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Vortex | by h.koppdelaney
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Vortex

Burble

 

HKD

 

Schwindelige Blicke

 

Er habe nur ein paar Einkäufe in der Großstadt erledigt und sei auf dem Weg nach Hause. Für ihn dauere die Zugfahrt nur noch ein paar Minuten, sagte er zu der ihm gegenüber sitzenden Frau, die ihren Säugling auf dem Schoß schaukelte und dem älteren Mann auf seine Fragen nach Alter und Geschlecht des Kindes geantwortet hatte, dass es ein Junge sei, genau acht Monate alt.

„Ein Junge!“ freute sich der Mann. „Ich bin Opa von vier Mädchen. Wie gern hätte ich auch einen Jungen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Meine jüngste Tochter hat gerade erst geheiratet und freut sich auf Kinder.“

„Ich mich auch“, sagte die junge Mutter- „Ich möchte allerdings noch ein Mädchen.“

Die beiden unterhielten sich eine Weile über Kinder und der Mann gab Tipps zu ihrer Erziehung.

„Meine älteste Enkelin ist neun und geht noch regelmäßig mit mir im Wald spazieren. Sie ist überzeugt davon, dass dort kleine Wichte und Kobolde leben, die sie manchmal ärgern oder verzaubern.“

„Ihre Enkelin hat eine rege Phantasie“, sagte die Frau.

„Das kann man wohl sagen. Sie spricht mit Waldgeistern und schimpft mit ihnen, wenn sie ihr wieder Streiche spielen.“

Die Frau ließ sich ein paar Beispiele geben und fragte, ob alle seine Enkelinnen grundsätzlich einen Kontakt zu Naturgeistern hätten.

„In erster Linie nur Katja“, antwortete der Mann. „Die anderen haben keinen besonderen Draht zur magischen Welt. Sie sehen auch ganz normal.“

„Wie meinen Sie das?“

Der Mann erläuterte nun, dass seine Enkelin manchmal von einem schwindeligen Blick berichtet, wo sich alles ein wenig zu drehen scheint.

„Das machen dann die Kobolde“, sagte der Mann. „Das geht immer wieder schnell vorbei. Vor allem, wenn sie mit denen schimpft.“ Er lächelte und erzählte eine kleine Geschichte, wie er eines Tages durch den Wald ging und seine Enkelin etwas hinter ihm zurückgeblieben war.

„Plötzlich hörte ich sie schimpfen und diskutieren.“

Er habe sich umgedreht und noch deutlich gehört, wie sie sagte: Ich will das nicht wissen. Als sie dann zusammen weitergingen, habe er sie gefragt, was denn los gewesen sei und habe erfahren, dass sie wieder den schwindeligen Blick hatte.

„Sie konnte sehen, was ich in meiner Einkaufstasche hatte. Hier, es war dieser rote Beutel.“

Der Mann hielt die Tasche hoch.

„Katja sagte mir genau, was in dem Beutel war. Tee, Zucker und Haferflocken. Ich hatte diese Dinge tatsächlich unterwegs gekauft, während sie noch in der Schule war.“

„Ist das Hellsehen?“ fragte die Frau.

„Ich weiß es nicht“, entgegnete der Mann. „Meine Tochter hat einen Psychologen konsultiert und dieser hat sie beruhigt. Und tatsächlich gehen Katjas schwindelige Blicke immer weiter zurück. Vor zwei Jahren sprach sie noch alle paar Tage davon. Jetzt nur noch einmal im Monat. Wir haben uns daran gewöhnt und behandeln das irgendwie als normal.“

„Das geht von alleine weg?“ fragte die Frau.

„Mit wachsender Vernunft“, sagte der Mann. „Der Psychologe hat das mit der rechten und der linken Gehirnhälfte beschrieben. Visionen seien für kleine Kinder zum Teil noch möglich, weil die linke Gehirnhälfte die rechte noch nicht eingeholt hat. Wenn der Verstand diese Sachen nicht mehr für möglich hält, dann verschwinden sie ganz.“

„Wenn ihre Enkelin erwachsen ist, sind auch ihre Fähigkeiten verschwunden?“

„Meine Tochter hatte während ihrer Kindheit auch eine ausgeprägte Phantasie. Sie arbeitet jetzt halbe Tage in einer Anwaltskanzlei. Da geht es um reine Fakten und Gesetze. Sie ist sehr nüchtern geworden. Manchmal finde ich das etwas schade. Aber ich habe ja noch Katja und ihre gelegentlichen schwindeligen Blicke.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on November 30, 2011