bizarren Form seinen Weg durch das Geländer hindurch gesucht hat und seine Dicke läßt darauf schließen, daß dieser Zustand nicht erst seit gestern und heute so ist.

Es ist die ehem. Zwirnsfabrik Ernst Michalke an der Zschopauer Straße 52. Erstaunlicherweise kennt man sie, wenn überhaupt, nur unter diesem Namen, obwohl die Michalke Ära eigentlich die kürzeste in der Geschichte des Hauses war. Bereits um 1880 gründete der eigentlich in Brüssel ansässige jüdische Kaufmann und Unternehmer Joseph Aram ein Strumpfgeschäft an obiger Stelle, in dessen Hinterhof bald die erste Fabrik entstand, wo Strümpfe und auch Handschuhe auf dem Produktionsprogramm standen. Das oben zu sehende Gebäude, das schon in Stahlträger-Gewölbe-Bauweise ausgeführt ist, dürfte wohl erst etwas später entstanden sein, die seitlichen Anbauten kamen vermutlich erst Anfang der 20-er Jahre hinzu. Der Geschäftsgang lief offensichtlich glänzend, obwohl Aram alle Chefsachen von seinem Beauftragten Isaac Loeb erledigen ließ - selber wohl nie in Chemnitz wohnte. Besonders erfolgreich und bekannt wurde die Marke „Fantasie-Socken“. Doch ab dem 1937-er Adreßbuch ist plötzlich der aus dem bayrischen kommende Ernst Michalke als Fabrikbesitzer vermerkt, der bis dahin in der Lange Str. 18 und 20 (heute nicht mehr existent – war etwa zwischen alter Hauptpost und Falkeplatz) eine kleine Hinterhof-Fabrikation mit Geschäftslokal hatte. Der Eigentümerwechsel war offensichtlich nicht durch normalen Verkauf, sondern durch Arisierung zustande gekommen. Nach dem Krieg versuchte man zunächst, die alte Produktion wiederzubeleben, doch das hatte man bald aufgegeben. Zum einen sollten ja die vielen einzelnen textilproduzierenden Fabriken zusammengeschlossen werden, zum anderen hätte es dort auf Grund der engen Umgebungsbebauung keine Erweiterungsmöglichkeit gegeben, außerdem war man dort nicht nah genug am Wasser gebaut und hatte auch keinen Gleisanschluß – sicher alles keine unüberwindbaren Dinge, aber es gab noch etwas, was sich als Hemmschuh erweisen sollte, die sogenannten „schwierigen Eigentumsverhältnisse“ . Auf Grund eines kriegsbedingten Dachschadens zieht der Michalke-Vorstand zunächst in ein Notquartier um, keine Seltenheit damals. Doch das Behelfsdomizil ist ungewöhnlich weit weg (in Schellenberg, dort hatte Michalke neben der Chemnitzer Filial-Fabrik noch ein weiteres Tochter-Werk, dort firmiert man allerdings unter Gebr. Michalke) und bleibt auch ungewöhnlich lange dort (bis mindestens 1947)

www.schellenberg-dorf.de/bilder/truebenbach/truebenbach00...

und es ist anzunehmen, daß man gar nicht erst wieder nach Chemnitz zurückkehrte und sich wohl mit Entstehen der beiden deutschen Staaten zu „Muttern“ nach Langweid am Lech nahe Augsburg zurück zog. Man ging sicherlich davon aus, diesen durch Arisierung einverleibten Besitz sowieso nicht behalten zu können. Der Chemnitzer Betrieb wurde zunächst von der VEB Nominierung ausgenommen, was kein Glücksfall für die alten Gebäude war. Die begrenzten Ressourcen und knappen finanziellen Mittel fließen ganz bevorzugt in die inzwischen favorisierten großen VEB´s. Der Strumpf- und Trikotagenversand kommt in den 70-er Jahren schließlich doch noch zu VEB-Ehren, jedoch ohne Bewilligung der erhofften Mittel. Abgesehen von der provisorischen Dachreparatur nach dem Krieg hat das Gebäude seitdem nicht eine ernsthafte Sanierungs- oder Instandhaltungsmaßnahme gesehen. Der Grund hierfür liegt wohl in den bereits angedeuteten „schwierigen Eigentumsverhältnissen“, welche die Nachkriegsgeschichte des Hauses flankieren. Die Aneignung jüdischer Besitztümer durch Arisierung wurde ja nach dem Krieg für rechtswidrig erklärt, doch wie damit dann weiter zu verfahren war, das unterschied sich in der Rechtslage der verschiedenen Besatzungszonen z.T. recht erheblich. Erschwerend kam hinzu, daß hier nicht nur ein rein innerdeutsches juristisches "Zonen"- Problem vorlag, sondern auch noch die Rechtsprechung von Joseph Arams Heimatland Belgien mit hineinspielte, die Klärung der Sachlage damit viele Jahre offen blieb. Dies erklärt die mangelnde Investitions- und Sanierungsbereitschaft ebenso wie die Tatsache, daß die ehemaligen Produktionshallen nunmehr lediglich noch für Lagerung und Versand genutzt wurden, so daß man sich im Fall der Fälle jederzeit schnell und ohne größere Kosten daraus zurück ziehen konnte.

Nun ist die diffizile Eigentumsfrage offensichtlich endlich gelöst, da auf der Informationstafel als Eigentümer die jüdische Gemeinde ausgewiesen ist. Doch es sieht ganz so aus, als wollte sie das Objekt gar nicht wiederhaben, sondern eher so, als ob man es ihr „vor die Füße geschmissen“ hätte, denn sie sieht keinen anderen Ausweg als den Abriß, (unter Mithilfe des EFRE). Eigentlich ein wenig schade, wenn man sieht, was außerhalb von Chemnitz aus solch vergleichbar maroden Fabrikgebäuden immer noch machbar ist . . .

www.flickr.com/photos/41569813@N03/6365436833 /

weitere Außen- und Innenansichten sind hier zu sehen:

www.flickr.com/photos/41569813@N03/sets/72157630158144512/

Hier noch ein kurzer DDR-Rückblick:

www.flickr.com/photos/41569813@N03/7466008790/in/photostream

10,476 views
1 fave
23 comments
Taken on August 26, 2011