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Hundert Jahre Neues Rathaus Chemnitz - Tag der offenen Tür | by Uwe Kaufmann1
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Hundert Jahre Neues Rathaus Chemnitz - Tag der offenen Tür

Chemnitz jubelt, sein Neues Rathaus feiert das hundertste Jubiläum. Das Hurra von heute dürfte nicht spärlicher ausgefallen sein als das vom 2.9.1911, als das neue Ratsherren- und Bürgermeister-Domizil den Bewohnern der Stadt und ihrer Verwaltung übergeben wurde. Der lange Weg bis dahin war durchaus nicht glatt und eben, eher steinig und voller Hindernisse. Längst haderte unsere industriell bedingt rasch expandierende Stadt mit ausgesprochenem Mangel an verwaltungs-technischen Räumlichkeiten. Das ursprünglich Alte Rathaus, das in der heutigen steinernen Form Ende des 15. Jahrhunderts entstand, war für die damalige Einwohnerzahl im Vergleich zu anderen Städten damals vergleichbarer Größenordnung riesig und pompös, so daß dort auch alle möglichen anderen Räumlichkeiten, die eigentlich nicht in ein Rathaus gehören, dort untergebracht waren, so z.B. ganz früher die Gerichtsräume, später auch die Sparkasse, aber auch die Stadtbücherei und sogar ganz früher Lebensmittellager (besonders Getreide) für besonders schlimme Zeiten. Letztere gab es ja bei uns, wie auch in anderen alten Städten, mehr als genug. Brände, Kriege, Seuchen, Mißernten und Witterungsunbilden sorgten immer wieder für großes Leid und viele Todesopfer in unserer Stadt. Doch ausgangs des vorletzten Jahrhunderts eskalierte die Knappheit der Verwaltungsräume und immer mehr mußten verschiedenste Ämter und Behörden nach außerhalb vom Rathaus verlagert werden, das nannte man dann die sogenannten Stadthäuser. Eines der wichtigsten davon war das Falkehaus am Falkeplatz (benannt nach dem gleichnamigen Handschuhfabrikanten Bruno Falke, der unserer Stadt wiederholt ein dringend benötigtes Finanzspritzchen zukommen ließ, Chemnitz sogar als Universalerbe einsetzte) aber auch das um 1857 erbaute Gebäude des Real-Pro-Gymnasiums an der Poststraße (genau gegenüber des Apollotheaters mit dem Mosella-Saal, abgerissen 1912 für den Bau des neuen Warenhaus Tietz, das sich bis dahin am Johannisplatz befand, im ehemaligen Warenhaus Hermann Lesser). Bereits von Anfang an beherbergte die erwähnte Bildungseinrichtung auch stadtverwalterische Räumlichkeiten und mit dem Umzug des besagten Gymnasiums in die Reitbahnstraße Ende der 1870-er Jahre wurde das ehemalige Schulgebäude an der Poststraße von da an komplett als Rathausoption genutzt. Trotzdem langte es hinten und vorne nicht, immer mehr Amtsstuben mußten in verschiedenste Privathäuser (zur Untermiete) verlagert werden. Diese fast beispiellose örtliche Aufsplittung des Chemnitzer Verwaltungsapparates war nicht nur ein ausgesprochen mißlicher, sondern ein regelrecht unhaltbarer Zustand. Das modernste Kommunikationsmittel war das bereits erfundene Telefon, doch stellt Euch bitte nicht vor, daß man da einfach wählte und schon hatte man den gewünschten Gesprächspartner an der Strippe, nein nein, man mußte Zeit, Geduld und gute Nerven (zumindestens in der Haupttageszeit) aufbringen, bis man schließlich an eine Telefonistin kam, welche die Stecker des Anrufenden mit dem Stecker des Anzurufenden zusammenfügte. Mit dem 1891 neu erbauten Rathaus am Beckerplatz (im Krieg zerbombt, es stand kurz hinter dem Gebäude, welches heute Chemnitz Plaza heißt) hatte man ursprünglich gehofft, die bis dahin schon lange bestehenden Räumlichkeitsprobleme lösen zu können, doch jene Hoffnung erwies sich als trügerisch. Dieses neu geschaffene Rathaus am Beckerplatz soll sich schon während der Bauzeit den Anforderungen als unzulänglich erwiesen haben. Die heutige Auslegung als Fehlinvestition muß man im Kontext der damaligen Zeit sehen. Niemand konnte in jenen Jahren eine derartig rasch wachsende und so massiv aus allen Nähten platzende Stadt vorhersagen, das bis dahin Eingetretene hatte ja bereits alle Erwartungen haushoch übertroffen. Die dennoch gleichzeitig bestehenden finanziellen Engpäßlichkeiten in Übereinstimmung zu bringen mit den zunehmend anspruchsvolleren Erwartungen der Chemnitzer Öffentlichkeit und dem damit einhergehenden weiter rasch expandierenden Verwaltungsbedarf – das war eine Kunst, die damals - ganz offensichtlich - niemand konnte. Doch - … - einer konnte es - … - es war kein geringerer als (der kurz nach der Jahrhundertwende aus Dresden „importierte“) und bald zum Chemnitzer Chefarchitekten aufgestiegene - … - Richard Möbius. Obwohl wir auch eine ganze Reihe guter Architekten hatten, schafft nur er das scheinbar Unerreichbare. Abgesehen davon, daß er die überaus schwierige Aufgabe löst, die Petrikirche architektonisch einzubinden mit dem von ihm geschaffenen König-Albert-Museum und dem Opernhaus am Theaterplatz (ursprünglich als neues Schauspielhaus bezeichnet) bietet er die mit Abstand grandioseste Lösung des Chemnitzer Jahrhundertproblems an, den Bau eines wiederum Neuen Chemnitzer Rathauses, das „auf Jahrhunderte hinaus“ den Ansprüchen der Chemnitzer Stadtverwaltung genügen sollte. Dieses am 2.9.1911 übergebene Gebäude galt nun forthin als das Neue Rathaus, die bis dahin als Neues Rathaus geltende Einrichtung am Beckerplatz bezeichnete man nunmehr als das Alte Rathaus. So schien schließlich ein jahrzehntelanges Problem gelöst zu sein, doch diese Art „Friede“ währte nicht lange. Dem Bombenhagel des 2. Weltkrieges fiel auch das „Alte Rathaus“ am Beckerplatz zum Opfer (mit dem Becker-Denkmal) so daß man nun das ganz alte Rathaus am Markt nach mehr als 30 Jahren wieder erneut seiner ursprünglichen Funktion zuführt, nachdem beim Wiederaufbau kurzerhand noch ein Stockwerk mehr als beim historischen Vorbild eingefügt wurde, was aber kaum jemand gemerkt hat und scheinbar sogar vom Denkmalsschutz locker gesehen wurde ebenso wie die neuerliche Umsetzung des Judith-Lukrezia-Portals von der Seite an die Frontpartie des Saigerturmes vom alten Rathaus, wo es wesentlich besser zur Geltung kommt. In den Jubel zum 100. Geburtstag des alten steinernen Titanen stimme ich gerne mit ein und hoffe, daß sich die Tage offener Türen häufiger als bisher wiederholen mögen ...

Innenansichten sind hier zu finden:

www.flickr.com/photos/41569813@N03/sets/72157627509378679/

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Taken on September 4, 2011