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Maschinenfabrik Hermann Michaelis mit Dampfbus, Hunger-Hydraulik,  VEB Fahrzeughydraulik Karl-Marx-Stadt   Uferstraße 8 | by Uwe Kaufmann1
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Maschinenfabrik Hermann Michaelis mit Dampfbus, Hunger-Hydraulik, VEB Fahrzeughydraulik Karl-Marx-Stadt Uferstraße 8

Mit Volldampf voraus – hätte sich die einstige Vision von Hermann Michaelis erfüllt – dann wäre das seit gut 123 Jahren nicht nur der Startruf für Schiffe und Lokomotiven gewesen, sondern auch für Omnibusse und sogar für Pkw´s. Bis dato hatte der Motor „Pferd“ das absolute Transport-monopol und war derart allgegenwärtig und tief in den Köpfen der Menschen verwurzelt, daß man noch heute die Motorleistung auch der modernsten und schnittigsten Straßenflitzer geläufigerweise in PS angibt, obwohl längst „modernere“ Einheiten eingeführt sind.

Mit den traditionellen Kraftstoffen Hafer, Weizen, Gras, Heu und Stroh waren die seinerzeit mit nur wenigen „PS“ bestückten damals gängigen Transportfahrzeuge zu „betanken“ gewesen, allerdings auch an den Tagen, an denen sie gar nicht in Betrieb waren, unrentabel – nicht nur aus heutiger Sicht. Eine geniale Idee eigentlich, den Dampfantrieb, der die vielen qualmenden und schnaufenden Schienenrösser quer durch alle Ecken und Enden des Landes jagte und selbst die großen Dampfer jener Zeit über alle möglichen Weltmeere trieb, auch für den Transport auf den Straßen zugänglich zu machen, die weit außerhalb des damals noch spärlichen Schienennetzes lagen. Der Otto Motor, damals noch auf dem Reißbrett und damit „Quark im Schaufenster“ - noch war er Utopie, praxisnahe Alternativen scheinbar nicht in Sicht. Hier sah Hermann Michaelis (1839-1911), der eigentlich Zahnradmaschinen produzierte, „seine“ Marktlücke. Mit seinem neuen „Dampfkraftomnibus“ (ganz ähnlich angetrieben wie eine Dampflokomotive, mit Kolben und Pleuelantrieb, nur eben auf der Straße statt auf der Schiene) sorgte der inzwischen zum Direktor des Chemnitzer Maschinenbau-Vereins Aufgestiegene für Aufsehen, wenngleich ihn auch die Wirklichkeit bald wieder einholen sollte. Der Dampfkraftbus, man muß ihn sich vorstellen wie eine Dampf-Lokomotive auf der Straße, soll mächtig gequalmt, gepufft und für vielerlei andere Belästigungen verantwortlich gewesen sein, er „erschreckte Pferde sowie Kinder und Alte zu Todte“ so eine zeitgenössische Beschreibung und sein riesiges Gewicht führte auf den bei weitem noch nicht überall befestigten Straßen zum Einsinken der Räder, besonders bei Regen. Man muß sich das eben vorstellen wie eine Dampflok, die mitten durch die Straßen kurvt. Was er vor allem nicht bedacht hatte, (nach mehr als 100 Jahren kann man da freilich gut reden) war das katastrophal schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis (wie man das heute nennt), mit fast demselben Energie- und Personalaufwand wie bei einer normalen Dampflok quälte sich der Kohle-Bus mit gerade mal 2 Dutzend voll Passieren mit kläglichen15-20 km/h durch die Gegend, während der damals schon existierende Schienenbetrieb das dreifache an Geschwindigkeit und fast das sechsfache an Fahrgästen befördern konnte. Doch der Genickbruch dürfte der wenig später in Serie gegangene Benziner gewesen sein, der wesentlich kleiner, leiser, leichter und schneller die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllte und auch nicht erst lange vor Fahrtantritt „auf Dampf gebracht“ werden mußte (das konnte ein bis zwei Stunden dauern). Daß dies nicht der totale Bankrott für den Dampf-Bus-König war, verdankte er mehreren Eisen, die er im Feuer hatte, so u.a. dem Zahnrad- und Textilmaschinenbau. Sogar eine Eisengießerei konnte er sein eigen nennen, die zwar hauptsächlich firmeneigene Bedürfnisse befriedigte, aber auch kleinere Fremdaufträge annehmen konnte. Doch nach seinem Tod wurde es zunehmend eng, (die Firma wurde zunächst von seinen Söhnen eine zeitlang weitergeführt) doch spätestens zu Beginn der 20-er Jahre, als die Moll-Werke das Betriebsgelände (als Nebenwerk) übernahmen, hatte die Firma Michaelis aufgegeben. Dennoch blieb der Industriekomplex bis zuletzt immer auf irgendeine Art dem Fahrzeugbau treu. Die besagten Mollwerke brachten das sogenannte Moll-Mobil auf den Markt, ein winziges zweisitziges offenes Fahzeug und so schmal, daß Fahrer und Mitfahrer hintereinander sitzen mußten. Das Auto des kleines Mannes sollte es werden, doch mit seinen – wirklich niedrig bemessenen – 1500 Reichsmark konnten sich das trotzdem die wenigsten Otto-Normalverbraucher leisten und es setzte sich nicht durch. Außerdem war da noch die dicke Konkurrenz des „Wanderer-Puppchen“s, ein Mini Pkw mit ähnlichem Anspruch und wohl auch vergleichbarer Preislage, aber überdacht und etwas breiter gebaut, so daß die beiden Insassen nebeneinander sitzen konnten, dadurch hielt sich das Puppchen in abschüssigen Kurven besser als das schmalbrüstige (und damit kippfreudige) Moll-mobil. In der Uferstraße produzierte Moll allerdings nur einzelne Fahrzeugteile sowie Zahnräder, Getriebe und sogar Küchenmaschinen. In die Weltwirtschaftskrise fiel dann auch das Aus für die Mollwerke, das Fabrikgelände an der Uferstraße, danach vom Rasmussen-Imperium (Auto-Union) übernommen, wurde dann alsbald für Rüstungszwecke herangezogen – änderte trotzdem zunächst seinen Namen nicht.

