Kreta - Archäologisches Museum Heraklion von M.R. Hopfner © 2013
Hat in Kreta auf Grund seiner geographisch isolierten Lage als Insel eine archaische Form des schriftlosen Muttergottheit-Fruchtbarkeits-Kultes ueberdauert und dann auf diesen Grundlagen - zeitgleich mit den umgebenden Hochkulturen im Osten/Mesopotamien und Sueden/Aegypten - die - eigentstaendig erarbeitete - Entwicklung in eine Hochkultur (Zeit der Palaeste) vollzogen? Gibt es - wegen des archaischen Charakters der Kultformen und deren ritueller Vollziehung - keine Tempel wie auch keine schriftlichen Aufzeichnungen der heiligen Texte? Ist hier noch die Praxis schriftloser Kulturen im ausschliesslich muendlichen Tradieren der heiligen Texte wirksam? Dies sind wenige der vielen Fragen, welche ich mir bei meinen Begegnungen mit Kreta vor Ort und in der Literatur immer wieder stelle. M.R. Hopfner, Okt. 2009.

Fragen ueber Fragen: Hat die sogenannte "minoische Katastrophe" infolge verheerender Naturkatastrophen - Erdbeben, Vulkanausbruch auf Thera/Santorin - und die mit ihnen einhergehenden sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Veraenderungsprozesse auch jene Umwaelzungen auf Ebene religioeser Sinnkonzeptionen und -konstruktionen von weiblich dominierten kulturell-religioesen und gesellschaftlichen Gefügen im weitesten Sinn zu männlicher Dominanz in diesen Bereichen mit allen Folgewirkungen auf sämtliche gesellschaftlichen Bereiche? War somit die "minoische Katastrophe" in der gesamten Region ihres kulturellen Einflußbereiches einer DER wesentlichen Impulse für die abrupte oder laengerfristig prozesshafte Umwandlung von Religion und Gesellschaft in patriarchal dominierte Strukturen? Oberster Gott im griechischen Götterhimmel wurde der männliche Zeus, der zuvor Begleiter der Grossen Goettin als Fruchtbarkeitsgott war. Und auch der Exodus der Israeliten aus Aegypten erfolgte unter der alleinigen Berufung auf einen einzigen - männlich dargestellten - Gott, der in der biblischen Version noch dazu ausserhalb von Raum und Zeit angesiedelt wird. Gab es auch hier mentale Einfluesse, die einige ihrer Wurzeln in den gesellschaftlichen Umwaelzungsprozessen in Folge des - sich unter Umständen auch laenger hinziehenden - Zusammenbruches der minoischen Hochkultur hatten? Eine der auffallendsten Parallelitaeten der beiden Kulturen im bronzezeitlichen ostmediterranen Kulturraum ist die Übergabe des gottgegebenen Gesetzes an die Menschen auf dem heiligen Berg (wobei Berge in zahlreichen Kulturen als Sitz der Goetter angesehen wurden/werden) - in Kreta an Minos auf dem Ida und an Moses am Sinai. Schliesslich wurde im östlichen Nildelta in der Palaststadt Avaris, also in der Region Ägyptens, welche die Bibel mit dem Exodus der Israeliten in Zusammenhang bringt, ein minoisches Stierfresko ausgegraben, was darueber Zeugnis ablegt, dass der minoische Einfluss auf tragender kultureller Ebene jedenfalls bis nach Aegypten reichte. Musste wegen der so wohl erlebten ungeheuren "Zerstoerungswut" der Grossen Mutter (Erde, Himmel, Meer) diese und damit "das Weibliche" ueberhaupt "unter Kontrolle" eines nunmehr ueber, ja allmaechtigen maennlichen Gottes gestellt werden - wobei diese kontradiktorische theologische Engfuehrung auf den einen und einzigen G'tt und keinem ausser diesem m.E. auch wegen des Befreiungsprozesses aus niedrigster gesellschaftlicher Unterdrueckung in die Befreiung und Freiheit im gelobten Land, in dem Milch und Honig fliessen (sic - draengen sich da nicht Amaltheia und die Bienen von Malia als Assoziationen auf?) . Eine Freiheit, die nur moeglich werden kann und wird, wenn auch eine radikale geistige Abloesung von saemtlichen bis dahin gueltigen normativen Korsetten, die die Unterdrueckung bislang mit fundiert haben, erfolgt. Und: Wer der Sklaverei entkommen und in die Freiheit wollte, hatte wohl keine andere Moeglichkeit, als sich an die allerhoechste goettliche Instanz als Buendnispartner und Schutzmacht zu binden.
Waren diese religioesen und sozio-kulturellen Neuorientierungen sowie Neukonzeptionierungen menschliche Antworten auf die traumatisierenden Folgen der alles zerstoerenden Naturereignisse, auf die "Tatsache", dass die - zumindest auf Kreta - ueber Jahrtausende verehrte "Grosse Mutter" (Und handelt es sich hierbei moeglicherweise um eine Vorform des spaeteren biblischen Monotheismus, zumal diese alles ueberragende weibliche Gottheit auch in verschiedenen Gestalten verehrt wurde?) - Erde, Meer und Himmel - buchstaeblich ihre Kinder "aufgefressen" hatte - denn wie anders konnten die Menschen damals die vernichtende Wucht von ungeheuren Flutwellen, Feuer- und Ascheregen vom Himmel, donnerndes Grollen und Wanken und Aufbrechen der Erde wohl deuten?! Konnte denn einer solchen zentralen weiblichen göttlichen Sinngebungsgestalt noch existentielles Grundvertrauen entgegengebracht werden? Ist moeglicherweise gar der kinderfressende Kronos eine metaphorische Reminiszenz an das katastrophische Geschehen, welches im Denken und Empfinden der in "grauer Vorzeit" betroffenen Menschen die Grosse Mutter ueber diese hereinbrechen liess?! Und: War - wie von manchen Wissenschaftern vertreten - Platons Atlantis jener "literarische Ort" der Antike, wo die Erinnerung an die minoische Hochkultur aufgehoben wurde. Hat Platon Atlantis deshalb "jenseits der Säulen des Herakles" (Gibraltar) positioniert, um auf mehreren Ebenen Raum zu schaffen zwischen dem realen geographischen Ort der "minoischen Katastrophe", in welchem die Menschen schliesslich weiterleben mussten und nicht mit der konkreten Erinnerung an einen tatsaechlichen "Weltuntergang" leben konnten, und den mytologisierten geographischen Ort der Erinnerungsfigur Atlantis? Räumliche Distanz als psychischer Selbstschutz?! M.R. Hopfner, Februar 2010.

Mehr Informationen zu Kreta auf meiner Homepage: Kreta – Mein erstgeborenes Land
en.wikipedia.org/wiki/Minoan_civilization
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