book object![]() bilingual toiletpaper book object: illja sin "nobelpreisvorlesung". made in 2006 for chemnitz event "absent belarussian art". near 30 exemplares. here is german text:
illja sin NOBELPREISVORLESUNG (Auszüge) Das Land, in dem es mir beschieden war, geboren zu werden, assoziiert die Mehrheit der Bewohner der freien Welt mit unermesslich großen Sümpfen, Quadratkilometern von Urwäldern sowie Vurblisken, sehr eigentümlichen Lebewesen, die diesen Landstrich bevölkern.(Was die letzteren betrifft, so handelt es sich um von der internationalen Wissenschaft bislang wenig erforschte Kreaturen - zur Hälfte Mensch, zur Hälfte Baum -, von denen jede acht Köpfe und drei elefantenartige Rüssel unterschiedlicher Länge besitzt.) Gerade unter einem solchen eigentümlichen Tarnnamen ist meine Heimat in den Annalen der Weltgeschichte und Weltkultur verzeichnet, und vor allem im Zusammenhang mit den oben beschriebenen Erscheinungen nimmt der einfache Bewohner Mittel-, Nord und Nord-mitteleuropas dieses kleine, von einer grauen Weite von Bergen blokierte Land wahr. Leider Gottes, doch vielleicht auch zum Glück kann ich mich meiner für jeden durchschnittlichen Belarussen typischen gebirgigen Herkunft nicht rühmen. Meine Ahnen waren keine unerschrockenen kolonisierenden Seefahrer, die irem Imperium eine von Ureinwohnern bevölkerte Insel nach der anderen anschlossen, noch Bewohner unterirdischer Tunnel. Meine Großväter und Väter, wie auch ich selbst, wurden in einer Wüste geboren und großgezogen, wo den Platz altertümlicher dreißigstöckiger Schlösser ärmliche Hütten von Ackerbauern einnehmen, errichtet von mit menschlichen Haaren gemischter Asche, und anstatt üppiger Palmen wächst vergilbtes Gras. Im Allgemeinen wissen nur wenige der hier Versammelten, dass ein bedeutender Teil des belarussischen Volkes genau dort beheimatet ist, im namenlosen, von der Zivilisation vergessenen Sand, der sich in nördlicher Richtung von Minsk aus erstreckt und seinen Ursprung buchstäblich nur einige Kilometer vor den Toren unserer Hauptstadt nimmt.Obwohl das,wie seltsam das auch sein mag, genau so ist,so bin ich doch durch die durchdringend taube Bildhaftigkeit meiner Gedichte und durch ihre dem Aroma eines angefaulten Apfels gleichen Stimmungen gerade diesen völlig gewöhnlichen Realien des Daseins der Bewohner dieser Wüste selbst verbunden - der Bewohner jenes Ortes, wo die Sonne zweimal am Tag aufgeht und die Nacht einmal in zwei Wochen hereinbricht, indem sie auf ihren Flügeln die Feuchtigkeit der Entleerung eines grünen Mondes bringt. Jedoch nicht nur die ewige unerträgliche Schwermut stellt einen typischen ontologischen Charakterzug der Bewohner dieser Gefilde dar. Ihre durch alltägliche Prozeduren durchdrungenen Tage erschüttert von Zeit zu Zeit ein Blitz von Freude und wohltuender Beruhigtheit.In unterschiedlichen Dialekten unseres Stammes hat dieser unterschiedlichen Benennungen, aber sie alle bezeichnen ein kleines Vögelchen vom Umfang eines Wasserschlauches - einen dreiköpfigen Kolibri.Mein Vater, ein Dorfschullehrer und geborener Intellektueller, liebte es sehr, mit ruhigem, entzücktem Ausdruck auf dem Gesicht diese zierlichen und fast unirdischen Wesen zu beobachten, die in unserer Gegend sehr selten auftauchten,höchstens einmal im Jahr, und dann auch nur für einige Tage, wenn in den Minsker Stadtteilen Nordwest und Nordost starker Frost aufkam. Diese Vögel brachten uns wie der von Selbsttaufopferung erfüllte Prometheus jenes Glück, welches sie das Leben kostete, an dem uns so viel lag. Leider fehlte den Vertretern dieser höchst eigenartigen und für die Wüstenfauna ungewöhnlichen Art himmlischer Geschöpfe(aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet ihr Name grünes Messer) auf unserer unglückseligen Erde das tägliche Brot, und, da sie das für das Überleben