Nach dem Krieg begann dann so nach und nach die Verknüpfung der Uferstraße 8 mit der Hunger-Hydraulik. Walter Hungers Karriere begann im Verborgenen, am 4.4.1925 in Chemnitz geboren, die Mutter außerstande, ihn groß zu ziehen, vom Vater gleich gar keine Rede, wächst er in verschiedenen Pflegefamilien auf, imponiert dort aber immer wieder durch außergewöhnliche Talente. Die Kindheit des gelernten Schmieds dürfte somit nicht ganz ungetrübt gewesen sein. Doch – inzwischen 20-jährig - „schießt“ es ihm in den Kopf, sich selbstständig machen zu wollen, ausgerechnet in einer Ära, in der alles nach Kollektivierung und Volkseigentum schreit. Doch er schafft das Außergewöhnliche seiner Zeit, baut (unter unbeschreiblichen Mühen und Widrigkeiten) eine alte Sägewerksmühle in Frankenberg (bei Chemnitz) zu seinem Stammbetrieb aus und übernimmt auch – irgendwann Ende der 40-er, Anfang der 50-er Jahre – das obige Fabrikgelände an der Uferstraße 8. Seine Genialität und Einzigartigkeit hatte man ganz offensichtlich auch in der DDR-Führungsclique erkannt, man läßt ihn also zunächst „machen“, um ihm dann (so Ende der 50-er Jahre) zu eröffnen, daß er all seine Patente und – heute würde man sagen – sein know how – an den DDR-Staat hin zu geben habe, im Gegenzug hierfür avisiert war eine bedeutende Ehrung, welcher Art diese auch immer gewesen sein mag. Hunger hatte bis dato seine kleinen VEB-Kollegen im Sturm in den Schatten gestellt, den mittleren erfolgreich Paroli geboten, die größeren unter ihnen zumindestens „am Bart gezupft“ klar, daß er damit im Kontext der damaligen Zeit zunehmend Unbehagen erzeugte. Doch trotz seines Enthusiasmus und seiner immer noch jugendlichen Einordnung erweist er sich als weitsichtig genug, zu erkennen, was die Stunde geschlagen hatte. Gerade noch rechtzeitig gelingt es ihm, sich mit einem Teil seiner engsten Gefolgsleute und mit seinen wichtigsten Unterlagen in den Westen abzusetzen. Doch nicht alle seiner hochkarätigen Mitarbeiter begleiten ihn auf diesem Weg, ihr inzwischen angesammeltes geistiges Wissen kann er ihnen nicht nehmen, welches dafür sorgt, daß der aus ihm hervorgegangene VEB Fahrzeughydraulik Karl-Marx-Stadt – zumindestens die ersten Jahre – sagen wir mal, wenigstens Schritt hält mit der im Westen aus der Taufe gehobenen Hunger-Hydraulik. So ist man diesbezüglich auf Westimporte nur sporadisch angewiesen, doch eine ganze zeitlang fließt (wahrscheinlich bis zum Auslaufen irgendwelcher Patente) mit jedem hier konstruierten Hydraulik-Aggregat (vorzugsweise zum Kippen von LKW-Ladeflächen) ein „hartes Märklein“ in den Westen (so nannte man damals die – knappen – Devisen, im saloppen Amtsdeutsch jener Zeit auch als NSW bezeichnet, also „nichtsozialistische Währung“). Dann war es lange Zeit hierzulande still um ihn geworden, in Vergessenheit ist er aber nicht geraten. Ein vor Jahren vom Zaune gebrochener Skandal erweist sich offensichtlich als unbeweisbar und - schmälert sein Renommee´ nicht wirklich. Noch bevor sie Bundeskanzlerin wurde, würdigt ihn Frau Dr. Merkel (damals Umweltministerin) mit dem Umweltpreis des Bundesverbandes der deutschen Industrie auf eine besondere Weise und sogar die TU Chemnitz verleiht ihm ihre „hauseigene“ Ehrendoktorwürde und weil aller guten Dinge drei sind, kam wenig später noch das Bundesverdienstkreuz hinzu. Nach neueren Informationen ließen zuletzt die Barkas-Werke dort ihre Hydraulik-Bremsen herstellen und hatten bis zur Schließung des Geländes noch eine Schweißerei dort betrieben.

Innenansichten sind hier zu finden:

www.flickr.com/photos/41569813@N03/sets/72157626598726402/

 

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Taken on August 1, 2010