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Kinderwaldstätte Auerswalde - Lungenheilstätte Glösa - Lungenklinik Glösa/Karl-Marx-Stadt - Pflegeheim Glösa - Seniorenbetreuungszentrum - Waldpavillon | by Uwe Kaufmann1
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Kinderwaldstätte Auerswalde - Lungenheilstätte Glösa - Lungenklinik Glösa/Karl-Marx-Stadt - Pflegeheim Glösa - Seniorenbetreuungszentrum - Waldpavillon

Eigentlich kann Wald ja überall sein, aber in unserer Stadt sind die Waldgebiete nicht so riesig und zahlreich. Zusammen mit diesem ungewöhnlichen Häuschen, welches auf die Spur eines dieses Jahr stattfindenden 100. Jubiläums führt, dürfte dieser Ort hier trotz der Waldlage in Chemnitz einmalig sein.

Heute vorwiegend als Pflegeheim bekannt, ist die einstige Zweckbestimmung der Einrichtung fast völlig aus der Erinnerung verblaßt ... jedoch bei ortsansässigen Insidern noch lebhaft im Gedächtnis.

Mit dem raschen Anwachsen des Chemnitzer Industrieballungsgebietes eskalierten freilich auch die Schattenseiten dieser Entwicklung. Auf dem knappen Wohnraum, eng zusammengepfercht, kaum ein Strahl Sonne in den engen Hinterhöfen, einer Athmosphäre, überwiegend dunkel, feucht, muffig, mit schlechter und mangelnder Ernährung, unzureichender Kleidung und Arbeitstagen von 12 bis 14 Stunden – nur sonntags frei – in rauch- und qualm- und mit chemischen Stoffen durchsetzter Fabrikluft, das war der Alltag zur Jahrhundertwende. Die Quittung dafür war nicht nur die niedrige Lebenserwartung und die rekordverdächtig hohe Säuglingssterblichkeit, sondern auch die explosionsartige Ausbreitung der Lungenschwindsucht, sie avancierte zur Volkskrankheit und Todesursache Nr.1 !!! Die Schulmediziner standen dieser Entwicklung trotz enormer Anstrengungen ziemlich hilflos gegenüber, ebenso die Stadtverwaltung, man hatte wohl schon begonnen, die Schwindsucht als allgegenwärtig zu „akzeptieren“. Nicht so Walter Oertel (nach ihm benannt die gleichnamige Straße), er hatte am Verlauf verschiedener Einzel-Schicksale erkannt, daß der Verlauf der Erkrankung ganz maßgeblich vom Zustand des Immunsystems abhängt, welcher wiederum modifiziert ist von Ernährungszustand, frischer guter Luft und körperlicher Ruhe. Das Beispiel der Heilung der Kaiserin Sissy von der eigentlich damals fast immer unheilbaren Tbc ist ein weiteres allgegenwärtig populäres Beispiel hierfür.

Der gegründete Verein zur Bekämpfung der Schwindsucht nahm sich dieser Problematik an und wie vehement dieses (eigentlich soziale) Problem – und zwar in allen Schichten – war, zeigt der enorm große Zustrom an finanziellen Mitteln für diesen Verein. Wenngleich die Volksseuche hauptsächlich die Armen wegraffte, machte sie dennoch auch vor den Reichen nicht halt. So konnte besagter Verein 1911 sowohl die König-Friedrich-August-Walderholungsstätte in Borna (für die Erwachsenen) als auch die sogen. Kinderwalderholungsstätte in Glösa feierlich eröffnen. Damals gab es noch keine Chance, eine manifeste Schwindsuchtsuchterkrankung zu kurieren, von extrem seltenen Spontanheilungen abgesehen. Demzufolge widmete sich der Verein zunächst der Vorbeugung des Krankheitsausbruchs bei den Kontaktpersonen (sie lebten aber vorher lange Zeit auf allerengstem Raum mit an offener, also ansteckender Tbc Befallenen oder sogar schon daran Verstorbener und man muß davon ausgehen, daß sie fast alle selber latent infiziert waren) und diese Art von "Prophylaxe" subsummierte man seinerzeit ebenfalls unter dem Begriff „Erholen“ und so ist der Begriff „Erholungstätte“ zu differenzieren von dem Begriff „Heilstätte“. Glösa war also anfangs eine Erholungsstätte im Wald entsprechend den Vorgaben des Vereins, mithin eine Walderholungstätte und da für Kinder vorgesehen, Kinderwalderholungsstätte, eingebürgert kurz als Kinderwaldstätte, so der Ursprung dieses heute vielleicht etwas eigenartig anmutenden Namens. Doch Chemnitz expandierte weiterhin und damit auch die Fälle an Lungenschwindsucht bei Kindern. Im eigens eingerichteten Kinderhaus in Borna (inzwischen längst zur Heilstätte umfunktioniert und betreut durch Dr. Walter Dohrn, dem damals einzigsten !!! Lungenarzt in Chemnitz, übrigens der Vater von Dr. sc. med. Klaus Dohrn, ehem. Chefarzt der Inneren Klinik im Küchwald-Krankenhaus) siehe: Der Doktor aus dem Osten …