notwendige Futter nicht fanden, starben sie bald. In dem Bemühen, ihnen ihr ungewöhnlich tragisches Schicksal zu erleichtern, versuchten mein Vater und bald darauf auch meine Schwester, das Leben dieser Vögel zu verlängern, indem sie sie mit Stücken ihres eigenen Leibes fütterten. Das half jedoch wenig, und der Grund dafür lag offensichtlich in einer außergewöhnlichen Blutbeschaffenheit der Bewohner unseres Landstriches, die unvereinbar schin mit allen anderen Arten biologischen Lebens auf der Erde. Die Leichen dieser kleinen Vögel sind so leicht, dass sie nicht auf die Erde fallen, sondern für immer in der Luft erstarren (...). *** Es gibt nichts Verwunderliches darin, dass in meinem Leben das Essen immer eine große Rolle spielte. Sein Genuss bedeutet für mich nicht nur ein mechanisches Verschlucken von Schaben und Raben, die man gewöhnlich mit elektrischem Strom aus Hochspannungsleitungen tötet, weshalb einzelne Organe ihrer Körper noch weiterzucken, nachdem sie in den Mund gelangt sind. Essen ist für mich etwas Größeres - eine besondere Art der Beziehungen mit der Umwelt, die Möglichkeit einer tieferen Wahrnehmung der Wirklichkeit und des Vordringens irgendwohin weiter, in unbekannte Räume, die einem großen Topf zum Wäschewaschen ähneln, der von innen schon ein bisschen verrostet ist. Dort war es ein wenig nass, denn die unebenen Wände dieses Gefäßes enthielten immer ein paar Tropfen Feuchtigkeit. Und außerdem noch... Dort flogen nackte, haarige Männer, glatzköpfig und mit Schnurrbärten. Erst viel später begriff ich, dass der wirkliche Name dieser halbrealen Räume in der Sprache einfacher Sterblicher als Poesie klingt. Solche Geschöpfe wie Raben waren zweifelsfrei für unsere Umgebung eine große Seltenheit. Denn Sie wissen schon, diese Vögel lieben die zärtliche Sonne des Südens, und ihre klapprigen Flügel vertragen die Last von Schnee nicht, der bei uns fast das ganze Jahr hindurch fält. Und daher begaben wir uns - mein Bruder, meine Schwester und ich, oft auch unsere Tante im Schlepptau - alle zwei Monate dorthin Essen zu kaufen, wo es viel billiger war als in unserer Gegend. Es ist mir in Erinnerung, dass man irgendwo im Süden des Kreises Baranavičy ein ganzes Wildreservat erschuf,wo die besten Raben von Belarus gezüchtet wurden und an Gewicht zunahmen. Das riesige weite Gebiet war mit Stacheldraht umzäunt, die Härte in den Gesichtern der Wächter aus der Sonderabteilung der Armee des Innenministeriums der Republik Belarus beschützte sie vor Übergriffen von Übeltätern. Aus unserem ganzen Land schleppten sich unheilbar kranke Tiere wie Menschen dorthin - alte Hunde mit abgeschabtem Fell, zahnlose Pferde, nicht zu Ende gekauten Hühnerbeinen gleichende Großmütterchen, riesenköpfige Kinder mit merkwürdigem Gesichtsausdruck. Im Laufe der Zeit starben sie alle ohne besondere Hilfe, wodurch sie die Raben mit unendlich viel Aas versorgten. Es stand ein solcher Geruch in dieser Gegend, dass die Raben in ganzen Schwärmen dorthin flogen. Das Fressen reichte dort für alle aus, und die Raben, die in dieses speziell für sie hergerichtete Paradies gelangten, wurden so schwer vor Sattheit, das sie gar das Fliegen verlernten. Deshalb stellte es keine besondere Schwierigkeit dar, diese Vögel mit Hilfe elektrischen Stroms zu töten. Die Körper der Raben wurden gleich hier verkauft, auf einem kleinen Markt neben dem Haupteingang des Reservates. Die Preise dafür müssen wohl in ganz Belarus am niedrigsten gewesen sein, und daher kamen die Menschen sogar aus weiter Ferne dorthin angereist, um Essen zu hamstern. Zwar versuchten einige unternehmerische Staatsbürger, solche wie zum Beispiel mein Onkel, dieses Staatsmonopol zu durchbrechen und selbst mit Rabenzucht zu betreiben, aber es kam nichts Gutes dabei heraus. Es entstanden viele Probleme, und diese betrafen vor allem den