new icn messageflickr-free-ic3d pan white
Leave | by h.koppdelaney
Back to photostream

Leave

Leave

 

HKD

 

Lass den Vogel fliegen

 

„Ich überwand die Sinnlosigkeit, als ich erkannte, dass es ein Ziel gibt, wofür es sich wirklich lohnt zu streben: Selbsterkenntnis.“

Der mit ihr im Zugabteil reisende Zuhörer nannte sich Kevin, war über Mitte dreißig und gehörte zu ihrem engeren Freundeskreis. Sie hatten sich einige Monate nicht gesehen, und ihm war aufgefallen, dass Sandy eine neue Schwingung ausstrahlte, weshalb er vor ein paar Minuten gefragt hatte, ob sie verliebt sei. Ihre Antwort war positiv ausgefallen, doch hatte sie klargestellt, dass es sich um niemanden anderen handele, als sie selbst.

„Ich bin endlich in mich verliebt“, hatte sie gesagt. „Verliebt in die Aussicht, dass mich die reife Selbstliebe von meinen neurotischen Vorstellungen erlöst.“

Kevin hatte nachgefragt, ob sie ein Beispiel geben könne, und sie zählte eine ganze Reihe auf: „Ich bin misstrauisch und verkrampft, ich habe vor bestimmten Dingen Angst, ich verurteile, kritisiere, bin nachtragend und lehne all das an mir auch noch ab.“

Beide schwiegen einen Augenblick, dann meinte Kevin, irgendwie gelte das alles auch für ihn und es falle ihm manchmal schwer, den Kopf über Wasser zu halten.

„Ich weiß“, sagte Sandy. „Ich benötigte immer interessantere Ereignisse, um mich ablenken zu können. Aber all die künstlichen Ziele und Highlights wurden immer schaler. Ich glaube, sinnloser ist ein besseres Wort.“

Mit einigen Sätzen beschrieb sie ihren vierzigsten Geburtstag und ihre melancholischen Anfälle.

„Ich habe aber in den letzten zwei Jahren viel gelesen. Mir ist klar geworden, dass es einen höheren Sinn für meine Existenz gibt. Selbsterkenntnis ist das einzige Ziel wofür es sich wirklich lohnt, zu streben. Selbsterkenntnis führt ins Herz, in den Frieden, die Freiheit. Dafür muss ich meine alten Ego-Einstellungen durchschauen und auf ihre Antriebskräfte verzichten.“

„Hast du ein Beispiel?“ fragte Kevin.

„Streben entspringt einer Begierde. Ich strebe jetzt nach Selbsterkenntnis. Vorher habe nach Dominanz gestrebt, nach Lust, nach Selbstdarstellung. Das alles sind Energien, die das Ego erzeugen. Wenn diese Motivationskräfte meinen Geist nicht mehr beherrschen, bin ich frei und kann fliegen. Meine Gier nach Lust bindet mich noch an bestimmte Ebenen der Erfahrung. Mein Alltag hatte eine starke hedonistische Komponente. Folglich habe ich viel Zeit mit bestimmten Spielen verbracht. Würden sie mich noch befriedigen, wäre ich nicht für Melancholie anfällig gewesen. Aber die Vergnügungen wurden leer. Jetzt weiß ich immerhin, warum. Die Energie sollte einem neuen Ziel zufließen: Selbsterkenntnis. Ich weiß jetzt, dass der Weg für mich der richtige ist. Darum lese und forsche ich weiter.“

„Dein Sprung in einen neuen Lebensabschnitt macht mir Hoffnung“, sagte Kevin. „Ich eile ebenfalls auf die magischen Vierzig zu. Noch knapp vier Jahre. Und ich bemerke, dass mir bestimmte Dinge keinen Spaß mehr machen. Wer hat dich auf diesen neuen Weg gebracht?“

„Ich lag drei Wochen im Krankenhaus und teilte das Zimmer für achtzehn Tage mit einer Astrologin. Diese Frau hat mir ein Wissen offenbart, zu dem ich bisher keinen Zugang hatte. Meine OP hat mein Leben verändert. Erst haderte ich mit meinem Unfall. Warum ausgerechnet ich? Jetzt sehe ich mein Schicksal schon ganz anders.“

„Böses schafft Gutes“, sagte Kevin.

„In meinem Fall ganz bestimmt“, antwortete Sandy. „Aber es liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor mir. Ich muss mich noch von sehr anhänglichen Vorstellungen trennen. So glaube ich immer noch, es könne mit meinem Ex noch einmal klappen. Dabei repräsentiert er die alte Welt, aus der ich mich verabschiedet habe. Mein Ex würde mich auslachen, wenn ich ihm mit Selbsterkenntnis kommen würde. Ich werde noch ein paar alte Vögel an die Luft setzen müssen, damit mir neue Ideen zufliegen können.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

25,335 views
31 faves
33 comments
Taken on June 17, 2012