kann man die steigende Zahl manifest an Tbc erkranker Kinder nicht mehr bewältigen und so muß auch die Kinderwaldstätte Glösa schließlich als Heilstätte – bald sogar als Krankenhaus - fungieren, im Waldhaus, einem in den 30-er Jahren errichteten weiteren Gebäude, wird die pulmologische Kinderklinik Glösa eingerichtet. Nach dem Krieg, angesichts von Hungersnot und extrem knappen Lebensmittelrationen wird das eigentlich zum Auerswalder Terrain gehörende Klinikgelände, welches in den letzten Kriegstagen noch als Notlazarett herhalten muß, nach Chemnitz eingemeindet. Der Grund dafür ist, daß Chemnitzer Stadtbewohnern in jener Zeit eine höhere Lebensmittelration zusteht als Auerswalder Bürgern und eine reichliche Ernährung ja Grundlage für den Heilerfolg ist. Das mag jetzt himmelschreiend ungerecht klingen, hängt aber damit zusammen, daß auf dem Lande viele den größten Teil ihrer Nahrungsmittel selber produzieren. Daß die leichte Bevorzugung der Städter mit Lebensmittelkarten dieses Ungleichgewicht keineswegs ausgleicht, erkennt man an den ungezählten "Hamsterfahrten" der Chemnitzer auf´s Land zu den Bauern, wo unter dem Damoklesschwert quälenden Hungers goldene Uhren, Schmuck u.a. wertvolle Gegenstände gegen Mehl, Brot, Fleisch und Schmelzbutter eingetauscht werden. Auch angesichts der katastrophalen Wohnsituationen hat die Tbc in Chemnitz – wie auch in anderen Städten – nochmals Hochkonjunktur, beide Chemnitzer Lungenkliniken laufen auf „Hochtouren“. Der Nachkriegschefarzt der Glösaer Lungenklinik Karl-Marx-Stadt, Dr. Geyer, erhält alle Mittel und Vollmachten zum Aufbau einer modernen und mit allen technischen „Schickanen“ ausgerüsteten Lungenklinik und in diese Aufgabe kniet er sich rein ohne allen wenn und aber, infiziert sich dabei selbst mit Tbc, doch noch bevor der große Stern des geplanten Lungenheilparadieses steil aufsteigt, fällt er schon wieder vom Himmel herab, denn (glücklicherweise) sind Neuerkrankungen an Lungenschwindsucht unter Kindern/Jugendlichen erfreulich steil rückläufig, zu danken der inzwischen eingeführten Schutzimpfung, zu danken den inzwischen deutlich verbesserten ernährungsbedingten Verhältnissen

,zu danken den zunächst wenigstens etwas gebesserten Wohnverhältnissen (obwohl hier noch lange Probleme bestanden) und schließlich auch zu danken der Einführung sehr erfolgreicher medikamentöser Therapie-Optionen. Der so rasch gesunkene Behandlungsbedarf bei Kindern und Jugendlichen wird nun wieder voll und ganz von der Lungenklinik Borna im Kinderhaus mit Bravour gemeistert und das Loch, was dadurch in Glösa entsteht, versucht man hier zu stopfen mit der Etablierung einer urologischen Abteilung unter Chefarzt Dr. Witt, so daß man von der traditionellen urologischen Hochburg in Aue eine wenigstens teilweise Unabhängigkeit zu erreichen suchte. Doch diese „Mission“ wurde schließlich in`s Zeisigwaldkrankenhaus (heute Bethanien) umverlagert, die Reste der Lungenklinik Glösa werden noch bis etwa 1980 betrieben, doch dann ist´s aus mit Krankenhaus, es entsteht ein Pflegeheim. Chefarzt Geyer hält ihm als Vorsitz die Treue bis zu seinem altersbedingt rententechnischem Ausscheiden im 65.en Lebensjahr im Jahre 1985. Nach der Wende kommt besagtes Pflegeheim nicht mehr „durch den TÜV“, steht kurzzeitig leer, bis es von der Heim G.m.b.H. ausgesprochen erfolgreich weitergeführt wird und unter dessen Obhut es erfreulicherweise – recht geschichtsbewußt – weitergeführt wird, wie der Festveranstaltung zum 100. Jubiläum zu entnehmen war. Das obige Bild zeigt den Waldpavillon, in dem einst bei schlechterem Wetter Unterricht gehalten wurde - (sonst immer ganz im Freien !!! ) - trotzdem in waldreicher Umgebung, leicht beheizt und damit klimatisiert und die rundum großen Fenster vermittelten dereinst den erwünschten Anblick auf die ungetrübte Natur, die den latent befallenen Sprößlingen mit Schwindsucht dort mit gutem Grund nahegebracht werden sollte ... Trotz all dem auf und ab dieser bewegten 100 Jahre ist die Stätte den einst ihr anvertrauten Genrationen treu geblieben. Die Jahrgänge, die hier früher den Weg in ihr - trotz schwindsüchtiger Gefahren noch junges Leben antraten, können es heute in Würde auch wieder hier beenden.

Man findet diesen Pavillon, wenn man im Pflegeheim Glösa, vom Eingang aus den Hauptweg einfach immer weiter geht, bis in den angrenzenden Wald hinein.

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Taken on September 23, 2011