Erwerb von Kadavern, der unerläßlich war, um die Vögel anzuloken. Hinzu kam, dass die runzlige Hand meiner Großtante, die mein Onkel auf dem Dachboden seines Hauses befestigt hatte, ziemlich stark zu stinken begann, nachdem sie ein paar Wochen dort gehangen hatte. Und zwar so sehr, dass mein Onkel sich bereit erklärte, den Köder einem Nachbarn zu verkaufen, indem er ihn durch einen neuen ersetzte (wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, handelte es sich um die rechte Hand meiner Großmutter, denn die linke bekam der Nachbar. Obwohl ich mich möglicherweise auch irre, und der Nachbar erhielt die rechte Hand, während mein Onkel aus dem Gefrierschrank die linke holte).Ja, aus dem Gefrierschrank, denn den zerstückelten Körper meiner von ihm selbst vergifteten Großmutter legte mein Onkel in eines seiner Eisfächer - ich glaube, in das, welches sich bei ihm im ersten Stockwerk befand. Man kann sich also vorstellen, wie verzweifelt mein Onkel war, nachdem er gesehen hatte, dass ausgerechnet diese halb zersetzte Hand nach dem Verkauf an den Nachbarn, an dessen Dach befestigt, die schärfste Aufmerksamkeit einer großen vorbeifliegenden Rabenfamilie anzog. Durch das frische und noch nicht vollends aufgetaute Fleisch ließ sich keiner der Vögel verführen. Mein Vater war vom Gedanken selbst weit entfernt, solche Experimente in die Wege zu leiten, - zumal sich Raben, wie gesagt, nicht so häufig in unser Gebiet begaben, wie sehr man das auch wünschte. Und aus diesem Grunde war man am häufigsten gezwungen, das Essen käuflich zu erwerben,obwohl es manchmal auch glückte, etwas zu stehlen. Aber jenes Gebiet, die Zone bei Baranavičy, wurde äußerst sorgfältig bewacht. Jeder, der sich mit unschönen Absichten dorthin begab und von den Wächtern - recht wilden Onkeln mit grünen Mützen und Bärten unwahrs- cheinlichen Ausmaßen - ertappt wurde, wurde selbst zum Köder für die Raben. Allerdings geschah das nicht sofort, denn, wie wir bereits oben festgestellt haben, bevorzugen diese Vögel ganz offensichtlich verwestes Fleisch frischem. Wenn die Raben zur Hungerstillung nicht sofort nach dem Erwerb roh verzehrt wurden, wenn unsere Hände sie nicht in Stücke rissen und unsere knochigen Finger sie nicht in unsere gierigen Münder stopften, gelangten sie gekocht zubereitet auf den Tisch. Überaus gut vermochte meine Mutter diese Vögel zuzubereiten. Sie grub sie ganz in heißen Sand ein und vollführte an dem Ort, an welchem sich ein keiner Hügel gebildet hatte, alte rituelle Tanze. Im Ergebnis wurden die Vögel wiederbelebt und in eben dieser Art gebacken, was sie gleich viel schmackhafter machte. *** Ein besonderer Zeitabschnitt in meinem Leben waren jene acht Jahre, in denen ich in der Fabrik arbeitete. Ich erinnere mich an fast nichts aus jener Zeit, daher müssen Sie, meine Damen und Herren, mir gewisse Ungenauigkeiten und Wiedersprüchlichkeiten in meinen nun folgenden Erinnerungen verzeihen. ...Ich erinnere mich riesiger, aus Spiegelglas errichteten Bauten. In diesem Glas wurde stets die frische Frühlingssonne reflektiert, doch wenn die Sonne nicht schien oder es nicht Frühling war, bedeckte man das Glas mit einer dicken Schicht Vogelfett, mit einer so dicken, dass man es sogar abkratzen, aufs Brot schmieren und essen konnte. Unser Vorgesetzter war sich sicher, dass Hühnerfett und Sonne Dinge ein und derselben logischen Reihe seien. Heutzutage fällt es mir schwer zu sagen, womit sich jene Firma, in der ich tätig war, beschäftigte. Möglicherweise mit der Herstellung künstlicher Augen, oder... na ja, jedenfalls mit etwas Ähnlichem, in dieser Branche. Unser Werk gehörte der Assoziation zur Schaffung des neuen Menschen an - ein gigantischer transnationaler Konzern, von dem einzelne Abteilungen sich auch in unserem Land befanden. Ehrlich gesagt,wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, so