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Drift Bottle | by h.koppdelaney
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Drift Bottle

Drift Bottle

 

Leaving the Bottle

 

HKD

 

Flaschenpost zum Aufwachen – oder – Oma gegen Herrenanzug

 

Ihr Sohn habe am Strand eine leere Flasche gefunden, sagte die Mutter und beschrieb in wenigen Sätzen, wie er eine halbe Stunde mit ihr am Wasser gespielt habe. Der Zug rollte indessen an, und ich sah, wie ein Mann mit Aktentasche lief, um den Zug noch zu erreichen. Jemand im Zug muss ihm die Tür aufgehalten haben, denn ich sah ihn nicht mehr auf dem Bahnsteig.

Der kleine Held unterdessen schlief an der Seite seiner Mutter, während seine extravagant gekleidete Oma und seine jüngere Schwester der Geschichte mit der Flaschenpost lauschten. Allerdings handelte es sich um eine andere verschlossene Flasche, eine mit Inhalt.

„Ich weiß noch“, sagte die Mutter, „wie ich sie vor Jahren am Strand fand. Wir wohnten da noch in der Nähe des Hafens.“

Sie sei allein unterwegs gewesen und es war die Zeit, in der sie um Entscheidungen gerungen habe, die sie zwar erfühlt aber noch nicht verstanden habe.

„Und dann kam dieser Brief von einer Frau“, sagte sie. „Hanna hat die Flasche im Zusammenhang mit einem persönlichen Ritual ins Meer geworfen. Sie wollte sich aus ihrem Gefängnis befreien.“

In diesem Augenblick trat der Mann mit Aktentasche in unser Abteil und bat, da der Zug sehr voll sei, um den noch einzigen freien Platz im Abteil.

Der Junge war durch die Unruhe aufgewacht und sagte, er habe von der Flasche geträumt, die er am Strand gefunden habe.

„Wir sprachen gerade über die Flaschenpost“, sagte die Mutter und kam auf Hanna zurück, die in dem Brief von ihrem Selbstbetrug gesprochen habe. Sie wollte endlich ehrlich zu sich sein, doch sie hatte Angst, weil sie wusste, wenn sie ehrlich sei, müsse sie ihre vertraute Umgebung verlassen. Sie schrieb: Ich halte einige Türen zu hinter denen Wünsche lauern, die ich mir nicht gestatten kann. Ich habe Angst, dass meine Selbstdisziplin wieder einmal versagt.“

Der Mann hörte aufmerksam zu, obwohl er eine Lektüre aus seiner Tasche geholt hatte, die er leicht zitternd in der Hand hielt. Die Vibration ging vom Zug aus, der immer mehr an Fahrt gewann. Der Junge sah fasziniert und still auf die zitternden Spitzen der Blätter.

„Da stand noch eine ganze Menge“, fuhr die Mutter fort. „Ich kriege es einfach nicht mehr hin, mich zu Handlungen zu zwingen, obwohl sie vernünftig erscheinen. Ich kann mich nicht einmal mehr amüsieren oder ablenken. Das Leben ist öde geworden. Es ist, als sei die Freude an meinen bisherigen Aktivitäten versiegt.“

„Oma, was ist Selbstbetrug?“ fragte der Junge.

„Wenn man nicht der Freude folgt, sondern der Pflicht.“

„Entschuldigen Sie“, sagte der Mann im Anzug. „Das sehe ich anders.“

„Das will ich hoffen, junger Mann. Ich bin Künstlerin, was Sie unschwer an meiner bunten Freizeitkleidung erkennen. Und so erkenne ich auch Sie, in Ihrem Anzug. Ich bin nicht tolerant, und ich bitte Sie, meine Meinung stehen zu lassen, als das, was sie ist: nämlich meine Meinung. Und meine Intoleranz besteht darin, dass ich Sie nicht um Ihre Meinung gefragt habe und das auch nicht tun werde. Übrigens mein Vater war Rechtsanwalt und trug solche Anzüge wie Sie. Er hat sein ganzes Leben lang seine Pflicht getan.“

„Oh“, sagte der Mann mit Aktentasche. „Ich habe da wohl einen wunden Punkt getroffen. Offenbar haben Sie andere Erfahrungen gemacht als ich, denn mein Vater war Hippie, verantwortungslos und immer mit anderen Frauen unterwegs. Meine Mutter hat ihn einige Male aus dem Knast geholt, weil er mit Drogen erwischt wurde. Ich bin ebenfalls nicht tolerant, was bestimmte Dinge angeht und dazu gehört Chaos. Folge der Freude hat meiner Familie nur Chaos gebracht.“

„Oma“, sagte der Junge noch einmal im quengeligen Ton. „Was ist Selbstbetrug?“

„Selbstbetrug ist, wenn du an Dinge glaubst, von denen du weißt, dass sie nicht stimmen.“

„Ich würde jetzt gern meine Geschichte zu Ende bringen“, sagte die Mutter.

„Mama“, sagte der Junge. „Was ist Selbstbetrug? Mache ich das auch?“

„Später vielleicht.“ Sie besonn sich einen Augenblick dann sagte sie: „Hanna hat aufgezählt, welche Enttäuschungen sie durchgemacht und welche Illusionen sie verloren hat…“

„Ja, ja“, sagte die Oma. „Illusionen sind die Basis von Selbstbetrug.“

„Woher kommen die Illusionen?“ fragte der Junge.

„Die schickt uns der Schöpfer in unsere Träume“, antwortete die Oma. „Und er schickt uns eine Flaschenpost, damit wir aus den Träumen wieder aufwachen.“

 

HKD

 

Digital art based on own photography and textures

 

HKD

 

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Taken on January 13, 2012