entstanden in der Arbeitsausführung des Konzerns periodisch gewisse Schwierigkeiten. Die Mehrheit der Ersatzteile war, milde ausgedrückt, nicht von allerbester Qualität,und es kam mit den Angestellten zu großen Problemen. Während meiner Arbeit in der Fabrik wusste ich eine Zeit lang nicht, wo ich wohnen sollte, denn das Unternehmen befand sich ziemlich weit weg von meinem Haus, und Geld, um wenigstens ein elendes Loch zu mieten, besaß ich nicht. Deshalb war ich ganze zwei Jahre hindurch gezwungen, in der Fabrik in einem kleinen Kämmerchen zu nächtigen, wo defekte Teile aufbewahrt wurden. Und während ich schlief, beobachteten mich Dutzende fehlerhafter Köpfe, die unordentlich in eine riesengroße Kiste gestopft waren, welche auf dem Fusboden neben meiner Schlafstätte stand. Köpfe mitverwachsenem Kinn, pathologisch großen Lippen oder ohne Nase sowie löchrige Köpfe,über deren Gesichter sich dickflüssiges, synthetisches Hirn ergoss. Die Köpfe langweilten sich die ganze Zeit, sie hatten nie eine Beschäftigung, und mir fehlte sowohl die Zeit als auch der Wunsch, sie wenigstens auf irgendeine Art zu unterhalten. Und vielleicht daher war in jenen Blicken, die diese Köpfe mir zuwarfen, eine Art tauber, verstummter Verurteilung abzulesen. Obwohl warum eigentlich? Einige Zeit lang verhielt ich mich zu meiner Koexistenz mit einer Vielzahl von Köpfen in einem Zimmer ziemlich liberal. Einige von ihnen blinzelten immerfort mit den Augen, einige konnten gar ein bisschen sprechen. Zuweilen entstanden unter ihnen allerlei geräuschvolle Streitigkeiten, zum Beispiel zum Thema der freien Liebe oder des Umweltschutzes. Das kam in der Regel zum Einbruch der Nacht hin vor, wenn ich mich bereits schlafen legen musste, um am folgenden Tag wieder mit neuen Kräften an die Arbeit zu gehen. Nicht bloß einmal war ich gezwungen, sie warnend anzuschnauzen, zu bitten und zu bedrohen. Die Köpfe beruhigten sich dann ein wenig, aber nicht für lange. Ihr Flüstern nervte mich nichtsdestotrotz unwahrscheinlich. So blieb es so lange, bis ich den Mut aufbrachte, mich beim Ordnungshüter über das unmoralische Verhalten der Köpfe zu beschweren. Dieser fröhliche Onkel hatte in jener Minute gerade nichts zu tun, und daher zeigte er sich in Bezug auf meine Klage bemerkenswert kulant. Nachdem er die Metallschneideschere genommen hatte, kam der Ordner zu mir in mein Zimmer und war eine ganze Stunde nur damit bescheftigt,allen Köpfen die Zungen herausreisen,wobei er diesen Prozess mit unaufhörlichen Erzählungen über die Gurkenernte auf seiner Datscha und Ähnliches in der Art begleitete. Danach trat in meinem Leben endlich jener Frieden ein, welcher mir immer so sehr gefehlt hatte. Aber plöztlich, nachdem ich mehrere Stunden das Verhalten der Köpfe beobachtet hatte, kam ich zu dem Schluss, dass sie sich weiterhin miteinander unterhielten, nur dass sie dies jetzt mit Hilfe ihrer Augen taten. Es war mir zutiefst unangenehm, mir ihr schweigsames Gespräch anhören zu müssen; die Geräusche,wie sie mit den Lidern klimperten, lagen mir schwer in den Ohren. Aber es verstrich ein ganzes halbes Jahr, ehe ich mich getraute, den Ordner zu bitten, diesen redseligen Köpfen die Augen auszustechen. Doch dieses Mal lies er sich auf eine solche Gefälligkeit für mich nur für eine Flasche Fusel ein. Neben Köpfen lagerten in meinem Zimmer auch Hände - mit runzliger Haut, in Zuckungen verkrümmt, sechsfingerig oder ohne Fingernägel.Es lagen auch Teile von Leibern, Beine, Genitalien und innere Organe herum. Alles das schaukelte hin und her, zog sich zusammen,atmete,versuchte, sich zu regen, - mit einem Wort,lebte oder strebte an zu leben und hinderte mich so daran, mich auf meine Gedanken und Erinnerungen zu konzentrieren. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass ich mich in meinem Zimmer nicht immer behaglich fühlte. Aber im Allgemeinen behielt ich aus jener Zeit außerordentlich gute Erinnerungen - Jugend, Romantik,ununterbrochener Optimismus... Mit großem Vergnügen erinnere ich mich jetzt meines damaligen Freundes Vałodźka.Er arbeitete als Augenbläser in unserer Halle. Ein guter Arbeiter war er, fleißig - er erfüllte stets den Plan über dem Soll. Er erledigte täglich 300 Augen, manches Mal kamen sogar an die 500 dabei heraus... Wenn alle ein so verantwortungsbewusstes Verhältnis zu ihrer Arbeit hätten wie dieser schlichte Bursche aus der Nähe von Slutsk, wäre das Geschäft der Erschaffung eines neuen Menschen nie in die Sackgasse geraten, in der es sich heutzutage befindet (...). *** Wenden wir uns nun zur Frage nach meinem ästhetischen Geschmack,meinen Vorstellungen von der Poesie und vom künstlerischen Schaffen im Allgemeinen. Man muss zunächst feststellen, dass die Poesie für mich auf ihre Weise Magie ist. Magie, die uns in die Gefilde des Geheimnisvollen eintaucht, in eine Welt, die unsichtbar ist für das Auge des einfachen Menschen. Magie, die ihre Rituale hat. Gerade diese gestatten uns, die schmale Tür für uns in diese wunderliche Welt aufzustoßen. Und ein echter Dichter zu werden, ist mir erst geglückt, nachdem ich in einem Gebrauchtwarenladen der Hauptstadt einen goldenen Zahn Homers erworben hatte. Das Ritual, das ich mit jenem Zahn durchführte, hatte ich der Kultur des Urstammes des Fau entliehen. Ich sehe davon ab, es hier im Detail zu beschreiben - letzten Endes hat jeder Schöpfer das Recht auf seine eigenen Geheimnisse. Der eine benutzt dafür, um sich inspirieren zu lassen, Lehmfiguren von Menschen und Tieren, ein anderer beschränkt sich auf einfache Zaubersprüche,die Avantgardisten beschäftigen sich weitgehend mit Nekromantie, und der Jugend erscheinen rituelle Tänze am verlockendsten. Mit einem Wort, jeder sucht sich seinen eigenen Weg. Trotzdem darf auch nicht vergessen werden, dass die Inspiration,die Motive für das Entstehen dichterischer Stimmung eine komplizierte und wohl auch unerklärliche Angelegenheit sind. Und hier besteht stets die Möglichkeit,sich zu irren, wovon das Beispiel eines Freundes von mir zeugt, dem ein paar Gauner anstatt der Zeugungsorgane Achmatovas einen gewöhnlichen Hühnerhintern verkauft haben. Aber er begriff, dass man ihn betrogen hatte,erst einige Zeit, nachdem er das rohe Stück Fleisch und Fett gegessen und Kalbsblut hinterher getrunken hatte, wie es das von ihm erwählte Ritual der Taigazulus verlangte. Und im Ergebnis wurde die Ästhetik der poetischen Schöpfung dieses Menschen so originell,dass niemand in Belarus wagte,seine Werke als Gedichte zu bezeichnen. Daher war dieser - im Übrigen sehr talentierte - Bursche gezwungen, sich eine Anstellung im Fernsehen zu verschaffen, in der Sendung "Resonanz", wenn ich mich nicht irre. Doch was für ein trauriges Ergebnis zeitigte die berühmte Aktion des gemeinschaftlichen Fressens der Leiche Giotkas, die von den Freunden der Literatenvereinigung "Bum-bam-lit" auf dem Moskauer Friedhof* in der Nacht vom dritten auf den vierten März 1995 veranstaltet wurde! Ein Gros der Teilnehmer dieses Festmahls wurde ein paar Monate später flüssig und trocknete plötzlich in der Sonne, denn es war damals ein schöner, warmer Tag, und jedwede Flüssigkeit verwandelte sich zusehends in Dampf. Daher appelliere ich an unsere schöpferische Jugend, möglichst behutsam mit magischen Ritualen, die mit poetischer Inspiration in Verbindung stehen, zu verfahren (...). Aus dem Lateinischen übertragen von Michaś Bajaryn. * Der Moskauer Friedhof befindet sich in Minsk, in Richtung nach Moskau gelegen (Anm.d.Ü.) Aus dem Belarussischen von André Böhm Would you like to comment?Sign up for a free account, or sign in (if you're already a member). |
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